Am 19. Oktober 1987 bebten die Börsen der Welt. Stehen wir jetzt wieder vor der gleichen Situation? Ein Vergleich der Leitbörse USA von damals und heute zeigt, dass ein erneuter Crash trotz hohen Kursen unwahrscheinlich ist.
Stürzt die Börse an einem einzigen Tag um über 20 Prozent ab, sprechen die Finanzprofis von einem Crash. So geschah es vor zehn Jahren. Und so, glaubten einige Prognostiker, werde es jetzt oder dann später in diesem Jahr wieder geschehen. Doch die Situation ist zurzeit fundamental besser. Zu 1987 gibt es bedeutende Unterschiede. Tiefe statt hohe Zinsen. 1987 lag das Niveau der langfristigen Dollarzinsen mindestens zwei Prozent höher als heute.
Ausserdem waren die Obligationenzinsen von Juli 1987 bis zum Crash steil angestiegen, von 8,5 bis auf 10,4 Prozent. Hohe und steigende Zinsen sind stets eine Gefahr für die Börse. Dann werden Obligationen gegenüber Aktien attraktiver. Sichere zehn Prozent auf zehn Jahre Laufzeit mit US-Staatsanleihen (Treasury bonds) bewogen 1987 manchen Anleger, Aktien zu verkaufen. Schon zwei Monate bevor die Aktienkurse im Oktober 1987 einbrachen, hatte es im US-Obligationenmarkt gecrasht.
Vor allem am Terminmarkt für Treasury bonds tauchten die Kurse zeitweise im freien Fall - ein deutliches Warnsignal. Heute herrscht relative Ruhe am Bondmarkt. Manche Prognostiker erwarten gegenteilig zu 1987 sogar sinkende Langfristzinsen. Keine Inflationssorgen. Auch die US-Inflation zeigt heute in eine andere Richtung als 1987. Damals erhöhte sich die Inflationsrate ziemlich steil von einem Tiefstpunkt unter eins auf über vier Prozent. Heute pendelt sie um zwei, ohne die statistischen Fehler wahrscheinlich nur um ein Prozent (siehe Grafik). Einem Inflationsanstieg wie 1987 kann kein amtlicher Geldhüter der Welt tatenlos zusehen. Deshalb erhöhte damals der frischgebackene US-Notenbankchef Alan Greenspan die kurzfristigen Zinssätze.
Das katapultierte am Euromarkt die Sätze für 3-Monats-Dollargeld vom 17. Juli bis 16. Oktober 1987 von 6,8 auf 9,2 Prozent. Heute droht keine Inflation wie 1987, zumindest nicht in den Industriestaaten. In vielen Wirtschaftszweigen herrscht umgekehrt Deflation; die Preise sinken tendenziell. Oder man erhält für den gleichen Preis ein besseres Produkt. Die Notenbankiers haben deshalb ein eher geruhsames Leben. Sie schräubeln höchstens wie jüngst die Deutsche Bundesbank ein bisschen an den Zinsen herum - im Hinblick auf einen möglichst ruckfreien Euro-Start 1999. Die Börse ist im roten Bereich. Der Aktienmarkt selbst ist ein Barometer für einen bevorstehenden Rückschlag. Hier lassen sich am ehesten Parallelen zwischen damals und heute feststellen. 1986/87 war die US-Börse aus dem langfristigen Aufwärtskanal nach oben ausgebrochen.
Der Crash brachte sie wieder zurück. Auch 1997 ist die Börse nach oben ausgebrochen, aber auf stabilerer Basis. Nebst schwacher Inflation und tiefen Zinsen stützen auch die anhaltenden Gewinnzunahmen der Unternehmungen die Aktienkurse. Die Korrektur einer Börsenübertreibung kann auch eine längere Konsolidierung sein. Die Börse verläuft dann nur noch seitwärts oder schwach aufwärts - zurück in den Kanal. Nur einzelne Aktien oder Branchen mit guten Gewinnaussichten steigen weiterhin steiler an. Die Welt hat sich stark verändert. 1987 herrschten Kalter Krieg und weltwirtschaftlicher Frost. In der heutigen Zeit der Globalisierung wollen zusätzlich Hunderte von Millionen Asiaten, Russen, Osteuropäer auch mehr Wohlstand. Sie wollen Geld verdienen, ausgeben und auch anlegen. Diese kräftige Grundströmung sorgt global für Wachstum und damit auch für steigende Börsenkurse. Zuwenig Aktien im Depot.
Mehr Selbstvorsorge, weil die Staatsvorsorge wackelt - dieser neue Trend war 1987 noch kein Thema. Selbstvorsorge heisst auch langfristig in Aktien investieren. Die Mehrheit der Investoren, Private wie Profis, haben heute eher zuwenig als zuviel Aktien. Viele warten auf günstigere Einstiegskurse in Kursrückgängen. Das dämpft jeden Börsenrückgang. Weniger negative Nachrichten. Das politische Klima war 1987 unfreundlich. US-Finanzminister Baker kläffte, die Deutschen hätten als Trittbrettfahrer nur von einem Exportboom profitiert, selbst aber zuwenig für die Binnenkonjunktur getan. Er drohte, den Dollar noch weiter sausen zu lassen. Dieser hatte sich gerade von fast 3 Franken im Frühjahr 1985 auf 1.50 Franken halbiert. Deutschlands Finanzminister Stoltenberg seinerseits bellte zurück. Ausserdem führte er eine neue Quellensteuer ein, die so viel Protest auslöste, dass sie später wieder aufgehoben wurde. In den 80er Jahren regnete es in den USA immer grössere Staatsdefizite. 1998 wird mit etwas Glück die Staatsrechnung erstmals wieder ausgeglichen sein. Positives Fazit: Sollte erneut ein crashähnlicher Rückschlag eintreten, der Rat müsste noch eindringlicher als 1987 heissen:
Mut fassen und Aktien kaufen.
mfG