Atomares Damoklesschwert über dem indischen Subkontinent
Unbeabsichtigter Atomkrieg zwischen Pakistan und Indien ist nach Ansicht eines indisch-pakistanischen Forscher-Duos wahrscheinlicher als intendierter Erstschlag
Noch sollen angeblich keine atomaren Waffen in den Händen radikaler Moslems sein. Ungeachtet dieser Vermutung besteht aber die potentielle Gefahr, dass Indien und Pakistan, die schon vor Jahren im Konzert der Nuklearmächte den Logenplatz verlassen und in der zweiten Reihe des Orchesters Platz genommen haben, einen unbeabsichtigten Atomkrieg auslösen könnten. Die Gefahr eines Atomkriegs aus Versehen war noch nie so groß wie jetzt.
Und keine Region in dieser Welt ist so gefährdet, labil und anfällig für den Einsatz von Nuklearwaffen. Das Wechselspiel zwischen atomarer Aufrüstung und atomaren Gleichgewicht könnte in Südasien schnell außer Kontrolle geraten. Dies glauben zumindest zwei Physiker und Friedensforscher aus Indien und Pakistan, die in dem angesehenen US-Fachmagazin Scientific American jetzt in einem gemeinsamen Artikel (zitierte Passagen werden im Original wiedergegeben) expressis verbis vor einem zufällig provozierten Krieg warnen
Am 25. Januar 1995 wäre die biblische Apokalypse beinahe in einem von Menschen kreierten Flammeninferno Realität geworden. Nach der Kuba-Krise von 1962, nach der unglaublichen Geschichte von Oberstleutnant Stanislaw Petrow, der 1983 die Welt sozusagen im Alleingang rettete nach anderen teils bekannten, teils geheimen Fehlalarmen, die wohl erst Jahre später ihren Weg aus den Archiven an die Öffentlichkeit finden werden (oder auch gar nicht), stand die Menschheit vor sieben Jahren, zumindest ein Teil von ihr, abermals am Rande ihrer (Teil-)Vernichtung. Ausgelöst wurde die Beinahe-Katastrophe durch einen Alarm, dessen Verursacher sich als kleiner Lichtfleck auf den Bildschirmen einiger Radarstationen in Nordrussland offenbarte.
Die Aufregung unter den Diensthabenden war enorm, weil die Lichtspur auf dem Display offensichtlich nur eine Interpretation zuließ. Irgendwo vor der Küste Norwegens musste Sekunden zuvor eine Rakete gestartet sein, die sich mit relativ hoher Geschwindigkeit nach oben arbeitete. Sollte es sich hierbei wirklich um einen ballistischen mit Atomköpfen bestückten Flugkörper handeln, der von einem amerikanischen U-Boot abgeschossen worden war? Wenn ja, dann bräuchte das Flugobjekt gerade mal 15 Minuten, um über Moskau seine acht Sprengköpfe zu verteilen.
Die Zeit war knapp und guter Rat teuer. Vorschriftsmäßig durchlief die Nachricht alle dafür vorgesehenen Instanzen, bis sie schließlich nach wenigen Minuten beim damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin eintraf, der sich in seiner Funktion als oberster Befehlshaber des Militärs umgehend mit seinen Beratern telefonisch in Verbindung setzte, um die Lage zu sondieren. Dabei kam es zu einem Novum in der langjährigen Geschichte der atomaren Abschreckung: Erstmals wurde der so genannte Atomkoffer für den Notfalleinsatz aktiviert. Nachdem für einige nervenzerreißende Minuten völlig unklar war, welches Ziel das Geschoss überhaupt anvisierte, eskalierte die Situation noch weiter, als auf dem Radarschirm das Abtrennen der Antriebsstufe zu sehen war. Die Nervosität auf russischer Seite wurde unerträglich, da dieses Manöver exakt jenem entsprach, das bei einem Angriff mit mehreren Trägersystemen zu erwarten gewesen wäre. Erst kurz vor der festgelegten Frist, wonach ein Gegenschlag umgehend zu beantworten gewesen wäre, löste sich der Spuk in Luft auf, weil die Rakete, anstatt Kurs auf Russland zu nehmen, weit auf das Meer hinaus flog.
Nach einer Fehleranalyse stellte sich heraus, dass hinter der vermeintlichen Atomrakete nur eine US-Höhenforschungsrakete steckte, die das Nordlichtphänomen untersuchen sollte. Den Start des zivilen, wissenschaftlichen Flugkörpers hatten die norwegischen Behörden bereits Wochen zuvor ordnungsgemäß den dafür zuständigen russischen Stellen avisiert. Doch aus unerklärlichen Gründen blieb die Information in irgendwelchen dunklen Administrationskanälen hängen.
Drei blutige Kriege
Dass der unverzeihliche Fauxpas dennoch ein solch glimpfliches Ende nahm, war letzten Endes der Besonnenheit der russischen Entscheidungsträger zu verdanken, die trotz der ganzen Dramatik nicht die Übersicht verloren, obgleich sie das undenkbare Szenario eines atomaren Erstschlags stets ins Kalkül ziehen mussten. Aber nicht überall ist es mit der Contenance, Besonnenheit und vor allem Geduld so gut bestellt wie in Russland. Gerade jene Länder, die viel zu schnell in den Club der Atommächte arriviert und alles andere als erfahren im Umgang mit Atomwaffen sind, könnten bei derlei Fehlalarmen schnell den Kopf und damit jegliche Vernunft verlieren. Dass dies im Besonderen auf die beiden Atomclub-Neulinge Indien und Pakistan zutrifft, die seit geraumer Zeit dem ehemaligen Nuklear-Quintett USA, Russland, England, Frankreich und China angehören (wobei auch andere Länder die Waffe schon längst haben könnten - z.B. Israel, dürfte dabei nur die logische Konsequenz der politischen, religiösen und militärisch-geographischen Situation beider verfeindeter Länder sein.
Am stärksten wurde das Feindbild durch die drei blutigen Kriege von 1948, 1965 und 1971 geprägt, die Indien und Pakistan seit ihrer Unabhängigkeit von Großbritannien 1947 geführt haben. Seither kennzeichnen zwei grundlegende Spannungen das indisch-pakistanische Verhältnis: ein territorialer Streit und der Widerspruch in der jeweiligen Staatsideologie und der Territorialkonflikt um die Hochgebirgsregion von Kaschmir, deren Verbleib am Ende der britischen Kolonialherrschaft ungeklärt war. Heute stehen vereinzelte Kämpfe und kleinere Scharmützel an der Grenze zu Kaschmir auf der Tagesordnung, wo schon seit 1947 scharf geschossen wird und bis dato schätzungsweise 17.000 bis 47.000 Menschen ums Leben gekommen sind.
Tödlicher Atomkrieg könnte zufällig ausbrechen
Doch sollten beide Länder in absehbarer Zeit den tiefverwurzelten Hass und das ausgeprägte gegenseitige Misstrauen nicht abbauen, dann könnte dies schon in naher Zukunft möglicherweise fatale Konsequenzen haben. Dies glaubt zumindest ein indisch-pakistanisches Autorenduo, das jüngst in dem angesehenen US-Wissenschaftsmagazin "Scientific American" die angespannte Lage auf dem Subkontinent in einem gemeinsamen Fachbeitrag skizzierte und bewertete. Was ihre Heimatländer bislang nicht vermocht haben, haben M. V. Ramana von der Princeton Universität und Prof. A. H. Nayyar von der Quaid-e-Azam Universität in Islamabad zusammen in die Tat umgesetzt: Sie reichten sich die Hand und analysierten die Situation unvoreingenommen und nüchtern.
Das Ergebnis ihrer Untersuchung ist erschreckend und alarmierend zugleich. Denn Raman, ein Gründungsmitglied der Indian Coalition for Nuclear Disarmament and Peace, und Nayyar, Mitbegründer der "Pakistan Peace Coalition", glauben, dass die Gefahr eines ungewollten Atomkriegs zwischen beiden Ländern noch nie so groß gewesen war, wie dies momentan der Fall ist.
Deployment increases the risk that nuclear weapons will be used in a crisis through accident or miscalculation. With missile flight times of three to five minutes between the two countries, early-warning systems are useless. Leaders may not learn of a launch until they look out their window and see a blinding flash of light. They will therefore keep their fingers close to the button or authorize others, geographically dispersed, to do so,
konstatiert das Physiker-Duo, für die der Subkontinent die weltweit gefährlichste und anfälligste Region für den Einsatz von Nuklearwaffen ist. Zu befürchten sei, dass bei einer sich zuspitzenden Krise die Führer und autorisierten Verantwortlichen beider Staaten schnell unter Zugzwang geraten und den Startknopf unvermittelt drücken könnten, zumal zwischen Pakistan und Indien kein rotes Telefon einen direkten Draht zwischen den jeweiligen Staatschefs garantiere. Bestenfalls ständen unzureichende Krisentelefone auf unterer Ebene bereit, die aber kaum zuverlässig funktionierten.
Wohl deshalb halten Ramana und Nayyar zwei erschreckende Szenarien für denkbar. Das erste davon würde eintreffen, wenn indische Truppen die Grenze zu Pakistan während eines Luft- und Bodenkriegs überschreiten und sich bis zum Stadtrand von Lahore vorkämpfen oder wenn ihre Kriegsschiffe auf Karachi eine Schiffsblockade verhängen würden. In diesem Fall könnte Pakistan sich genötigt sehen, einen Warnschuss mit einer taktischen Nuklearbombe auf ein militärisches Ziel abzugeben. Das andere Szenario geht zwar von der selben Situation aus, weist aber einen elementaren Unterschied auf. Denn in der zweiten Fallstudie würde Pakistan zum letzten Mittel greifen und anstelle eines gezielten Warnschusses gleich eine indische Großstadt direkt angreifen. Träfe etwa eine 15 Kilotonnen-Bombe die Stadt Bombay, dann würden in den ersten Monaten zwischen 150.000 und 850.000 Menschen sterben, so die wenig hoffnungsvoll stimmende Prognose der Forscher.
Eklatante Unterschiede
Genauso wenig hoffnungsvoll stimmen vor allem die großen Unterschiede, die zwischen beiden Staaten auf nahezu allen Ebenen zum Ausdruck kommen - wie etwa das vollkommen unterschiedliche Staatsverständnis. Während sich Pakistan als Staat der indischen Moslems versteht, definiert sich Indien als säkularer Staat aller Inder, einschließlich der 120 Millionen Anhänger des Propheten. Aus Sicht Indiens dürfte es Pakistan eigentlich nicht geben, aus pakistanischer ist die Existenz Indiens eine fundamentale Herausforderung. Verschärft wird dieser durch den Vielsprachen- (allein in Indien werden neben den Hauptsprachen Hindi und Englisch über 1500 Sprachen und Dialekte gesprochen) respektive Vielvölkercharakter beider Länder.
In ihrer Studie betonen die beiden Forscher, dass Pakistan seit seiner Gründung seinem Nachbarn in fast jeder Hinsicht hinterher hinkt und stets die Rolle des Reagierenden übernehmen musste. Einerseits ist das islamische Land in punkto Land/Größe, Bevölkerung, Wirtschaftskraft und konventionellen Waffen dem Riesen Indien hoffnungslos unterlegen. Andererseits verfügt die 152,33 Millionen Einwohner starke und 796.095 Kilometer Quadratkilometer große "föderative Republik" immerhin über 20 bis 40 einsatzfähige Atombomben, wobei pro Bombe rund 20 Kilogramm Spaltmaterial verwendet wird. Aber auch hier hat Indien (Bevölkerung: 1,05 Milliarden, Landesfläche: 3, 29 Mio km²) einen deutlichen Vorsprung.
If India's plutonium production reactors have been operating on average at 50 to 80 percent of full power, India has somewhere between 55 and 110 weapons' worth of plutonium,
heißt es in der Untersuchung. Diese Zahlen basieren zwar nur auf Schätzungen, da die Anzahl von Sprengköpfen und Trägersystemen top-secret sind; dennoch bringen sie das Ungleichgewicht deutlich zum Ausdruck.
Als Indien 1962 nach dem Grenzkrieg mit China sein Atomwaffenprogramm startete, stand in Pakistan noch nicht ein einziger Forschungsreaktor (erst ab 1965). Und als Indien im Mai 1974 seine erste Atombombe zündete, war Pakistan noch sechs Jahre von derselbigen entfernt. Diesen Rückstand hat der islamische Staat bis auf den heutigen Tage noch nicht aufgeholt, obgleich Pakistan wie Indien vom Westen reichlich mit Technik und Equipment aller Art unterstützt wurde, wie die Forscher betonen:
Although the standoff between Pakistan and India has distinct local characteristics, both countries owe much to other nuclear states. The materials used in their bombs were manufactured with Western technology; both countries' justifications for joining the nuclear club drew heavily on cold war thinking.
Dr. Seltsam lässt grüßen
Die beiden Physiker verweisen in ihrer Untersuchung auch auf den prekären Umstand, dass das Prinzip der atomaren Abschreckung, so wie es über Jahrzehnte den Ost-West-Konflikt ausbalancierte, auf dem Subkontinent aus vielerlei Gründen nicht greife. Hauptsächlich hänge dies damit zusammen, dass die Einstellung Pakistans und Indien zu der Atombombe eine völlig andere sei, da man dort in der Atombombe mehr ein Statussymbol politischer Macht und technischer Modernität und weniger eine abschreckende Waffe sähe, ja inzwischen gar so weit sei, diese regelrecht lieben gelernt zu haben.
Darüber hinaus haben sich die beiden Staaten auch mental und verbal auf den Einsatz von Atombomben eingestimmt. Wie dies in der Praxis aussieht, zeigte letztes Jahr die indische Armee, die im Mai eine große Übung mit Zehntausenden Soldaten, Panzern, Kampfflugzeugen und -Hubschraubern mit dem Ziel absolvierte, die Streitkräfte auf das undenkbare Szenario eines chemischen, biologischen und atomaren Angriffs vorzubereiten. Oft werden auch in medienwirksamer Manier gegenseitig Drohungen ausgesprochen, ganz nach dem Motto: Wir sind für alle Eventualitäten gewappnet und jederzeit bereit, zurückzuschlagen. Noch vor wenigen Tagen ließ sich der indische Armeechef General S. Padmanabhan zu der Aussage verleiten, dass sein Land am Rande eines Krieges stände und sowohl auf eine konventionelle Auseinandersetzung als auch auf einen atomaren Schlagabtausch vorbereitet sei. Die indische Armee sei zu einer atomaren Antwort bereit, wenn Pakistan mit Atomwaffen angreifen sollte.
Indische Soldaten beim Manöver
Sieht man aber einmal von der fehlenden Sicherheit der pakistanischen Atomsprengköpfe ab, die kein elektronisches Kodesicherungs-System zur Schärfung der Gefechtsköpfe haben, so wie man es von dem US-amerikanischen und russischen Atomwaffen kennt, und ignoriert man einmal die daraus resultierende Tatsache, dass im Prinzip jeder, der gerade im Besitz der Raketen ist, dieselbigen ungehindert einsetzen kann, überspielt man zudem die nicht zu unterschätzende Gefahr, dass radikale Moslems die Atombombe zur heiligen Waffe verklären und instrumentalisieren könnten (auf diesen Aspekt gehen die Autoren in ihrer Studie nicht näher ein), so fällt das Risiko eines ungewollten Einsatzes dieser tödlichen Bomben nicht minder schwer ins Gewicht, primär deshalb, weil es hiergegen vorerst keinen Schutzmechanismus gibt. Denn wo Misstrauen, Angst und Hass regieren, gewinnt die Unvernunft meist die Oberhand. Und genau deshalb hängt das atomare Damoklesschwert, das über dem indischen Subkontinent schwebt, an einem seidenen, dünnen Faden, der jederzeit reißen könnte.