Die leise Rache der Verkäufer


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zombi17:

Die leise Rache der Verkäufer

 
15.12.01 19:32
Aus der FTD vom 15.12.2001  
Casual Friday: Die leise Rache der Verkäufer
Von Ursula Weidenfeld

Und dann ist es Weihnachten und Silvester, und es ist Rezession. Und wir marschieren wochenends mit dicken Taschen voller Geld durch die Straßen und versuchen es auszugeben, als ob nichts gewesen wäre.

Geschenke kaufen zum Beispiel. Oder als Schwarzgeld verjuxen. Jedenfalls haben wir viel davon, und wir wollen es loswerden. Geht aber nicht. Niemand will es haben, das ganze schöne Geld von uns, das wir trotz Krise aufgehoben haben für Weihnachten. Zum Beispiel in Berlin. Ein Laden, der Schlafwandel heißt. Und auch so ist. Da macht es keinen Spaß, deutlich mehr als 400 DM für eine Decke auszugeben, die hinten eine andere Farbe hat als vorne und in der Mitte mit Kaschmir gepolstert ist. Wirklich nicht. Oder in Frankfurt. Champagner bestellen. Kommt am 6. Januar. Wegen Inventur. In München. Lodenhut von Loden Frey. Vergessen Sie’s. Ihr Kopf. "Zu dick", sagt der Verkäufer. Da hat er Recht. Aber wollen wir es so erfahren? Nein.

Das ist unser Fehler. Die Verkäufer sind einfach feinsinniger als wir neureichen Trottel, die noch einen Job haben und Säcke von Geld ausgeben wollen für unnütze Dinge wie Decken oder Hüte oder Schallplatten oder Stereoanlagen oder Reisen in den Schnee oder Champagner.


Die Verkäufer, die wissen, was sich gehört in der Rezession. Zurückhaltung nämlich. Bescheidenheit. Dieses widerliche Geprotze von Kunden. Vor Kunden. Und dabei gesehen werden. Von Kollegen. Möglicherweise vom Chef, dem wir gerade noch erklärt haben, dass wir superungern auf das Weihnachtsgeld verzichten.


Das muss doch nicht sein. Die Verkäufer wissen das - weil die jetzt extra geschult wurden für die Rezession. Vor allem die in den richtig teuren Läden. Wo man für deutlich mehr als 400 DM mal gerade eine Plastiktüte bekommt.


Meditation ist angesagt

Früher waren sie da blasiert. Heute meditieren sie. Denn sie wollen sie gar nicht mehr weggeben, die schöne Ware. Könnte ja sein, dass keine neue mehr kommt. Oder wenn neue kommt, dass sie nicht mehr bezahlt wird. Oder wenn sie bezahlt wird, dass sie keiner will.


Außerdem mögen sie uns nicht, die früher blasierten Verkäufer: Die anderen, die damals das Geld hatten und es fröhlich raushauten, die mochten sie. Die waren netter als die ehrpussligen Streber, die heute immer noch welches haben. Weil sie gut gewirtschaftet und das Geld solide und langweilig angelegt haben. Und weil sie nie so richtig auf den Putz gehauen haben. Sondern schon damals Decken für die Mama zu Weihnachten gekauft haben. Und Platten für den Papa.


Solche Leute mögen die Verkäufer eben nicht. Weil die schon nicht gewusst haben, was sich im Aufschwung gehört. Und weil sie erst recht nicht wissen, was sich in der Rezession gehört.


Nämlich: keine Geschenke, sondern Gutscheine für einen netten Abend zu zweit mit selbst gekochten Ravioli. Kein Champagner, kein Prosecco, die Spanier machen auch klasse Sekt. Keine Winterreise, es gibt nichts Schöneres als die alten Schlittschuhe im Keller.


Verzicht! Das rufen uns die stummen Gesichter der jungen schlanken Verkäuferinnen zu, wenn wir in diesen Tagen die Hallen der Enthaltsamkeit stolpern. Bescheidenheit! Das predigen uns die vorwurfsvollen Blicke der Kellner in den italienischen Restaurants, wenn wir einen Trüffel ins Visier nehmen. Finger weg! Das schreit die Mine des Espressomaschinen-Tempel-Dieners, wenn wir den Heiligtümern zu nahe kommen.


Neulich hat ein Eigentümer eines teuren Ladens einem anderen gesagt, er werde nur noch Sachen ins Fenster stellen, die die Leute auch kaufen wollten. Ein Kleingeist. Er sollte nur noch Sachen ins Fenster stellen, die die Leute kaufen sollen. Nämlich nichts. Einfach nichts.


Ursula Weidenfeld leitet das Wirtschaftsressort beim "Tagesspiegel".



© 2001 Financial Times Deutschland
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Egozentriker:

Das erklärt...

 
15.12.01 19:50
die verzogenen Miene der Verkäuferin als ich mir heute eine Lederjacke gekauft habe. Und dann dieses dumpfe Gegrummel als ich ihr gut gelaunt ein "schönes Wochende" zugeflötet habe.
Oh Gott - bin ich so unsensibel ? Ich werde mich ab jetzt im Hinblick auf die wirtschaftliche Situation im Inland und die politischen Miseren im Ausland stark in Zurückhaltung üben, nicht mehr fröhlich sein, schamhaft mein Haupt senken und diese unselige Jacke im Schrank verstecken...
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zombi17:

@ Ego

 
15.12.01 19:55
Das Leben ist so ungerecht :-)))
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