Bauerschläue kontra Akademikerwissen
Von Michael Mross
In ihrem immerwährenden Bemühen, die Finanzmärkte in den Griff zu kriegen, zaubern die Börsenexperten jedes Jahr neue Kunstbegriffe. Das geschieht natürlich einzig in der bösen Absicht, dem Laien klar zu machen, dass die Zuckungen an den Aktienmärkten Folge einer Geheimwissenschaft seien, aus der nur Wirtschafts-Akademiker Gewinne machen können. Genau das Gegenteil ist richtig: Wissenschaftliche Studien ergaben, dass gerade jene, die nicht studierten, an der Börse eine bessere Erfolgsquote aufweisen. Bauernschläue besiegt den Doktor.
Während der eine schon längst gekauft hat, analysiert der Börsenakademiker die Aktie so lange, bis sie wieder fällt. Wenn Börse eine Funktion höherer Mathematik wäre, dann müssten ja alle Schlauen reich sein. Dies ist aber leider nicht der Fall. So mancher vom Sozialstaat subventionierte Promovierte fährt Taxi - nach 30 Semestern Studium. Womöglich auch untrügliches Zeichen, dass es zwischen akademischem Grad und Intelligenz keine positive Korrelation gibt.
Einige finden aber auch Unterschlupf bei einer Bank. Dort werden sie in großen Sälen gehalten und müssen darüber befinden, ob eine Aktie ein Kauf ist oder nicht. Obwohl den End-User eigentlich nur diese Frage interessiert, ja oder nein, muss er sich vorher durch daumendicke Papierfluten quälen, die zu allem Überfluss auch noch bedruckt sind.
Nun könnte man die Sache auch einfach formulieren, aber ein Kreuzworträtsel wäre ja auch langweilig, wenn die Lösung gleich neben den Quadraten zu finden wäre. Die Kunst des Börsenakademikers besteht also darin, die Sache so zu formulieren, dass sie niemand versteht. Dies geschieht natürlich nicht ohne Hintergedanken. Je komplizierter das Oevre, desto besser kann sich der Schreiber hinterher rausreden.
Verwirrende Kennzahlen
Früher war alles ganz einfach. Ein Investment musste nach 10 Jahren das eingezahlte Kapital wieder einspielen. Man nannte dies auch Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Alles, was erst später zum Break-Even beim Investor führte, galt als teuer. Was in weniger Jahren die Ausgaben ausglich, fiel in die Rubrik "Schnäppchen".
Aber warum haben so viele Börsenexperten so viele Jahre studiert, wenn die Sache so einfach ist? Diese Frage haben sie sich wohl auch gestellt. Um ihr Studium zu rechtfertigen, wurden einfach noch ein paar Begriffe erfunden, welche die Sache verwissenschaftlichen. Zunächst wurde das Kurs-Cashflow-Verhältnis eingeführt. Es zeigt an, wie viel Bares pro Jahr das Unternehmen pro Aktie erzeugt. Das hilft zwar auch nicht weiter, aber hört sich gut an. Im Jahr 2000 setzten die High-Tech-Buchhalter das EBIT durch. Wirklich raffiniert. Endlich ein Begriff, den der Laie wirklich nicht mehr durchschaut. Earnings before Interest and Taxes. Gewinn vor Zinsen und Steuern. Das gute deutsche Wort "Einnahmen" täte es zwar auch, aber wofür hat man die European Business School besucht?
Die Steigerung von EBIT lautet EBITDA. Wer an der Börse Erfolg haben will, muss auch die Steigerungsformen der Fachbegriffe kennen! EBITDA - Earnings before interest, taxes, depreciation and amortisation (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen). Auch jener, welcher der englischen Zunge mächtig ist, scheitert an diesem Begriff. Sollte sich ein Business-Studium wohl doch lohnen? Ist das EBITDA die Zauberformel zum Erfolg? The new generation? Wie konnten Börsianer vor der Jahrtausendwende ohne EBITDA existieren? Konnte eine Aktie ohne EBITDA überhaupt steigen? Und was sagen die Experten von der DVFA?
Selbsthilfegruppe für "Experten"
Diejenigen, die Finanzanalyse und Anlageberatung betreiben, fühlen sich mit ihren Begriffen und Formeln mittlerweile derart unverstanden, dass sie eine Selbsthilfegruppe gegründet haben: die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Anlageberatung. Das Wort "Deutsche" durfte natürlich nicht fehlen, sonst käme der unvoreingenommene Leser noch auf die Idee, es handele sich um einen polnischen Zusammenschluss oder vielleicht sogar einer Vereinigung extragalaktischer Wesen. "Deutsch" weist natürlich auch auf ein Qualitätskriterium hin.
Wenn es sich um eine Deutsche Vereinigung handelt, quasi Made in Germany, dann handelt es sich immerhin um Analysen, die mit germanischer Gründlichkeit ermittelt wurden. Eigens zu diesem Zwecke schufen ihre Mitglieder die DVFA-Formel. Eine Geheimformel für den Börsenerfolg. Dass viele Mitglieder des DVFA e.V. immer noch bettelarm sind, liegt natürlich nicht daran, dass die Formel nicht funktioniert, sondern am Aktienmarkt. Es besteht aber durchaus noch Hoffnung, dass sich die Börse an der Formel orientiert, ist sie doch von sehr klugen Leuten geschaffen worden.
Doch die Deutschtümmelnden in ihrer Finanzvereinigung haben die Formel mal wieder ohne den Amerikaner gemacht. Der hat nämlich den ultimativen Schlüssel zur Berechnung des Börsenerfolgs gefunden: das PEG! Sehr nützlich! Endlich haben wir ein praktisches Instrument zur Beurteilung des Verhältnisses von KGV zu Gewinnwachstum. Unverzichtbares Werkzeug für jeden Börsenerfolg. Das "Price to Earnings Growth Ratio". Jetzt wissen wir auch, warum die Nasdaq von 5000 auf 1600 gefallen ist. Weil wir alle das PEG nicht kannten. War es etwa zu hoch? Oder hätten wir besser das EBIT und noch besser das EBITDA beachten sollen?
Hat es denn niemand gemerkt? Oder war es die DVFA-Formel, die auf das Desaster frühzeitig hinwies? Und das gute alte KGV? Hat es total ausgedient? All diese Kennzahlen sind nützlich und sinnvoll. Immerhin beschäftigen sie ein Heer von studierten Börsenexperten. Eine Art Beschäftigungsprogramm. Und jeden Monat kommen ein paar neue Begriffe hinzu, eingeschleppt wie ein Virus aus dem angelsächsischen Raum. Endlich haben Experten eine Berechtigung. Sie liegen zwar falsch mit ihren Prognosen, verfügen aber über einen beeindruckenden Fächerkanon an Begriffen, Formeln, Kürzeln. Eine davon wird immer zutreffen. Dann weiß der Analyst wenigstens morgen, warum seine Prognose von heute falsch war.
PEG hin, EBITDA her - Die besten Prognosen werden immer noch bei einer Flasche Rotwein getroffen. Das wissen aber nur alte Börsianer. Alkohol ist zwar keine Antwort, aber man vergisst beim Trinken die Frage...
Von Michael Mross
In ihrem immerwährenden Bemühen, die Finanzmärkte in den Griff zu kriegen, zaubern die Börsenexperten jedes Jahr neue Kunstbegriffe. Das geschieht natürlich einzig in der bösen Absicht, dem Laien klar zu machen, dass die Zuckungen an den Aktienmärkten Folge einer Geheimwissenschaft seien, aus der nur Wirtschafts-Akademiker Gewinne machen können. Genau das Gegenteil ist richtig: Wissenschaftliche Studien ergaben, dass gerade jene, die nicht studierten, an der Börse eine bessere Erfolgsquote aufweisen. Bauernschläue besiegt den Doktor.
Während der eine schon längst gekauft hat, analysiert der Börsenakademiker die Aktie so lange, bis sie wieder fällt. Wenn Börse eine Funktion höherer Mathematik wäre, dann müssten ja alle Schlauen reich sein. Dies ist aber leider nicht der Fall. So mancher vom Sozialstaat subventionierte Promovierte fährt Taxi - nach 30 Semestern Studium. Womöglich auch untrügliches Zeichen, dass es zwischen akademischem Grad und Intelligenz keine positive Korrelation gibt.
Einige finden aber auch Unterschlupf bei einer Bank. Dort werden sie in großen Sälen gehalten und müssen darüber befinden, ob eine Aktie ein Kauf ist oder nicht. Obwohl den End-User eigentlich nur diese Frage interessiert, ja oder nein, muss er sich vorher durch daumendicke Papierfluten quälen, die zu allem Überfluss auch noch bedruckt sind.
Nun könnte man die Sache auch einfach formulieren, aber ein Kreuzworträtsel wäre ja auch langweilig, wenn die Lösung gleich neben den Quadraten zu finden wäre. Die Kunst des Börsenakademikers besteht also darin, die Sache so zu formulieren, dass sie niemand versteht. Dies geschieht natürlich nicht ohne Hintergedanken. Je komplizierter das Oevre, desto besser kann sich der Schreiber hinterher rausreden.
Verwirrende Kennzahlen
Früher war alles ganz einfach. Ein Investment musste nach 10 Jahren das eingezahlte Kapital wieder einspielen. Man nannte dies auch Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Alles, was erst später zum Break-Even beim Investor führte, galt als teuer. Was in weniger Jahren die Ausgaben ausglich, fiel in die Rubrik "Schnäppchen".
Aber warum haben so viele Börsenexperten so viele Jahre studiert, wenn die Sache so einfach ist? Diese Frage haben sie sich wohl auch gestellt. Um ihr Studium zu rechtfertigen, wurden einfach noch ein paar Begriffe erfunden, welche die Sache verwissenschaftlichen. Zunächst wurde das Kurs-Cashflow-Verhältnis eingeführt. Es zeigt an, wie viel Bares pro Jahr das Unternehmen pro Aktie erzeugt. Das hilft zwar auch nicht weiter, aber hört sich gut an. Im Jahr 2000 setzten die High-Tech-Buchhalter das EBIT durch. Wirklich raffiniert. Endlich ein Begriff, den der Laie wirklich nicht mehr durchschaut. Earnings before Interest and Taxes. Gewinn vor Zinsen und Steuern. Das gute deutsche Wort "Einnahmen" täte es zwar auch, aber wofür hat man die European Business School besucht?
Die Steigerung von EBIT lautet EBITDA. Wer an der Börse Erfolg haben will, muss auch die Steigerungsformen der Fachbegriffe kennen! EBITDA - Earnings before interest, taxes, depreciation and amortisation (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen). Auch jener, welcher der englischen Zunge mächtig ist, scheitert an diesem Begriff. Sollte sich ein Business-Studium wohl doch lohnen? Ist das EBITDA die Zauberformel zum Erfolg? The new generation? Wie konnten Börsianer vor der Jahrtausendwende ohne EBITDA existieren? Konnte eine Aktie ohne EBITDA überhaupt steigen? Und was sagen die Experten von der DVFA?
Selbsthilfegruppe für "Experten"
Diejenigen, die Finanzanalyse und Anlageberatung betreiben, fühlen sich mit ihren Begriffen und Formeln mittlerweile derart unverstanden, dass sie eine Selbsthilfegruppe gegründet haben: die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Anlageberatung. Das Wort "Deutsche" durfte natürlich nicht fehlen, sonst käme der unvoreingenommene Leser noch auf die Idee, es handele sich um einen polnischen Zusammenschluss oder vielleicht sogar einer Vereinigung extragalaktischer Wesen. "Deutsch" weist natürlich auch auf ein Qualitätskriterium hin.
Wenn es sich um eine Deutsche Vereinigung handelt, quasi Made in Germany, dann handelt es sich immerhin um Analysen, die mit germanischer Gründlichkeit ermittelt wurden. Eigens zu diesem Zwecke schufen ihre Mitglieder die DVFA-Formel. Eine Geheimformel für den Börsenerfolg. Dass viele Mitglieder des DVFA e.V. immer noch bettelarm sind, liegt natürlich nicht daran, dass die Formel nicht funktioniert, sondern am Aktienmarkt. Es besteht aber durchaus noch Hoffnung, dass sich die Börse an der Formel orientiert, ist sie doch von sehr klugen Leuten geschaffen worden.
Doch die Deutschtümmelnden in ihrer Finanzvereinigung haben die Formel mal wieder ohne den Amerikaner gemacht. Der hat nämlich den ultimativen Schlüssel zur Berechnung des Börsenerfolgs gefunden: das PEG! Sehr nützlich! Endlich haben wir ein praktisches Instrument zur Beurteilung des Verhältnisses von KGV zu Gewinnwachstum. Unverzichtbares Werkzeug für jeden Börsenerfolg. Das "Price to Earnings Growth Ratio". Jetzt wissen wir auch, warum die Nasdaq von 5000 auf 1600 gefallen ist. Weil wir alle das PEG nicht kannten. War es etwa zu hoch? Oder hätten wir besser das EBIT und noch besser das EBITDA beachten sollen?
Hat es denn niemand gemerkt? Oder war es die DVFA-Formel, die auf das Desaster frühzeitig hinwies? Und das gute alte KGV? Hat es total ausgedient? All diese Kennzahlen sind nützlich und sinnvoll. Immerhin beschäftigen sie ein Heer von studierten Börsenexperten. Eine Art Beschäftigungsprogramm. Und jeden Monat kommen ein paar neue Begriffe hinzu, eingeschleppt wie ein Virus aus dem angelsächsischen Raum. Endlich haben Experten eine Berechtigung. Sie liegen zwar falsch mit ihren Prognosen, verfügen aber über einen beeindruckenden Fächerkanon an Begriffen, Formeln, Kürzeln. Eine davon wird immer zutreffen. Dann weiß der Analyst wenigstens morgen, warum seine Prognose von heute falsch war.
PEG hin, EBITDA her - Die besten Prognosen werden immer noch bei einer Flasche Rotwein getroffen. Das wissen aber nur alte Börsianer. Alkohol ist zwar keine Antwort, aber man vergisst beim Trinken die Frage...