Die Wiederaufsteherin


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Nassie:

Die Wiederaufsteherin

 
27.03.03 18:44
Sie musste viele Schicksalsschläge einstecken. Aber Marlies Borchert ließ sich nicht beirren. Sie wollte es allen zeigen. Heute ist sie Chefin der Segeberger Kliniken.

 

Marlies Borchert


Sie fühlte sich nicht wohl auf dem Gymnasium. Weil sie anders war. Ein Flüchtlingskind. 1944 im ostpreußischen Gerdauen geboren, war Marlies Borchert als Kleinkind mit ihrer Mutter geflohen und schließlich im Alter von zwei Jahren im Kreis Segeberg gelandet. Sie fühlte sich auch deshalb nicht wohl auf der Schule, weil sie das Gefühl nicht ertrug, anderen auf der Tasche zu liegen. Borchert wollte raus. Handelte. Sie suchte sich eine Lehrstelle und verließ die Schule. Nach der mittleren Reife. Nicht, wie ihre Mutter es gewollt hatte, mit dem Abitur.

Borchert war schon immer eine, die nicht lange fackelt. Sondern Gelegenheiten ergreift - auch wenn gar keine da sind. Die sich etwas zutraut. "Ich habe ein Gespür für die Dinge, die angepackt werden müssen", beschreibt Borchert ihren Antrieb. Ob sie sich den Blazer zurechtzupft oder die Hände mit den rot lackierten Fingernägeln ihre Worte unterstreichen lässt, diesen Willen anzupacken strahlt sie stets aus. Anpacken, noch einen draufpacken - das hat sie ihr ganzes Leben getan, gegen alle Widerstände.


So wurde sie auch Chefin der Segeberger Kliniken. Zwölf Jahre hatte sie als Personalleiterin hier gearbeitet, als die Kliniken verkauft werden sollten. Was wird dann aus mir, fragte sich Borchert. Warum sollte der zukünftige Besitzer gerade sie behalten? Wo sie doch "schon" 42 Jahre alt war und eine Frau noch dazu. Doch sie ließ sich nicht lähmen von ihren Ängsten, sondern beschloss, den Versuch zu wagen, die Klinik selbst zu übernehmen. Wieder packte sie an - zur großen Überraschung ihrer Umgebung. Viele Banken musste sie abklappern, bis sie 1990 eine fand, die die Gesellschafter auszahlte.



Mit Hartnäckigkeit zum Job


Sie hatte es geschafft. Mit ruhigem Vertrauen in die eigene Kraft. So, wie Borchert überhaupt erst in den Gesundheitsbereich kam, nachdem die ausgebildete Industriekauffrau acht Jahre lang als Chefsekretärin bei einem Gas-Zulieferer gearbeitet hatte. In Bad Segeberg wurden Anfang der 70er Jahre Kliniken gebaut. Als sie fast fertig waren, piekste es plötzlich bei Borchert. "Ich dachte, das wäre eine gute Gelegenheit, etwas Neues zu machen." Ihre Bewerbung kam fünf nach zwölf, alle Stellen waren vergeben. Borchert blieb hartnäckig, stellte sich beim damaligen Chef vor. Und hatte Glück: Die Stelle der Personalleitung wurde kurzfristig frei - und Borchert bekam sie.


1974 war das. Erfahrungen mit der Betreuung von Personal hatte Borchert wohl, aber vom Gesundheitswesen "keine Ahnung". Und so musste sie sich einarbeiten - und durchsetzen. "Das war damals eine Männer-Domäne", erinnert sich Borchert. "Da musste ich erst mal die Anerkennung der Chef- und Oberärzte erringen." Einen Oberarzt musste sie erst anschreien, damit die Zusammenarbeit klappte.


Ihre Stärken halfen ihr durch die schwere Anfangszeit. "Das Herausragende an ihr sind ihr Mut, ihre Entschlusskraft und ihre Verlässlichkeit", sagt Gert Richardt, Leiter des Herzzentrums an den Segeberger Kliniken. Borchert hat den Sprung ins kalte Wasser nie bereut: "Es war richtig, dass ich mich das damals mit 30 getraut habe."



Ganzheitliches Konzept


Richtig für sie und für das Unternehmen. Das Besondere an den Kliniken: das ganzheitliche Konzept, das Prävention, Akutmedizin, Rehabilitation und ambulante Pflege einschließt. So bietet das 2000 gegründete Gesundheitszentrum Programme für ein individuelles Gesundheitstraining oder Sporttherapie - und die Mitglieder zahlen selbst.


"Solche Innovationen sind wichtig", sagt Borchert. Ihrer Ansicht nach werden Patienten sich künftig mehr beteiligen müssen. "Die Menschen müssen eigenverantwortlich mit ihrer Gesundheit umgehen." Für die Zukunft ihrer Kliniken hat Borchert wichtige Weichen gestellt: etwa durch die kürzliche Übernahme der ehemaligen Südholstein-Kliniken. So will sie das Angebot erweitern und Synergien erzeugen.


"Das Unternehmen ist mein Zuhause", sagt Borchert. Die Klinik als zweite Familie, weil sie in der ersten Schweres wegstecken musste. Borchert verlor ihre Tochter, als sie erst zwei Jahre alt war, verlor mit knapp 40 Jahren ihren Mann. Sie nahm diese Schläge an - und stand wieder auf. Adoptierte die zwei Kinder ihrer Schwester, die heute 26 und 27 Jahre alt sind. Und zog sich an einer neuen Herausforderung aus dem Tief. Mit einer berufsbegleitenden Ausbildung zur Krankenhausbetriebswirtin. "Damit war mein Weg im Unternehmen vorgezeichnet", meint sie heute. Dort fühlt sie sich wohl. "Es ist sehr spannend jetzt im Gesundheitswesen", sagt sie. "Da muss man mitmischen." Und mitmischen wird sie wohl weiter, so lange es noch etwas anzupacken gibt.

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