Unseriöses Angebot
Die Investment-Profis der Deutschen Bank verhinderten die Übernahme der Postbank. Das missratene Geschäft kennt fast nur Verlierer.
Von der ersten Sekunde an versagten die mächtigen Investment-Fachleute der Deutschen Bank in London und New York dem geplanten Deal die höheren Weihen der sonst üblichen Geheimniskrämerei: Es gab keine Code-Wörter, keine Dienstreisen in unauffälligen Mietwagen, keine konspirativen Treffen an geheimen Orten.
Selbst Vorstandssprecher Josef Ackermann zeigte ganz öffentlich vor allem eines: Desinteresse.
Dabei hatte ihm am Montag vorvergangener Woche Bundeskanzler Gerhard Schröder telefonisch eine komplette Übernahme der Postbank angeboten. Der Chef der Post, Klaus Zumwinkel, war informiert. Bei einem lukrativen Angebot hätte er die bereits laufenden Vorbereitungen zum Börsengang seiner Banktochter ohne Zögern abgesagt.
Ackermann wusste, dass die Vertreter der Anteilseigner in seinem eigenen Aufsichtsrat eine Stärkung des Filialgeschäfts in Deutschland wollen. Er konnte deshalb gar nicht anders, als die Offerte von seinen Experten prüfen zu lassen. "Das allein heißt aber nicht viel", versichert ein Insider. "Schließlich kann man jeden Deal gut- oder schlechtrechnen, ganz nach Belieben."
Am Montag vergangener Woche versicherte Ackermann wichtigen Aufsichtsräten, er habe großes Interesse, aber der Preis stehe noch nicht fest. Die Kontrolleure boten ihm an, noch in dieser Woche zu einer Sondersitzung zusammenkommen zu wollen, um die Übernahme abzusegnen. "Wir dachten, die Sache läuft", versichert einer der Beteiligten.
Tags darauf beriet der erweiterte Vorstand der Bank, das so genannte Group Executive Committee, ergebnislos über die Offerte. "Der Widerstand der Investmentbanker war brutal", sagt ein Insider. Vor allem Anshu Jain und Kevin Parker, die Spezialisten für das Anleihe- und Aktiengeschäft, fürchteten offenbar, dass es die Regierung in einer zweiten Phase zur Bedingung machen werde, den rund 30 Milliarden Euro schweren Einlagenüberhang der Postbank in die Finanzierung von drögen Mittelstandskrediten zu stecken.
Nachdem sie das deutsche Firmenkreditgeschäft massiv reduziert hatten, wollten die Investmentbanker keine neuen Risiken in den Büchern. Die angelsächsischen Spitzenverdiener hätten einem Kauf der Postbank nur zugestimmt, wenn das Geld dann in den weiteren Ausbau des amerikanischen Investmentbankings geflossen wäre.
Kurz nach der ergebnislosen Sitzung übermittelten die Rechenexperten des Instituts der Post eine Bewertung, in dem sie den Wert der Banktochter "vorläufig" auf rund 4,3 Milliarden Euro bezifferten - etwa eine Milliarde weniger, als fast alle anderen Investmentbanken, die an dem Börsengang beteiligt sind, errechnet hatten. Ackermann und seine Zahlenkünstler wussten, dass die Post auf dieser Basis ein Angebot nicht akzeptieren konnte.
Ernsthafte Versuche, sich doch noch zu einigen, gab es nicht: Am Mittwoch saß Ackermann zunächst im Landgericht Düsseldorf auf der Anklagebank des Mannesmann-Prozesses. Anschließend reiste er nach St. Gallen - zur dortigen Universität, wo er am traditionellen Essen des Internationalen Studenten Komitees teilnahm. Am Morgen darauf besuchte er mehrere Stunden lang das traditionelle Symposium, eine Vortragsreihe von Wirtschaftsexperten. Wer gerade einen Milliardendeal einfädeln möchte, hat einen anderen Terminplan.
Von Reportern auf den möglichen Kauf der Postbank angesprochen, sagte der Top-Banker ganz offen: "Wir sind nicht interessiert." Seine eigene Pressestelle meldete kurz darauf, die Äußerungen seien "nicht wahr". Von den Journalisten wiederum auf das Dementi angesprochen, rechtfertigte sich der Spitzenbanker: "Wir sind in den USA an der Börse notiert. Wenn wir sagen, dass wir etwas tun, müssen wir sofort eine Mitteilung herausgeben. Wenn wir sagen, dass wir etwas nicht tun, es dann aber doch machen, können wir verklagt werden. 'Wir sind nicht interessiert' bezog sich vermutlich auf eine andere Frage."
Der Bankchef blieb bis gegen Mittag, telefonierte aber zuvor noch einmal mit Post-Boss Zumwinkel. Der erklärte die Gespräche daraufhin öffentlich für beendet.
Der gescheiterte Deal kennt - außer Post-Chef Zumwinkel, der sich nun wieder dem Börsengang widmen kann - fast nur Verlierer: der Kanzler? Musste nach dem französisch-deutschen Streitfall Aventis erneut erkennen, dass er als Standortpolitiker bisweilen kläglich versagt. Der Aufsichtsrat der Deutschen Bank? Brüskiert, denn die deutsche Lösung schien greifbar nahe. Die Postbank und ihre Mitarbeiter? Verunsichert. Und Ackermann?
Mit dem unwürdigen Geschacher hat er vermutlich die größte Chance vertan, seine Bank in ihrem Heimatmarkt besser aufzustellen - und damit den Abstand zu globalen Instituten anderer Länder zu verringern.
Mittelfristig hätte der Deal vor allem der Investmentbank, dem Kerngeschäft des Geldhauses, durchaus genutzt. Die 11,5 Millionen Postbank-Kunden hätten die Vertriebskraft enorm gestärkt. Außerdem wären die Frankfurter, wegen der stabilen Erträge der Post-Tochter, von den Ratingagenturen besser bewertet worden - und damit künftig an billigere Kredite gekommen.
BEAT BALZLI, WOLFGANG REUTER
Spiegel.de