Alles eine Frage der Bewertung!
von Michael Vaupel
Warum ich eigentlich fast nie amerikanische Aktien empfehle? Keine Frage, an der New York Stock Exchange oder der Nasdaq werden natürlich einige gute Unternehmen notiert. Eine ganz andere Frage ist es aber, wie deren Aktien bewertet sind. Ein Unternehmen kann gut sein – und die Aktie dennoch zu teuer. Letztlich ist das immer eine Frage der Bewertung.
Und die Bewertungen jenseits des Atlantiks (fast hätte ich geschrieben: in "Amberger-Land") gefallen mir nicht.
Da kann ich auf ganz konventionelle Kennzahlen wie das gute alte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zurückgreifen. Ok, da gibt es alle möglichen Berechnungen. Ich greife da meist auf die Berechnungen von Thomson First Call zurück (die liefern jedenfalls immer gute Werte, was die Konsensschätzungen bei Quartalszahlen angeht). Und laut denen liegt das durchschnittliche KGV an der Wall Street aktuell bei rund 15.
Halt, falsch, jetzt hätte ich fast den gleichen Fehler wie die meisten Marktteilnehmer gemacht. Denn diese KGV-Berechnung beruht auf den Gewinnen der KOMMENDEN vier Quartale. Diese Gewinne sind natürlich noch nicht bekannt, es handelt sich deshalb um Schätzwerte. Und meist um schön gerechnete Schätzwerte: Denn die Unternehmen rechnen unter dem Vorwand, die rein "operativen Gewinne" angeben zu wollen, Sonderfaktoren heraus. Aber was ist ein Sonderfaktor ... da geht es schon los.
Viele Analysten minderer Qualität greifen dieses KGV von 15 dennoch gerne auf und vermelden dann, dass dieser Wert ja in etwa dem historischen, durchschnittlichen KGV entsprechen würde – denn dieses liegt ebenfalls bei rund 15. Das Fazit dieser Analysten: Der US-Markt ist durchschnittlich hoch bewertet, was Chancen eröffnet.
Leider ohne Quelle.
Grüße
ecki
Tanz auf dem Vulkan xxxxxxxxxxxxxxxx Wahnsinn.... Grüße
In den USA nimmt die Immobilienspekulation immer bizarrere Züge an: Hobbyinvestoren stemmen Millionen-Deals
New York - Ihr letzter Urlaub liegt zwei Jahre zurück. Und auch in diesem Jahr hat Trish Don Francesco nicht vor, auch nur für einen Tag ihrem Maklerbüro in Phoenix fernzubleiben, denn: "Der Markt boomt gerade."
Zwar sind die Immobilienpreise seit Anfang 2003 in der Hauptstadt von Arizona um mehr als 40 Prozent gestiegen. Doch damit zählt die Stadt mit ihren 4,5 Mio. Einwohnern zu den Nachzüglern am US-Eigenheimmarkt, der seit den Zinssenkungen in Folge des Börsencrashs von 2001 nur eine Richtung kennt: nach oben. In Las Vegas verdoppelte sich der Wert von Einfamilienhäusern in den vergangenen drei Jahren. In Los Angeles stiegen die Preise um 96 Prozent, in San Diego um 105 Prozent, in San Bernardino um 117 Prozent.
In 2003 identifizierten sich in einer Umfrage der regionalen Researchgesellschaft Infocom lediglich 1300 Erwerber, die in Phoenix ein Eigenheim erstanden hatten, als "Investors". Ein Synonym für Käufer, die eine Immobilie nicht selbst nutzen wollen, sondern nur zuschlagen, um sie bald darauf für einen noch höheren Preis wieder zu veräußern. Im vergangenen Jahr gaben sich bereits 2703 Erwerber als Spekulanten zu erkennen. Ein jeder von ihnen hatte wenigstens drei, manche bis zu zehn Häusern erworben - und dennoch kaum Eigenkapital investiert.
Sogenannte "No money down-Payments" - Käufe, die zu 100 Prozent über Kredite finanziert werden - sind in den USA zur Regel geworden. Der gewaltige Hebeleffekt ermöglichte erst die rasanten Preisanstiege. Und beunruhigt zunehmend die halbstaatliche Immobilienfinanzierungsgesellschaft Fannie Mae: "In weiten Teilen der USA zeichnen die Märkte ein frappierend ähnliches Bild, wie es in der Vergangenheit vor dem Platzen einer Spekulationsblase zu finden war." Denn immer weniger Erwerber schließen noch Tilgungspläne ab. Die durchschnittliche Hypothek betrage inzwischen 91 Prozent des Immobilienwertes.
Das US-Anlegermagazin Fortune spricht von einem "Tanz auf dem Vulkan". Nach einer Studie der National Association of Realtors, des US-Maklerverbandes, agiert inzwischen jeder vierte Eigenheimerwerber in spekulativer Absicht. Unklar ist, ob diese Investoren für 50, 75 oder gar 90 Prozent aller Käufe verantwortlich sind. Sicher ist: Die wenigsten Käufer sind Immobilienprofis. Die meisten arbeiten unter der Woche als Manager in Kalifornien, Washington, New York oder Boston. Am Wochenende fliegen sie in die Boomregionen. In Phoenix werden sie von Trish Don Francesco und anderen Maklern empfangen und in klimatisierten Vans durch die inmitten von Kaktuswäldern gelegenen Neubaugebiete der Wüstenstadt gefahren. Hausbesichtigungen sind bei 40 Grad Celsius nicht erwünscht. Geboten wird direkt im Wagen. Die Makler arbeiten wie Auktionatoren: Wer das höchste Gebot abgibt, bekommt den Zuschlag für ein Haus. Damit sich die Reise lohnt, will jeder Besucher wenigsten zwei, besser drei oder vier Häuser erwerben. Gegen Ende jeder Fahrt werden immer höhere Preise geboten, um noch zum Zuge zu kommen.
Ihr Fachwissen holen sich die Spekulanten aus Büchern - und auf Seminarveranstaltungen, wie der im Mai in Los Angeles abgehaltenen "Real Estate Expo Wealth". Unter dem Motto, "Ein Wochenende kann Sie zum Millionär machen", begeisterten Redner wie Donald Trump und Bestseller-Autoren wie Robert Kiyosaki und Tony Robbins mehr als 30 000 Gäste. Heiß begehrt waren vor allem Informationspakete, zusammengestellt aus Büchern, DVDs und Videos, die zum "Discountpreis" von 1620,50 US-Dollar den miniberockten Verkäuferinnen aus den Fingern gerissen wurden.
Für den Anlegerschutzanwalt Richard K. Kuck geriet die Expo zum "Déjà-vu-Erlebnis": "Genauso ging es zur Jahrtausendwende auf den New-Economy-Messen zu." Für die US-Einlagensicherung FDIC geht es nur noch um die Frage, wie die Blase endet. Geschieht es mit einem lauten Knall, werde nicht nur die US-Konjunktur schwer in Mitleidenschaft gezogen, warnt die Aufsichtsbehörde. Ein drastischer Preisverfall würde Zwangsversteigerungen in großer Zahl auslösen und die amerikanischen Konsumenten ihrer Kaufkraft berauben. rhai
Artikel erschienen am Sa, 9. Juli 2005
ecki
RIYADH – China's revaluation of the yuan increases the possibility of the re-alignment of the Saudi Riyal to a weak U.S. dollar especially while trading links with Asia and Europe continue to grow.
Saudi Arabia and many Gulf countries have pegged their currency to the dollar for years. Weakness in recent years of the dollar and the growth in Asian and European imports have cut into the purchasing power of the Gulf countries, whose export earnings from oil are also denominated in dollars.
The value of Gulf Arab imports from China, which were negligible just a decade ago, grew last year to $14.5 billion, or 8.5 percent of total imports.
While record oil prices may mask the impact of costlier goods, economists say the case for linking to a basket of currencies instead of the dollar – just like China – is gaining ground.
"There is a gathering debate about this," said Daniel Hanna, an economist with Standard Chartered bank in Dubai.
"The majority of the Gulf trade is with Asia and the European Union. You can make a case that the currency peg should reflect that better, especially since China will be their fastest growing partner," he said.
One vocal advocate of swift change, National Commercial Bank senior economist Nahed Taher, says Saudi Arabia cannot afford to wait until 2010 to loosen ties between the riyal (SAR-) and the dollar which have been fixed since 1987.
Taher has called for a managed float of the riyal against a basket of currencies, within a 5 percent band, arguing that costlier imports are partly responsible for pushing annual inflation up to 6 percent for the last two years.
CORPORATE CUSTOMTERS LOGIN TO READ FULL REPORT OR DOWNLOAD AS PDF
http://www.middleeastforex.com/index.php?section=24
Der Dollar wird gegen den Euro schwach auf Jahre bleiben. Ich las mal das mehr 2/3 vom Dollarbestand nur im Ausland als Reserven gehalten werden. Wenn das zunehmend umgeschichtet wird, dann wirds schwere Verwerfungen geben. Jedenfalls kann USA ihr Defizit nicht mehr so leicht auf internationale Kosten fahren.
Grüße
ecki
17. September 2005 ![]()
SPIEGEL-GESPRÄCH
"Der Markt hat kein Herz"
Amerikas berühmtester Ökonom, Paul A. Samuelson, über protektionistische Tendenzen in der Weltwirtschaft, die Verlierer der Globalisierung, die riskante Schuldenpolitik der USA und über die Frage, wie sein Lehrer Joseph Schumpeter den Kapitalismus heute beurteilen würde
![]() |
APPaul A. Samuelson |
SPIEGEL: Professor Samuelson, zwischen Amerika und China ist das Verhältnis gespannt, Franzosen und Niederländer haben den EU-Verfassungsvertrag abgelehnt, weil sie Wettbewerber aus Osteuropa fürchten, Jobverlagerungen machen den Menschen Angst. Ist die Idee des freien Handels auf dem Rückzug?
Samuelson: Über jeder modernen Gesellschaft schwebt das Gespenst des Protektionismus. Amerika, das aus einer kolonialen Vergangenheit kommt, ist bekannt für seine protektionistische Haltung. Die Republikaner, die Partei von Präsident George W. Bush, waren immer die Partei des Protektionismus. Vielleicht sind unsere darwinistischen Wurzeln dafür verantwortlich: Im Dschungel überlebt man nur, wenn man Fremden gegenüber vorsichtig ist.
SPIEGEL: Im Hörsaal wird Studenten der Wirtschaftswissenschaften etwas ganz anderes beigebracht.
|
Samuelson: Das stimmt. Es ist einer der wichtigsten Grundsätze, die wir lehren, dass der freie Handel notwendigerweise die Lebensbedingungen für jeden verbessert und dass Spezialisierung und Diversifizierung für alle von Vorteil sind, für arme Länder wie für reiche. Den ersten Beweis dafür lieferte 1817 der große englische Ökonom David Ricardo.
SPIEGEL: Und das trifft heute nicht mehr zu?
Samuelson: Waren Sie schon einmal in einem Wal-Mart?
SPIEGEL: Ja, warum?
Samuelson: Das Besondere an Wal-Mart ist, dass das Unternehmen so günstig Waren einkaufen kann, vor allem in China. Wenn Sie einen Supermarkt von Wal-Mart besuchen, werden Sie dort üblicherweise arme Amerikaner treffen, die billige Produkte kaufen; dadurch können sie ihren Lebensstandard enorm verbessern. Gleichzeitig aber müssen sie fürchten, ihren Job zu verlieren oder auf eine schlechter bezahlte Stelle wechseln zu müssen.
SPIEGEL: Es sind also zwei Seiten einer Medaille. Verlieren die Menschen am Ende mehr, als sie gewinnen?
Samuelson: Manchmal ist es so, dass sie mehr verlieren. Globalisierung führt nicht immer dazu, dass es nur Gewinner gibt. Es ist nicht wahr, dass alles, was die Globalisierung fördert, automatisch jedem nutzt. Das ist heute die Realität von Ricardos komparativen Kostenvorteilen.
SPIEGEL: Sie klingen beinahe wie ein Globalisierungsgegner.
Samuelson: Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Leben in einer globalisierten Welt bedeutet im Großen und Ganzen, dass sich der materielle Wohlstand vergrößert. Das Wissen der Welt hat sich durch den technologischen Wandel seit Isaac Newton entwickelt und ausgebreitet, keine Frage. Und als ein amerikanischer Patriot habe ich den Aufstieg Europas nach dem Krieg willkommen geheißen. In Kriegszeiten ist die Wirtschaft nur ein Nullsummenspiel: Der Aufstieg Bismarcks bedeutete den Abstieg von Napoleon III., wenn Sie an den deutschfranzösischen Krieg 1870/71 denken. In Nachkriegszeiten hingegen ist es anders: Deutschland ist aufgestiegen und Frankreich ebenso.
SPIEGEL: Das heißt, dass in Friedenszeiten die meisten also doch von der Weltwirtschaft profitieren?
Samuelson: Ihre Generation lebt besser als die Ihrer Eltern, und Ihre Eltern leben besser als deren Eltern. Wir hätten nicht diesen starken ökonomischen Zuwachs rund um die Welt ohne die dynamische Kraft der Globalisierung. Aber nicht jeder profitiert gleichermaßen davon.
SPIEGEL: Ist das ein neues Phänomen?
Samuelson: Vor vielleicht 35 Jahren habe ich eine Rede vor Vorständen von Ford gehalten, und ich fragte sie: "Können Sie sich vorstellen, dass irgendwann irgendwo in der Welt ein Ford zu etwas günstigeren Preisen hergestellt werden kann?" Ich dachte damals an Toyota. Die Zuhörer mochten meine Anspielung nicht. Wenn Toyota bessere Autos billiger und effizienter bauen konnte als die Hersteller in Detroit, war das nach meiner Mathematik keine Winwin-, sondern eine Win-lose-Situation. Und wir waren die Verlierer.
SPIEGEL: Stimmt das denn heute noch?
Samuelson: Ich glaube, die amerikanischen Ökonomen haben die Bedeutung der Globalisierung heruntergespielt; ihnen ist nicht bewusst geworden, dass der Prozess noch lange nicht beendet ist. Es ist ein typisches Muster der Wirtschaftsgeschichte, dass es in den meisten Ländern neben den Win-win-Situationen auch einige Winlose-Situationen gibt.
SPIEGEL: Und was folgt daraus?
Samuelson: Ich glaube, dass sich in der globalen Welt bei der Einkommensverteilung die Trennung zwischen der oberen Hälfte und der unteren verschärft. Die Globalisierung gibt uns zusätzlichen Wohlstand, aber sie bringt uns ebenso zusätzliche Unsicherheit, Spannungen und ein erhöhtes Maß an Ungleichheit. Sie führt in Amerika zu verängstigten Beschäftigten.
SPIEGEL: Und die Arbeiter sind jene, die es am meisten spüren.
Samuelson: Ja, aber sogar für einen MIT-Absolventen haben sich die Dinge geändert. Früher bekam er mit jedem Stellenwechsel einen besseren Job, sein Einkommen stieg, bis er in Rente ging. Das funktioniert heute nicht mehr. Niemand kann vorhersehen, wie seine Karriere verläuft. Wir leben in einer gespannteren Welt, einer nervöseren Welt.
SPIEGEL: Wo sehen Sie dafür Anzeichen?
![]() |
APWal-Mart-Laden (in Ohio): "Gesellschaft des Ich, Ich, Ich - und Jetzt" |
Samuelson: Vorstandsvorsitzende behalten heute ihren Job manchmal nur drei Jahre - ich habe aber kein Mitleid mit ihnen, weil sie in dieser Zeit eine Menge Geld verdienen können. Das Gebäude, in dem wir sind, war früher einmal die Zentrale von Unilever in Amerika. Einer der bestbezahlten Vorstandschefs in Amerika hatte sein Büro nur drei Stockwerke höher. Er bekam pro Arbeitstag etwa 1000 US-Dollar. Ein durchschnittlicher Angestellter verdiente vielleicht ein Vierzigstel davon. Wissen Sie, wo die Zahl heute liegt?
SPIEGEL: Wohl kaum niedriger.
Samuelson: Der Faktor ist 400, zumindest in einigen Firmen. Der Markt hat kein Herz, der Markt hat kein Gehirn. Er tut, was er tut. Jedes Mal, wenn ich eine Zeitung aufschlage, lese ich von einem neuen Unternehmen, das seine Pensionsverpflichtung nicht einhält, und dies geschieht im Einklang mit dem Gesetz. So etwas hätte es früher nicht gegeben.
SPIEGEL: Was Sie gerade beschreiben, müsste eigentlich eine hervorragende Basis für eine Gewerkschaftsbewegung darstellen.
Samuelson: Die Gewerkschaften in den USA sind schon lange tot, seit der Zeit, als Ronald Reagan Präsident wurde. Sie verloren damals viel von ihrer Macht, weil sie keine Freunde mehr in Washington hatten. Was aber noch wichtiger ist: Jeder Erfolg, den eine Gewerkschaft in einem Konzern errungen hat, war ein Pyrrhussieg. Er beschleunigte es nur, dass japanische Wettbewerber das Geschäft übernahmen.
SPIEGEL: Wenn also die Globalisierung auch negative Seiten hat, wie sollte man damit umgehen?
Samuelson: Vielleicht sollten wir den Prozess ein wenig bremsen, aber man kann ihn nicht stoppen, und man sollte das auch nicht tun. Was wir tun können: den Menschen helfen, die an den Folgen leiden. Wir können die Kraft des Steuersystems nutzen, um Geld von den reichen Menschen, wie mir, an die weniger reichen Menschen umzuverteilen. Und das würde unser Wachstum kaum bremsen.
SPIEGEL: Umverteilung ist der Weg, den wir in Deutschland lange eingeschlagen haben. Das Ergebnis ist niedriges Wachstum und hohe Arbeitslosigkeit.
Samuelson: Man muss das Steuersystem vorsichtig einsetzen. Man kann nicht die Marktgesetze außer Kraft setzen und alles mit Gewalt gleichmachen. Sonst töten wir die Gans, die die goldenen Eier legt. Meine Hoffnung ist, dass in Amerika einiges von der Idee des New Deal eines Franklin D. Roosevelt und eines John F. Kennedy erhalten wird, um die Ungleichheiten abzumildern. Nicht um sie zu beseitigen, sondern um sie zu verringern.
SPIEGEL: Aber im Grunde sind Spannungen zwischen Nationen, die auf unterschiedlichem Wirtschaftsniveau stehen, unausweichlich?
![]() |
DPAContainerhafen (in Shanghai): "China ist der 800 Pfund schwere Gorilla"' |
Samuelson: Es wäre sehr überraschend, wenn sie nicht aufträten. Sie müssen zwei Dinge bedenken: In der modernen Welt gibt es freien Handel und offene Grenzen. In gewisser Weise ist Freihandel ein Ersatz dafür, dass Billigjobber in Ihr Land kommen. Wenn Sie also in Europa darüber entscheiden, ob Sie neue Länder in die Gemeinschaft integrieren wollen, treffen Sie nicht nur eine ökonomische Entscheidung, sondern auch eine soziale. Einige gesellschaftliche Spannungen werden verringert, wenn man eher Jobs verlagert, als die Billigjobber ins Land zu holen.
SPIEGEL: Aber das würde nichts an dem Ergebnis ändern: Jobs geraten in Gefahr.
Samuelson: In Amerika, wo es keine starken Gewerkschaften gibt, die die Löhne hochhalten, nehmen die Menschen einen Job an, auch wenn er schlechter bezahlt wird als der vorherige. In Deutschland passiert das selten, bloß: Blockiert man diese Anpassung, verliert die Volkswirtschaft immer mehr an Kraft. Übrigens sind die Stundenlöhne in Frankreich und Deutschland ungefähr so hoch wie die in Amerika. Allerdings arbeiten Franzosen und Deutsche weniger Stunden.
SPIEGEL: Ist Arbeitszeitverlängerung ein Ausweg aus der Krise in Deutschland?
Samuelson: Ich glaube, wenn das Wachstum in Deutschland Fahrt aufnehmen soll, benötigt es eine andere Einstellung der Menschen. Selbst in Dänemark können Arbeitgeber Mitarbeiter feuern, und die Gewerkschaften unterstützen dies. Das ist ein Teil von dem, was man braucht, um zu überleben und zu wachsen.
SPIEGEL: Hat Politik die Macht, die Globalisierung zu gestalten?
Samuelson: Natürlich, Politik ist sehr wichtig. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: 1945 war ich ein begabter, junger Ökonom. Ich war auf dem Höhepunkt meiner Fähigkeiten. Hätte mich damals jemand vom SPIEGEL interviewt ...
SPIEGEL: ... die erste Ausgabe unseres Magazins kam erst 1947 auf den Markt ...
Samuelson: ... wie auch immer, wenn mich damals jemand gefragt hätte, welcher Teil der Erde sich in den kommenden 30 Jahren am schnellsten entwickelt, hätte ich gesagt: Lateinamerika - Argentinien vielleicht oder Chile. Dort gibt es ein gemäßigtes Klima und eine Bevölkerung mit europäischen Wurzeln.
SPIEGEL: Sie haben falsch gelegen.
Samuelson: Ich lag völlig daneben. Nicht weil ich die wirtschaftlichen Möglichkeiten falsch eingeschätzt habe, ich unterschätzte populistische Bewegungen wie die Diktatur von Perón. Die Argentinier haben die Inflation nie in den Griff bekommen.
SPIEGEL: Indien und China scheinen sich da ja erfolgreicher zu entwickeln.
Samuelson: Indien hat nur 40 Jahre lang geschlafen. Und China ist der 800 Pfund schwere Gorilla, der mitten im Wohnzimmer steht. Es ist unausweichlich - und ich hoffe, diesmal liege ich richtig -, dass China in nicht allzu ferner Zukunft Japan überholen wird.
SPIEGEL: Erwarten Sie, dass China eine größere ökonomische Kraft entfalten wird als die Vereinigten Staaten?
Samuelson: Schreibt man die Entwicklung nüchtern und realistisch fort, wird China die beherrschende Wirtschaft in der Welt, wenn es das politische System nicht verhindert - und das ist ein sehr wichtiges "wenn".
SPIEGEL: Kritiker sagen, China verletze die Regeln des fairen Wettbewerbs. Glauben Sie, dass das Land aus dem Freihandel nur seine Vorteile zieht?
Samuelson: Sie können nicht von einem Niedriglohnland mit geringer Produktivität so strikte Arbeitsbedingungen und Umweltstandards erwarten, wie wir sie haben. Ich bin in einer Stahlregion aufgewachsen, in Gary, Indiana. Das ist lange her, fast 90 Jahre. Wenn ein Arbeiter geschmolzenen Stahl auf sein Bein bekommen hat, wurde damals nicht einmal die Arbeit unterbrochen. Daran können Sie sehen, wie sich die Dinge verbessert haben. Und so wird es auch in China sein.
SPIEGEL: Wie hätte Ihr Lehrer, der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter, der die kreative Zerstörung als treibende Kraft des Kapitalismus ausgemacht hat, die heutige globale Wirtschaft beurteilt?
![]() |
DPAUS-Präsident Roosevelt (1944): "Die Idee des New Deal erhalten" |
Samuelson: Er hätte die Dynamik gemocht. Ich sprach zu ihm, zehn Tage bevor er starb, während einer Veranstaltung des Amerikanischen Ökonomenverbandes 1949. Ich kannte seine Einstellung ziemlich genau. Er würde sagen, dass dieser Ausbruch von Energie seit der Erfindung des Computers völlig im Einklang steht mit seinem Buch "Die Theorie der ökonomischen Entwicklung" von 1912. Schumpeter hat nicht so viel Zeit dafür verschwendet wie ich, über das Schicksal der Armen zu brüten. Ich glaube, er hätte Sympathie für die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher gehabt, die Programme der deutschen Sozialdemokraten hätte er abgelehnt, obwohl er selbst österreichischer Finanzminister in einer sozialdemokratischen Regierung war. Aber sein Herz schlug für etwas anderes.
SPIEGEL: Schumpeter war der Ansicht, dass die Große Depression ein notwendiges Übel war, weil sie die Übertreibungen im System beseitigt hat.
Samuelson: Davon war auch mein anderer österreichischer Kollege Friedrich August von Hayek überzeugt. Er argumentierte, dass es die Situation nur verschlimmere, wenn man einem Betrunkenen gleichsam mehr Alkohol einflöße. Eine solche Einstellung angesichts der Härte jener Jahre halte ich für verrückt. Damals hatten ein Drittel der Deutschen und ein Viertel der Amerikaner keinen Job. Und die meinten einfach: "Lass es das System ausschwitzen." Das demonstriert einen Glauben an den reinen Kapitalismus, der nicht zu rechtfertigen ist.
SPIEGEL: Weil der Kapitalismus gezähmt werden muss?
Samuelson: Der Kapitalismus benötigt Spielregeln. Er braucht ein verlässliches Rechtssystem. Menschen werden anderen Menschen kein Geld verleihen, wenn die anderen Menschen nicht verpflichtet werden, es zurückzuzahlen. Das ist in der Geschäftswelt so wahr wie zwischen Staaten. Ich glaube nicht, dass Präsident Bush viel Macht hat, um den Chinesen vorzuschreiben, was sie zu tun haben. Er spricht zu Gleichen.
SPIEGEL: Viele fürchten sich vor den neuen Wettbewerbern im Osten. Wie sehr bedrohen sie die amerikanische Wirtschaft?
Samuelson: Wir mögen zwar immer noch die Radfahrer sein, in deren Windschatten die anderen fahren, aber die anderen kommen näher. Die Position Amerikas gerät unter Druck, weil wir eine Gesellschaft geworden sind, die kaum noch spart. Wir sind eine Gesellschaft des Ich, Ich, Ich - und Jetzt. Wir denken nicht an andere und nicht an morgen.
SPIEGEL: Was läuft falsch in Amerika?
Samuelson: Schauen Sie mal in den Gemeinschaftsraum der jungen Mathematikstudenten am MIT. Vielleicht gerade mal einer von zehn Studenten ist in Amerika geboren. Daran ist das Fernsehen schuld.
SPIEGEL: Sie glauben, das Fernsehen bedrohe die Wettbewerbsfähigkeit?
Samuelson: In der Vergangenheit haben schlaue Kinder, die später Mathematiker wurden, Puzzle gespielt, die sie herausforderten. Heute schauen sie Fernsehen. Es gibt zu viele Ablenkungen, das ist ebenfalls Teil des Grundes, warum wir diese Haltung des Ich, Ich, Ich - und Jetzt haben.
SPIEGEL: Und dafür ist das Fernsehen verantwortlich?
Samuelson: Natürlich nicht allein. Amerika ist so verletzlich, weil unsere Bevölkerung wie die von Japan oder Deutschland immer älter wird. Im Jahr 2020 wird die Baby-Boomer-Generation in Rente gehen. Diese Entwicklung ist seit den früheren achtziger Jahren bekannt. Die Arbeitnehmer hätten deshalb sparen müssen wie der Teufel - tatsächlich aber geben sie nur Geld aus. Wir greifen auf die Ersparnisse von Ländern zurück, die viel ärmer sind als wir. Diese Länder nehmen ihre Handelsüberschüsse und kaufen sich davon niedrig verzinste US-Staatsanleihen.
SPIEGEL: Sie meinen die besondere Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und China: Die Volksrepublik gibt den USA fast unbegrenzten Kredit, und die Amerikaner kaufen deren Produkte.
Samuelson: Die Chinesen werden das eine Weile tun, aber wenn der demografische Übergang kommt, könnte sich das ändern. Dann werden nicht nur die Ausländer ihr Geld hier abziehen, auch die Amerikaner werden dann im Ausland investieren, bis alles so drunter und drüber geht, dass man Kapitalkontrollen einsetzen muss.
SPIEGEL: Dann würde die Welt wohl in eine gewaltige Finanzkrise geraten.
Samuelson: Ich glaube nicht, dass es so schlimm würde wie bei der Großen Depression. Die Menschheit hat gelernt, dass man nur genug Geld drucken muss, um der Deflation zu entgehen. Aber ich glaube, dass wir eine ziemliche Holperstrecke vor uns haben, falls dieses Szenario eintritt.
SPIEGEL: Ist das gegenwärtige Risikolevel im historischen Vergleich ungewöhnlich hoch?
Samuelson: Ich denke, ja. Die Abwertung des chinesischen Yuan wird nur wenig helfen, wir werden dadurch kaum wettbewerbsfähiger. Ich glaube nicht für einen Moment, dass dies die Auslandsschulden substantiell verringert, die sich bis 2020 auftürmen werden. Und das wird der Zeitpunkt sein, wenn die Not wirklich groß ist.
SPIEGEL: Professor Samuelson, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
DAS GESPRÄCH FÜHRTEN DIE REDAKTEURE FRANK HORNIG UND ALEXANDER JUNG

|