..oder die totale Selbstregulierung der Märkte..
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Die Vorboten
MICHAEL MAISCH Wir leben in der besten aller Welten. Zumindest galt das bis vorgestern für die Weltfinanzmärkte - bis zum Einbruch an der Börse Schanghai, der die Kurse weltweit mit nach unten riss. Der Einbruch könnte der Vorbote einer fundamentalen Neubewertung der Risiken an den Märkten sein. Läutet die Korrektur das Ende der großen Sorglosigkeit ein? Bislang dümpeln so gut wie alle Daten, die die Profis nutzen, um die Angst der Investoren vor einem Absturz zu messen, auf historischen Tiefständen vor sich hin. Noch nie waren die Anleger so risikohungrig wie heute, und noch nie forderten sie so geringe Gefahrenzulagen für riskante Anlagen wie Anleihen aus den Emerging Markets oder Bonds von Unternehmen mit schwacher Bonität. Auch der Vix-Index der Chicagoer Terminbörse CBOE, der die Furcht der Investoren vor heftigen Kursausschlägen an den Aktienmärkten misst, verharrt auf einem historischen Tief. Warum sind die Anleger so entspannt? Ist die Welt tatsächlich so viel sicherer geworden, oder ist das heikle Gleichgewicht zwischen Angst und Gier an den Finanzmärkten gefährlich aus der Balance geraten? Es gibt einige Argumente, die helfen können, den Optimismus der Investoren zu erklären. Die Weltwirtschaft befindet sich in einer Phase des stabilen Wachstums, hoher Unternehmensgewinne und historisch niedriger Zinsen. Doch der Zyklus ist bereits weit fortgeschritten, und die Gefahren wachsen. Tatsächlich ist die ökonomische und politische Welt in den vergangenen Monaten nicht sicherer, sondern gefährlicher geworden. Anfang des Jahres kam ein Bericht des Weltwirtschaftsforums in Davos zu dem Schluss, dass 15 der 23 Risikofaktoren, die das Geschehen an den Finanzmärkten bestimmen, im vergangenen Jahr zugenommen haben. Egal ob Terrorismus, ökologische Katastrophen, eine Krise in den Emerging Markets oder ein Absturz des Dollars, die Welt ist nach wie vor kein besonders gemütlicher Platz. Es scheint nur eine Erklärung zu geben, die das Paradox zwischen dem Verhalten der Investoren und den realen Gefahren auflösen könnte: Die Märkte haben völlig neue Mittel und Wege entwickelt, um Risiken aufzufangen und zu kontrollieren. Mittel und Wege, die die alte Weisheit "Was steigt, muss auch wieder fallen" aushebeln. Tatsächlich gibt es Optimisten, die einen Paradigmenwechsel für möglich halten. Hinter diesem Glauben steckt die Revolution der Finanzderivate. Ein Billionen-Markt, der sich seit dem Jahr 2000 vervierfacht hat. Derivate und strukturierte Finanzierungen helfen, Risiken breiter in der Wirtschaft zu verteilen. Ein Beispiel: Eine Hypothekenbank packt einen Teil ihrer Kredite in eine Anleihe und verkauft sie an Versicherungen, Pensionsfonds und Hedge-Fonds. Rutscht der Immobilienmarkt in die Krise, liegen die Risiken dank der Verbriefung nicht mehr nur bei der Bank, sondern bei einer Vielzahl von Anlegern. Dank des explodierenden Derivatemarkts können sich Investoren gegen Kreditausfälle, Hurrikanrisiken und fast jedes weitere denkbare Risiko versichern. Anleger, die die Gefahren übernehmen, finden sich dank der Liquiditätswelle reichlich. Noch immer sucht sehr viel Kapital verzweifelt nach Anlagemöglichkeiten. Tatsächlich dürften die modernen Finanzinstrumente dazu beigetragen haben, dass die Märkte eine Reihe massiver Schocks wie die Terroranschläge vom 11. September 2001 vergleichsweise glimpflich überstanden haben. Aber muss es gleich ein Paradigmenwechsel sein? Neue Finanzinstrumente entstanden nicht erst seit der Jahrtausendwende. Aber in den vergangenen 30 Jahren beobachteten die Statistiker trotz kontinuierlicher Innovationen keinen strukturellen Wandel in der Schwankungsanfälligkeit der Märkte. Auf ausgesprochen ruhige Zeiten folgten immer wieder turbulente Phasen. Außerdem ist noch keineswegs ausgemacht, dass die Derivate immer und überall beruhigend wirken. Tatsächlich erhöhen sie auch die Ansteckungsgefahr von Krisen. Stürzt der Immobilienmarkt ab, leiden eben nicht nur die Banken, sondern auch Versicherungen, Pensionsfonds, Hedge-Fonds und all die anderen Investoren, die in die entsprechenden Derivate investiert haben. Einen Vorgeschmack darauf, wie gefährlich die Welt wirklich ist, bekamen die Anleger im vergangenen Mai und Juni, als die Angst vor Inflation und einer rapiden Abkühlung der Weltkonjunktur die Gier plötzlich in Angst umschlagen ließ. Rund um den Globus brachen die Kapitalmärkte ein. Die Analysten der Investmentbank Dresdner Kleinwort berechnen aus einem komplexen Daten-Cocktail einen Gier/Angst-Index. Der hatte im Frühjahr 2006, kurz vor dem Absturz, ein Rekordhoch erreicht - genau wie jetzt wieder. maisch@handelsblatt.com Die Märkte haben neue Mittel und Wege entwickelt, um Risiken aufzufangen.
Maisch, Michael
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Die Vorboten
MICHAEL MAISCH Wir leben in der besten aller Welten. Zumindest galt das bis vorgestern für die Weltfinanzmärkte - bis zum Einbruch an der Börse Schanghai, der die Kurse weltweit mit nach unten riss. Der Einbruch könnte der Vorbote einer fundamentalen Neubewertung der Risiken an den Märkten sein. Läutet die Korrektur das Ende der großen Sorglosigkeit ein? Bislang dümpeln so gut wie alle Daten, die die Profis nutzen, um die Angst der Investoren vor einem Absturz zu messen, auf historischen Tiefständen vor sich hin. Noch nie waren die Anleger so risikohungrig wie heute, und noch nie forderten sie so geringe Gefahrenzulagen für riskante Anlagen wie Anleihen aus den Emerging Markets oder Bonds von Unternehmen mit schwacher Bonität. Auch der Vix-Index der Chicagoer Terminbörse CBOE, der die Furcht der Investoren vor heftigen Kursausschlägen an den Aktienmärkten misst, verharrt auf einem historischen Tief. Warum sind die Anleger so entspannt? Ist die Welt tatsächlich so viel sicherer geworden, oder ist das heikle Gleichgewicht zwischen Angst und Gier an den Finanzmärkten gefährlich aus der Balance geraten? Es gibt einige Argumente, die helfen können, den Optimismus der Investoren zu erklären. Die Weltwirtschaft befindet sich in einer Phase des stabilen Wachstums, hoher Unternehmensgewinne und historisch niedriger Zinsen. Doch der Zyklus ist bereits weit fortgeschritten, und die Gefahren wachsen. Tatsächlich ist die ökonomische und politische Welt in den vergangenen Monaten nicht sicherer, sondern gefährlicher geworden. Anfang des Jahres kam ein Bericht des Weltwirtschaftsforums in Davos zu dem Schluss, dass 15 der 23 Risikofaktoren, die das Geschehen an den Finanzmärkten bestimmen, im vergangenen Jahr zugenommen haben. Egal ob Terrorismus, ökologische Katastrophen, eine Krise in den Emerging Markets oder ein Absturz des Dollars, die Welt ist nach wie vor kein besonders gemütlicher Platz. Es scheint nur eine Erklärung zu geben, die das Paradox zwischen dem Verhalten der Investoren und den realen Gefahren auflösen könnte: Die Märkte haben völlig neue Mittel und Wege entwickelt, um Risiken aufzufangen und zu kontrollieren. Mittel und Wege, die die alte Weisheit "Was steigt, muss auch wieder fallen" aushebeln. Tatsächlich gibt es Optimisten, die einen Paradigmenwechsel für möglich halten. Hinter diesem Glauben steckt die Revolution der Finanzderivate. Ein Billionen-Markt, der sich seit dem Jahr 2000 vervierfacht hat. Derivate und strukturierte Finanzierungen helfen, Risiken breiter in der Wirtschaft zu verteilen. Ein Beispiel: Eine Hypothekenbank packt einen Teil ihrer Kredite in eine Anleihe und verkauft sie an Versicherungen, Pensionsfonds und Hedge-Fonds. Rutscht der Immobilienmarkt in die Krise, liegen die Risiken dank der Verbriefung nicht mehr nur bei der Bank, sondern bei einer Vielzahl von Anlegern. Dank des explodierenden Derivatemarkts können sich Investoren gegen Kreditausfälle, Hurrikanrisiken und fast jedes weitere denkbare Risiko versichern. Anleger, die die Gefahren übernehmen, finden sich dank der Liquiditätswelle reichlich. Noch immer sucht sehr viel Kapital verzweifelt nach Anlagemöglichkeiten. Tatsächlich dürften die modernen Finanzinstrumente dazu beigetragen haben, dass die Märkte eine Reihe massiver Schocks wie die Terroranschläge vom 11. September 2001 vergleichsweise glimpflich überstanden haben. Aber muss es gleich ein Paradigmenwechsel sein? Neue Finanzinstrumente entstanden nicht erst seit der Jahrtausendwende. Aber in den vergangenen 30 Jahren beobachteten die Statistiker trotz kontinuierlicher Innovationen keinen strukturellen Wandel in der Schwankungsanfälligkeit der Märkte. Auf ausgesprochen ruhige Zeiten folgten immer wieder turbulente Phasen. Außerdem ist noch keineswegs ausgemacht, dass die Derivate immer und überall beruhigend wirken. Tatsächlich erhöhen sie auch die Ansteckungsgefahr von Krisen. Stürzt der Immobilienmarkt ab, leiden eben nicht nur die Banken, sondern auch Versicherungen, Pensionsfonds, Hedge-Fonds und all die anderen Investoren, die in die entsprechenden Derivate investiert haben. Einen Vorgeschmack darauf, wie gefährlich die Welt wirklich ist, bekamen die Anleger im vergangenen Mai und Juni, als die Angst vor Inflation und einer rapiden Abkühlung der Weltkonjunktur die Gier plötzlich in Angst umschlagen ließ. Rund um den Globus brachen die Kapitalmärkte ein. Die Analysten der Investmentbank Dresdner Kleinwort berechnen aus einem komplexen Daten-Cocktail einen Gier/Angst-Index. Der hatte im Frühjahr 2006, kurz vor dem Absturz, ein Rekordhoch erreicht - genau wie jetzt wieder. maisch@handelsblatt.com Die Märkte haben neue Mittel und Wege entwickelt, um Risiken aufzufangen.
Maisch, Michael