Die Risikobereitschaft nimmt deutlich zu


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Die Risikobereitschaft nimmt deutlich zu

 
11.03.02 12:13
Die Risikobereitschaft an den internationalen Finanzmärkten nimmt deutlich zu

Japans Regierung stützt Kurse / Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt / Von Folker Dries


NEW YORK, 10. März. An den internationalen Finanzmärkten wächst angesichts der Aussicht auf eine robuste Konjunkturerholung die Risikobereitschaft der Anleger deutlich. Bei Aktien schichten Investoren massiv in Wachstumswerte und zyklische Papiere um. Im Rentenhandel sind plötzlich wieder Industrieobligationen mit zweitklassigen Bonitätsnoten gesucht, von denen sich Anleger noch vor wenigen Wochen panikartig verabschiedet hatten. Die größte Überraschung dieses Stimmungswandels an den Märkten ist jedoch die Tatsache, daß nicht Amerika derzeit das Mekka der global operierenden Anleger ist, sondern Japan, das Sorgenkind der Weltwirtschaft. Der Nikkei-225-Index der Börse Tokio ist allein in der vergangenen Woche um knapp 10 Prozent gestiegen. Seit dem 18-Jahre-Tief vom 6. Februar errechnet sich schon eine Erholung um 26 Prozent.

Freilich ist diese Rallye nur zu einem Teil dem fundamentalen Umfeld zu verdanken. Japans Aktienmarkt reagiert auf Veränderungen im globalen Konjunkturzyklus gewöhnlich früher und stärker als andere Regionalmärkte. Der Aufschwung, der sich in Amerika, dem Absatzmarkt für ein Drittel aller japanischen Exporte, abzeichnet, strahlt jetzt auch auf Tokio ab. Schwerer wiegt aber wahrscheinlich der Umstand, daß die japanische Regierung mit Blick auf das nahende Geschäftsjahresende die Aktienkurse künstlich nach oben treibt. Je höher der Nikkei am 31. März notiert, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß Banken Schwierigkeiten bekommen werden. Die Regierung hat deshalb das Regelwerk für Leerverkäufe von Aktien verschärft, was seither eine Welle von Deckungskäufen ausgelöst hat. Das Niveau der Short-Positionen, also der Wetten auf fallende Aktienkurse, hatte davor fast Rekordhöhe erreicht. Daneben halten sich hartnäckig Gerüchte, daß die Regierung über die staatlichen Pensionskassen die Aktienkurse beeinflußt.

Mehrere große amerikanische Brokerhäuser haben daher in der vergangenen Woche ihrer Klientel nahegelegt, sich aus taktischen Gründen verstärkt in Japan zu engagieren. Die Strategen von Credit Suisse First Boston betonten dabei ausdrücklich, daß ihre Empfehlung allein der Marktmanipulation durch die Regierung Rechnung trage und daher auch nur auf ein bis zwei Monate befristet sei. Damit drängt sich natürlich die Frage auf, wie sich der Markt nach dem 31. März entwickeln wird, wenn Investoren wieder den Rückzug antreten. Die Hausse der vergangenen Wochen hat jedenfalls viele Marktteilnehmer, vor allem Hedge Fonds, auf dem falschen Fuß erwischt, zumal der plötzliche Ansturm auf japanische Aktien auch den Yen stark aufgewertet hat. Gegenüber dem Dollar stieg Japans Währung bis auf 126,35 Yen, nachdem sie in der Woche davor noch bei 135 Yen notiert hatte. Mit der Citibank hat aber inzwischen ein führendes Devisenhandelshaus seiner Klientel wieder nahegelegt, neue Wetten gegen den Yen einzugehen.

Klammert man einmal Japan aus, scheinen derzeit viele Anlagestrategen den europäischen Aktienmärkten gegenüber der Wall Street den Vorzug zu geben. Zum einen entspringt dies einer zunehmenden Skepsis gegenüber dem Dollar. Mit der Rückkehr Amerikas auf den Wachstumspfad dürfte sich das amerikanische Leistungsbilanzdefizit nochmals ausweiten. Und es ist schwer vorstellbar, daß der diesem Defizit gegenüberstehende Nettokapitalimport auf dem derzeitigen Dollar-Wechselkurs darstellbar ist. Zum anderen ist die Bewertung amerikanischer Aktien im Verhältnis zu europäischen Aktien so hoch wie seit 25 bis 30 Jahren nicht mehr, sagt Robert J. Pelosky, globaler Stratege bei Morgan Stanley.

Die 500 amerikanischen Unternehmen, die im Leitindex von Standard & Poor's enthalten sind, werden derzeit im Durchschnitt mit dem 23fachen des operativen Gewinnes bewertet, den Analysten für das laufende Jahr prognostizieren. Im März 2000, als das spekulative Fieber seinen Höhepunkt erreicht hatte, lag dieses Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei 26 und damit kaum höher. Der historische Durchschnitt des Markt-KGV liegt sogar nur bei rund 15. Allerdings ist bei diesem Vergleich zu berücksichtigen, daß die Inflationsraten und damit die Kapitalmarktzinsen in der Vergangenheit deutlich höher lagen. Derzeit gibt es jedoch praktisch keine Inflation. Gleichwohl beginnt man an den Zinsmärkten jetzt damit, wieder höhere Inflationsprämien einzubauen, zumal auch die amerikanische Zentralbank (Fed) mit Zinserhöhungen nicht erst dann beginnen dürfte, wenn der Index der Verbraucherpreise wieder anzieht. Die Rendite der amerikanischen Staatsanleihe mit zehn Jahren Laufzeit ist in der vergangenen Woche um 34 Basispunkte auf 5,32 Prozent geklettert und liegt damit wieder höher als die Rendite europäischer Staatsanleihen. Vor allem der Arbeitsmarktbericht vom vergangenen Freitag war ein Schock für den Anleihehandel. Die Arbeitslosenquote ist unerwartet von 5,7 Prozent auf 5,5 Prozent gesunken. Nach der Rezession der frühen neunziger Jahre hatte es fünfzehn Monate gedauert, bis die Arbeitslosenquote wieder fiel.

Die Wall Street stellt sich denn auch darauf ein, daß die Fed am 19. März auf einen neutralen geldpolitischen Kurs einschwenken wird. Im Terminhandel mit Tagesgeld wird die Wahrscheinlichkeit, daß dem schon am 7. Mai eine Zinserhöhung folgen wird, auf 70 Prozent geschätzt. Das sich verschlechternde Zinsumfeld dürfte denn auch das Emissionsgeschäft mit Anleihen in den nächsten Wochen auf Hochtouren laufen lassen. Im Dollar-Segment wurden allein in der vergangenen Woche Papiere im Volumen von 22 Milliarden Dollar aufgelegt. Die amerikanischen Konzerne Weyerhaeuser und Sprint legten die bisher größten Unternehmensanleihen dieses Jahres auf. Im Handel mit Altanleihen sind die Risikoaufschläge (Spreads) deutlich zusammengezurrt. Die großen Kursgewinner waren ausgerechnet Anleihen von Telekom-Unternehmen, die noch im Februar im Mittelpunkt der Marktverwerfungen gestanden hatten. Unter den Papieren mit soliden Bonitätsnoten (Investment Grade) weisen Telekom-Anleihen nach wie vor die höchsten Spreads auf.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.03.2002, Nr. 59 / Seite 37
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