Vorab der Kommentar der Börsenzeitung:
Von Dieter Kuckelkorn
Fed-Chairman Alan Greenspan gibt dem Kapitalmarkt immer öfter Rätsel auf. Hatte er sich bis zirka Ende 1999 als ein Meister der Feinsteuerung erwiesen, so scheint dieses besondere Verhältnis seit einiger Zeit gestört zu sein. Zuletzt war dies Anfang Januar klar erkennbar. Noch am 20. Dezember 2000 waren die Zinssätze nicht angetastet worden. Nur wenige Tage danach senkte der Fed-Chairman am 3. Januar außer der Reihe die Zinsen. Auch damals wurde der Beschluss mit einer Mischung aus Freude und Unverständnis quittiert.
Die gestrige Reduzierung der Leitzinsen um 50 Basispunkte schlug wie eine Bombe ein. Der Aktienmarkt reagierte mit Kurskapriolen, denn im Licht der neuesten makroökonomischen Daten hatte niemand damit gerechnet. Nach Ansicht vieler Beobachter war sogar die Wahrscheinlichkeit für eine geldpolitische Maßnahme anlässlich der nächsten regulären Sitzung des Offenmarktausschusses am 15. Mai zuletzt deutlich kleiner geworden.
Die Fed weist in ihrer Pressemitteilung selbst auf dieses verbesserte Umfeld hin. So scheint die Reduzierung der Lagerbestände in der verarbeitenden Industrie, die im Zentrum der Flaute steht, fast beendet zu sein. Auch ist im März die Industrieproduktion erstmals seit einem halben Jahr wieder gestiegen. Trotz der Entlassungen bleiben die privaten Haushalte bei der Stange, der Konsum verharrt auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Und nicht zuletzt schreibt die Fed, dass das Produktivitätswachstum nach wie vor intakt sei. Nichts deutet darauf hin, dass Amerika in die Rezession rutscht. Weshalb also die Aufregung?
Es gibt letztlich nur eine einzige logische Erklärung. Alan Greenspan weiß aufgrund seiner Verbindungen offenbar mehr als der Markt. Diese Erkenntnisse und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen müssen innerhalb der Fed so etwas wie eine Panik ausgelöst haben. Wie die Notenbank ansatzweise durchblicken lässt, geht es dabei um das Investitionsverhalten der amerikanischen Unternehmen. Die stark gesunkene Profitabilität und die unsicheren Zukunftserwartungen resultieren mittlerweile in massiven Kürzungen der Budgets. Ein Einbruch bei den Investitionen stellt eine massive Gefahr für das weitere Wirtschaftswachstum dar.
Das Problem besteht jedoch darin, dass die Fed den Investitionen durch den Zinsschritt kurzfristig kaum auf die Sprünge helfen kann. Bis sich eine spürbaren Reaktion der Realwirtschaft zeigt, vergehen typischerweise sechs bis neun Monate. Es besteht die Gefahr, dass Alan Greenspan denselben Fehler zweimal begeht. Schon bei der Serie der Zinserhöhungen ab Sommer 1999 war er über das Ziel hinausgeschossen.
Börsen-Zeitung, 19.4.2001
Meine persönliche Meinung dazu ist relativ kurz skizziert:
Greenspan hat mit den beiden ersten Zinssenkungen nur die unnötigen beiden letzten Erhöhungen korrigiert. Wir stehen erst am Anfang einer richtigen Zinssenkungsphase, die vermutlich mit 0,25% Schritten weitergehen wird.
Die Stabilisierung der Aktienmärkte ist m. E. der entscheidende Auslöser für diese Reaktion. Die guten Beziehungen Greenspans zum Statistischen Bundesamt in den USa lassen den Schluß zu, daß er erste Hochrechnungen vorab bekommen hat und die Märkte zu Kaufstimmung anreizt, weil die Zahlen wohl für die Konjunktur vernichtend ausfallen werden.
Dies, zusammen mit dem zu erwartenden Einschnitt in die persönlichen Vermögensverhältnisse eines jeden US-Amerikaners und dessen Kreditwürdigkeit (über massiv einbrechende Aktienkurse, man bedenke dazu: im letzten Jahr betrug der durchschnittliche Vermögensverlust nur 1,8%) können die Konjunkturspirale nach unten anheizen.
Damit, und das ist für mich entscheidend, verläßt Alan Greenspan zum ersten Mal den Weg des reinen Währungshüters und macht per Saldo Strukturpolitik. Mittelfristig wird damit die FED ihre Glaubwürdigkeit verlieren ... und die wahren Probleme werden nur ausgesessen.
Von Dieter Kuckelkorn
Fed-Chairman Alan Greenspan gibt dem Kapitalmarkt immer öfter Rätsel auf. Hatte er sich bis zirka Ende 1999 als ein Meister der Feinsteuerung erwiesen, so scheint dieses besondere Verhältnis seit einiger Zeit gestört zu sein. Zuletzt war dies Anfang Januar klar erkennbar. Noch am 20. Dezember 2000 waren die Zinssätze nicht angetastet worden. Nur wenige Tage danach senkte der Fed-Chairman am 3. Januar außer der Reihe die Zinsen. Auch damals wurde der Beschluss mit einer Mischung aus Freude und Unverständnis quittiert.
Die gestrige Reduzierung der Leitzinsen um 50 Basispunkte schlug wie eine Bombe ein. Der Aktienmarkt reagierte mit Kurskapriolen, denn im Licht der neuesten makroökonomischen Daten hatte niemand damit gerechnet. Nach Ansicht vieler Beobachter war sogar die Wahrscheinlichkeit für eine geldpolitische Maßnahme anlässlich der nächsten regulären Sitzung des Offenmarktausschusses am 15. Mai zuletzt deutlich kleiner geworden.
Die Fed weist in ihrer Pressemitteilung selbst auf dieses verbesserte Umfeld hin. So scheint die Reduzierung der Lagerbestände in der verarbeitenden Industrie, die im Zentrum der Flaute steht, fast beendet zu sein. Auch ist im März die Industrieproduktion erstmals seit einem halben Jahr wieder gestiegen. Trotz der Entlassungen bleiben die privaten Haushalte bei der Stange, der Konsum verharrt auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Und nicht zuletzt schreibt die Fed, dass das Produktivitätswachstum nach wie vor intakt sei. Nichts deutet darauf hin, dass Amerika in die Rezession rutscht. Weshalb also die Aufregung?
Es gibt letztlich nur eine einzige logische Erklärung. Alan Greenspan weiß aufgrund seiner Verbindungen offenbar mehr als der Markt. Diese Erkenntnisse und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen müssen innerhalb der Fed so etwas wie eine Panik ausgelöst haben. Wie die Notenbank ansatzweise durchblicken lässt, geht es dabei um das Investitionsverhalten der amerikanischen Unternehmen. Die stark gesunkene Profitabilität und die unsicheren Zukunftserwartungen resultieren mittlerweile in massiven Kürzungen der Budgets. Ein Einbruch bei den Investitionen stellt eine massive Gefahr für das weitere Wirtschaftswachstum dar.
Das Problem besteht jedoch darin, dass die Fed den Investitionen durch den Zinsschritt kurzfristig kaum auf die Sprünge helfen kann. Bis sich eine spürbaren Reaktion der Realwirtschaft zeigt, vergehen typischerweise sechs bis neun Monate. Es besteht die Gefahr, dass Alan Greenspan denselben Fehler zweimal begeht. Schon bei der Serie der Zinserhöhungen ab Sommer 1999 war er über das Ziel hinausgeschossen.
Börsen-Zeitung, 19.4.2001
Meine persönliche Meinung dazu ist relativ kurz skizziert:
Greenspan hat mit den beiden ersten Zinssenkungen nur die unnötigen beiden letzten Erhöhungen korrigiert. Wir stehen erst am Anfang einer richtigen Zinssenkungsphase, die vermutlich mit 0,25% Schritten weitergehen wird.
Die Stabilisierung der Aktienmärkte ist m. E. der entscheidende Auslöser für diese Reaktion. Die guten Beziehungen Greenspans zum Statistischen Bundesamt in den USa lassen den Schluß zu, daß er erste Hochrechnungen vorab bekommen hat und die Märkte zu Kaufstimmung anreizt, weil die Zahlen wohl für die Konjunktur vernichtend ausfallen werden.
Dies, zusammen mit dem zu erwartenden Einschnitt in die persönlichen Vermögensverhältnisse eines jeden US-Amerikaners und dessen Kreditwürdigkeit (über massiv einbrechende Aktienkurse, man bedenke dazu: im letzten Jahr betrug der durchschnittliche Vermögensverlust nur 1,8%) können die Konjunkturspirale nach unten anheizen.
Damit, und das ist für mich entscheidend, verläßt Alan Greenspan zum ersten Mal den Weg des reinen Währungshüters und macht per Saldo Strukturpolitik. Mittelfristig wird damit die FED ihre Glaubwürdigkeit verlieren ... und die wahren Probleme werden nur ausgesessen.