"Die Situation in Amerika ist prekär\"
w:o-Interview mit Frank Hübner, Volkswirt bei Sal.Oppenheim
Obwohl einige US-Unternehmen jüngst überraschend gute Quartalszahlen vorgelegt haben, bleibt die konjunkturelle Lage in Amerika diffus. Nur wenige Experten erkennen eine Besserung. w:o sprach mit Frank Hübner, Volkswirt bei Sal. Oppenheim, über lustlose Verbraucher und die Gefahr einer Rezession.
w:o Herr Hübner, die Auftragseingänge langlebiger Güter in den USA sind im März um 3,0% gestiegen. Gewinnt die Wirtschaft wieder an Fahrt?
Hübner Die Zahlen sind nur auf den ersten Blick gut. Die 3% kommen in erster Linie vom Transportgewerbe. Da sind große Order von Flugzeugen und Schiffen drin, die sich aber so nicht fortsetzen. Wenn man diesen Teil abrechnet, dann sind die Auftragseingänge um 1,8% gefallen.
w:o Bedeutet das, dass die Auftragseingänge langlebiger Güter in den kommenden Monaten wieder schlechter werden, weil das Transportgewerbe nicht dauerhaft Aufträge in dieser Größenordnung einheimsen kann?
Hübner Das kann passieren, die Wahrscheinlichkeit ist hoch.
w:o Das Verbrauchervertrauen in Amerika ist ebenfalls wieder gesunken. Hat Sie das überrascht?
Hübner Eigentlich nicht. Allerdings hat das Conference Board, das diese Zahlen veröffentlicht, ihre Untersuchungen schon abgeschlossen, bevor die US-Notenbank kürzlich die Zinsen gesenkt hat. Die Auswirkungen sind also nicht enthalten. Der Michigan-Sentiment-Index, der ebenfalls das Vertrauen misst, ist zeitnäher. Insofern dürften diese Zahlen, die am Freitag kommen, etwas besser ausfallen. Aber trotzdem spiegeln die Daten wider, was derzeit passiert. Zum einen geht es um die Verfassung der Börse, zum anderen um den Arbeitsmarkt. Und ich glaube, dass sich die Amerikaner demnächst stärker mit ihrem Arbeitsmarkt beschäftigen müssen: Hält er oder hält er nicht. Denn auch in den USA ist die Arbeitslosigkeit in der letzten Zeit langsam aber stetig angestiegen.
w:o Aber die Rate von 4,3% ist doch akzeptabel.
Hübner Das stimmt, aber die Situation in Amerika ist prekär. Das sieht man auch daran, wie die Fed ihre Geldpolitik managt. Der Knackpunkt wird sein, wie sich das Konsumklima entwickelt, und da spielt die Arbeitslosenquote eine große Rolle. Wenn sie sich zwischen 4% und 4,5% stabilisiert, dann ist das kein Problem. Aber wenn die Arbeitslosenquote innerhalb eines Jahres um ein bis zwei Prozentpunkte steigt, dann wäre eine Rezession unvermeidbar.
w:o Wie groß sehen Sie die Gefahr einer Rezession? Fifty-fifty?
Hübner Ich bin da eher pessimistisch. Die Wachstumszahlen für das erste Quartal kommen am Freitag, die liegen wohl noch im Plus. Ich sehe aber die Gefahr, dass die Wirtschaft zurzeit nur durch den privaten Konsum über Wasser gehalten wird. Ob das aber auf Dauer klappt, ist fraglich, denn die Auftragseingänge der Industrie haben sich generell klar verschlechtert. Auch das zweite und dritte Quartal wird nicht gut aussehen. Der private Verbrauch muss also weiter steigen.
w:o Dennoch haben einige Konjunkturzahlen in den vergangenen Wochen doch so etwas wie eine Trendwende signalisiert. Der Einkaufsmanager-Index zum Beispiel, der das Einkaufsverhalten der Industrie misst, lag im März über den Erwartungen.
Hübner Die Lagerbestände in der Industrie haben sich in jüngster Zeit abgebaut. Das ist wirklich ein gutes Zeichen. Aber der Einkaufsmanager-Index zeigt immer noch an, dass die Industrieproduktion rückläufig ist. Es hat sich nur die Dynamik dieser Abwärtsbewegung etwas verlangsamt. Das ist meiner Meinung nach auch die allgemeine Tendenz. Wir sind seit November von einem drastischen Stimmungswandel überrollt worden.
w:o Wann rechnen Sie mit einer Besserung der Wirtschaftslage?
Hübner Das zweite Quartal hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein negatives Wirtschaftswachstum, das dritte Quartal wird eine Zitterpartie. Wir werden wohl nicht vor dem Herbst deutliche Anzeichen dafür bekommen, dass es wieder aufwärts geht.
w:o Sehen Sie die Gefahr, dass wir in eine längerfristige Rezession hineinschlittern?
Hübner Die Fed hat den Leitzins in diesem Jahr um 200 Basispunkte gesenkt, und sie wird weiter nach unten gehen und zwar noch mindestens um 0,5 Prozentpunkte. Wir sind unterm Strich etwas pessimistischer als der Durchschnitt, aber eine länger andauernde Rezession erwarten wir nicht. Doch wenn die privaten Haushalte nicht mitziehen, kriegen wir ein Problem. Aber die positiven Effekte der Zinssenkungen sollten in der zweiten Jahreshälfte zumindest bei den Unternehmen greifen.
w:o War der Aufschwung an den Börsen der vergangenen Wochen ein Strohfeuer?
Hübner Bei der Nasdaq wohl schon. Insbesondere Unternehmen aus dem Technologiebereich haben Probleme mit Überkapazitäten. Auch die Gewinnzahlen für das erste Quartal, die bisher vorgelegt wurden, waren nicht annähernd so positiv, dass die Kurssteigerungen gerechtfertigt wären. Der S&P 500 hingegen ist meiner Meinung nach jetzt vernünftig bewertet.
Autor: Thorsten Sauter, 18:43 26.04.01
w:o-Interview mit Frank Hübner, Volkswirt bei Sal.Oppenheim
Obwohl einige US-Unternehmen jüngst überraschend gute Quartalszahlen vorgelegt haben, bleibt die konjunkturelle Lage in Amerika diffus. Nur wenige Experten erkennen eine Besserung. w:o sprach mit Frank Hübner, Volkswirt bei Sal. Oppenheim, über lustlose Verbraucher und die Gefahr einer Rezession.
w:o Herr Hübner, die Auftragseingänge langlebiger Güter in den USA sind im März um 3,0% gestiegen. Gewinnt die Wirtschaft wieder an Fahrt?
Hübner Die Zahlen sind nur auf den ersten Blick gut. Die 3% kommen in erster Linie vom Transportgewerbe. Da sind große Order von Flugzeugen und Schiffen drin, die sich aber so nicht fortsetzen. Wenn man diesen Teil abrechnet, dann sind die Auftragseingänge um 1,8% gefallen.
w:o Bedeutet das, dass die Auftragseingänge langlebiger Güter in den kommenden Monaten wieder schlechter werden, weil das Transportgewerbe nicht dauerhaft Aufträge in dieser Größenordnung einheimsen kann?
Hübner Das kann passieren, die Wahrscheinlichkeit ist hoch.
w:o Das Verbrauchervertrauen in Amerika ist ebenfalls wieder gesunken. Hat Sie das überrascht?
Hübner Eigentlich nicht. Allerdings hat das Conference Board, das diese Zahlen veröffentlicht, ihre Untersuchungen schon abgeschlossen, bevor die US-Notenbank kürzlich die Zinsen gesenkt hat. Die Auswirkungen sind also nicht enthalten. Der Michigan-Sentiment-Index, der ebenfalls das Vertrauen misst, ist zeitnäher. Insofern dürften diese Zahlen, die am Freitag kommen, etwas besser ausfallen. Aber trotzdem spiegeln die Daten wider, was derzeit passiert. Zum einen geht es um die Verfassung der Börse, zum anderen um den Arbeitsmarkt. Und ich glaube, dass sich die Amerikaner demnächst stärker mit ihrem Arbeitsmarkt beschäftigen müssen: Hält er oder hält er nicht. Denn auch in den USA ist die Arbeitslosigkeit in der letzten Zeit langsam aber stetig angestiegen.
w:o Aber die Rate von 4,3% ist doch akzeptabel.
Hübner Das stimmt, aber die Situation in Amerika ist prekär. Das sieht man auch daran, wie die Fed ihre Geldpolitik managt. Der Knackpunkt wird sein, wie sich das Konsumklima entwickelt, und da spielt die Arbeitslosenquote eine große Rolle. Wenn sie sich zwischen 4% und 4,5% stabilisiert, dann ist das kein Problem. Aber wenn die Arbeitslosenquote innerhalb eines Jahres um ein bis zwei Prozentpunkte steigt, dann wäre eine Rezession unvermeidbar.
w:o Wie groß sehen Sie die Gefahr einer Rezession? Fifty-fifty?
Hübner Ich bin da eher pessimistisch. Die Wachstumszahlen für das erste Quartal kommen am Freitag, die liegen wohl noch im Plus. Ich sehe aber die Gefahr, dass die Wirtschaft zurzeit nur durch den privaten Konsum über Wasser gehalten wird. Ob das aber auf Dauer klappt, ist fraglich, denn die Auftragseingänge der Industrie haben sich generell klar verschlechtert. Auch das zweite und dritte Quartal wird nicht gut aussehen. Der private Verbrauch muss also weiter steigen.
w:o Dennoch haben einige Konjunkturzahlen in den vergangenen Wochen doch so etwas wie eine Trendwende signalisiert. Der Einkaufsmanager-Index zum Beispiel, der das Einkaufsverhalten der Industrie misst, lag im März über den Erwartungen.
Hübner Die Lagerbestände in der Industrie haben sich in jüngster Zeit abgebaut. Das ist wirklich ein gutes Zeichen. Aber der Einkaufsmanager-Index zeigt immer noch an, dass die Industrieproduktion rückläufig ist. Es hat sich nur die Dynamik dieser Abwärtsbewegung etwas verlangsamt. Das ist meiner Meinung nach auch die allgemeine Tendenz. Wir sind seit November von einem drastischen Stimmungswandel überrollt worden.
w:o Wann rechnen Sie mit einer Besserung der Wirtschaftslage?
Hübner Das zweite Quartal hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein negatives Wirtschaftswachstum, das dritte Quartal wird eine Zitterpartie. Wir werden wohl nicht vor dem Herbst deutliche Anzeichen dafür bekommen, dass es wieder aufwärts geht.
w:o Sehen Sie die Gefahr, dass wir in eine längerfristige Rezession hineinschlittern?
Hübner Die Fed hat den Leitzins in diesem Jahr um 200 Basispunkte gesenkt, und sie wird weiter nach unten gehen und zwar noch mindestens um 0,5 Prozentpunkte. Wir sind unterm Strich etwas pessimistischer als der Durchschnitt, aber eine länger andauernde Rezession erwarten wir nicht. Doch wenn die privaten Haushalte nicht mitziehen, kriegen wir ein Problem. Aber die positiven Effekte der Zinssenkungen sollten in der zweiten Jahreshälfte zumindest bei den Unternehmen greifen.
w:o War der Aufschwung an den Börsen der vergangenen Wochen ein Strohfeuer?
Hübner Bei der Nasdaq wohl schon. Insbesondere Unternehmen aus dem Technologiebereich haben Probleme mit Überkapazitäten. Auch die Gewinnzahlen für das erste Quartal, die bisher vorgelegt wurden, waren nicht annähernd so positiv, dass die Kurssteigerungen gerechtfertigt wären. Der S&P 500 hingegen ist meiner Meinung nach jetzt vernünftig bewertet.
Autor: Thorsten Sauter, 18:43 26.04.01