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die süddeutsche zur krise bei den medientiteln

 
14.12.00 13:48
NEWS 2.12.00



 Kaufstreik bei den Privatsendern - Medienaktien stark gebeutelt: An der Börse hat sich Ernüchterung breit gemacht  02.12.00 Süddeutsche Zeitung  


Von Antonie Bauer

Die Zeiten sind noch gar nicht lange vorbei, als deutsche Filmlizenzhändler mit prall gefüllten Taschen nach USA oder auf die einschlägigen Messen reisten und dort mit dem Geld nur so um sich warfen. Munter verprassten sie ihre Emissionserlöse vom Börsengang an den Neuen Markt und steigerten die Preise für Filme hoch. Content is King, lautete die Devise; gute Inhalte galten als knapp und gut verkäuflich. Amerikanische Filmproduzenten rieben sich die Hände angesichts der Großzügigkeit der Deutschen. Schließlich legten diese für die deutschsprachigen Rechte an manchen Streifen bis zu 20 Prozent des Produktionsbudgets hin. Als akzeptabel gelten in Branchenkreisen dagegen maximal zwölf Prozent – und das auch nur für gute Filme.

Heute hat sich Ernüchterung breit gemacht. An der Börse, die einst Filmdeals noch mit Kursanstiegen belohnte, wurden die Medienaktien in der letzten Zeit gebeutelt wie wenige andere Branchen. Constantin hat seit seinem Jahreshoch im Winter zwei Drittel seines Werts verloren, Senator und Kinowelt noch etwas mehr, Advanced Medien mehr als 80 Prozent und Intertainment erreicht nur noch elf Prozent seines Höchstwerts vom Dezember 1999.

Die Ernüchterung hat gute Gründe, wenn auch einige Firmen unverdient stark unter die Räder gekommen sind. So waren die Kurse – wie überhaupt am Neuen Markt – zu Spitzenzeiten wohl generell einfach überzogen. Nicht nur Anleger haben das Potenzial der Medienbranche überschätzt, auch die Unternehmen haben teilweise miserabel geplant. Die Folge waren einige recht deftige Gewinnwarnungen. Intertainment beispielsweise musste seine Umsatzprognose erst vor zwei Wochen um 120 Millionen DM auf 170 Millionen DM für das laufende Jahr herunternehmen, das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) soll sich nun bei 60 Millionen DM statt der erwarteten 84 Millionen DM einpendeln. Advanced Medien erwartet wegen verzögerter Lieferungen sogar neuerdings nur noch einen Umsatz von 70 Millionen DM in diesem Jahr; im Februar hatte es noch 129 Millionen DM angekündigt. Und offenbar steht nun auch noch eine Gewinnwarnung vom einstigen Star des neuen Marktes EM. TV an.

Das Geschäftsmodell einer ganzen Branche ist ins Wanken gekommen. Denn die Fernsehsender reißen sich mitnichten um die teuer erstandenen Filmpakete. Ganz im Gegenteil ist sogar von einem Käuferstreik die Rede. Die Abnehmer haben sich im Wesentlichen zu drei großen Blöcken formiert: Das sind seit dem Zusammenschluss von ProSieben und Sat1 der Kirch-Konzern, die RTL-Gruppe und die öffentlich-rechtlichen Sender. Ausgerechnet die Privatsender, die traditionell mehr Filme abspielten als ARD und ZDF und in etwa das Eineinhalbfache pro Streifen hinlegten, halten sich aber momentan extrem zurück. RTL setzt zunehmend auf Eigenproduktionen und erzielt seine Quoten nun mit Big Brother oder Jauchs Millionärsquiz statt mit Hollywood-Ware; bei Kirch führt wohl auch Verärgerung zur Zurückhaltung. So hatten die Münchner beispielsweise in Konkurrenz zu Kinowelt um ein Paket von Warner geboten; nun haben sie wohl keine Lust, beim erfolgreichen Konkurrenten zu kaufen.

Analysten vermuten im Käuferstreik auch den Versuch, die gestiegene Marktmacht auszunutzen und die Preise zu drücken. Die Zeche zahlt momentan auch der Zuschauer, der statt der letztjährigen Kinohits vor allem Wiederholungen von Wiederholungen geboten bekommt. Der einzige größere Hoffnungsträger der Lizenzhändler ist somit das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Wie lange die Privaten den weit gehenden Boykott aufrecht erhalten können, weiß keiner zu sagen; Schätzungen reichen von einem halben bis zu zwei Jahren.

Vergleichsweise gut stehen daher die Unternehmen da, die breiter aufgestellt sind, über mehrere Verwertungskanäle oder sogar gute Kontakte zu den Privatsendern verfügen. Constantin erfreut sich beispielsweise etlicher Kaufempfehlungen. Denn die Firma um Regisseur Bernd Eichinger ist mit dem Kirch-Konzern verbandelt, dürfte also vom Kaufstopp wenigerbetroffen sein. Zudem bescheinigen Analysten dem Management hohe Kompetenz und dem Filmstock gute Qualität. Constantin produziert auch erfolgreich selbst und hat damit guten Zugang zu hochwertigen Filmen, die im Kino gut laufen.

Integrierter Konzern

Lob erntet trotz der Gerüchte um Liquiditätsprobleme Kinowelt. Nach Ansicht von Peter Thilo Hasler von der HypoVereinsbank hat das Unternehmen als einziges den Sprung zum integrierten Medienkonzern geschafft: mit Koproduktionen, Filmverleih, Merchandising und der Beteiligung an einer Kinokette, was die Verwertung wieder deutlich einfacher macht. Kinowelt kommt angesichts der schwierigen Situation in Deutschland die internationale Ausrichtung zugute – ebenso wie Helkon, dem Roland Pfänder von der BHF Bank ein tolles Geschäftsmodell attestiert. Helkon leidet momentan allerdings unter dem Tod seines Chefs Werner Koenig. Für Hasler ist es dennoch momentan das einzige Unternehmen der Branche, das er zum Kauf empfiehlt. Helkon hat im Urteil der HypoVereinsbank das günstigste Risikoprofil der Branche. Alexander Kachler von Merck Finck empfiehlt neben Kinowelt und Constantin Highlight Communications, das ähnlich wie Kinowelt aufgestellt sei und ebenfalls über ein gutes Management verfüge.

Bei allem Optimismus für einzelne Werte: Insgesamt steht der Branche im Urteil der Analysten wohl noch eine Durststrecke bevor – und es könnte gut sein, dass sich im kommenden Jahr die Spreu vom Weizen trennt.  


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