Die Amerikaner - bei Finanzen unerschütterlich
Die Bilanz-Skandale haben die Gemüter in den USA bisher wenig erregt.
WASHINGTON. Enron, Global Crossing, Tyco, WorldCom, Xerox - die Kette von Buchhaltungsskandalen reißt nicht ab und hat die US-Anleger arg erschüttert, sollte man meinen. Denn die Bilanzfälschungen bei WorldCom sind noch gravierender als bei Enron. Während Enron seine Bücher um 600 Mill. Dollar schönte, blies WorldCom die Gewinne um 3,8 Mrd. Dollar auf - zwei Tage später gab Xerox Fälschungen im Umfang von sechs Mrd. Dollar bekannt.
Langsam, aber sicher beginnt Wall Street Schlagseite zu zeigen. Seit rund zwei Wochen bringt praktisch jeder Tag Verluste. Führende Indizes sind unter die Tiefstwerte vom September 2001 gefallen, die Nasdaq liegt auf dem tiefsten Niveau seit fünf Jahren. Und diese Woche hat sich die Verkaufswelle beschleunigt - obwohl wegen des Nationalfeiertags Flaute herrschen sollte. Der Verkaufsdruck habe unverkennbar zugenommen, sagt Matthew Johnson, Börsenchef des Brokerhauses Lehman Brothers, der "Presse". Vor allem die Anlagefonds seien offenbar zum Verkaufen gezwungen: "Der Kleinanleger wirft die Flinte ins Korn."
Bush wird aktiv
Jetzt werfen sich auch die Politiker ins Getümmel. Die Buchhaltungsskandale seien "empörend", meinte Präsident Bush vergangene Woche. Am nächsten Dienstag will er zum Thema eine Rede halten. Ab August, so droht Bush, werde jeder CEO (Geschäftsführer) und jeder CFO (Finanzvorstand) für die Korrektheit der Bilanzen persönlich zu bürgen haben, sonst riskiere er Gefängnis. Im Kongreß ist ein Gesetzesentwurf, der die Buchprüfergilde strengerer Aufsicht unterstellen will, beschleunigt worden. Denn die CEOs, einst Götter der Nation, sind in den Augen vieler zu Aussätzigen geworden. "Ich schäme mich, ein Geschäftsmann zu sein", meinte Andy Grove von Intel, "grand old man" der Hightech-Industrie.
Wenn die Politiker in Aktion treten, dann ist dies meist ein Anzeichen dafür, daß das Blut des Volkes in Wallung geraten ist. Viele Amerikaner sind in der Tat wütend. "Diese Leute sind nicht besser als gewöhnliche Diebe", meinte eine Teilnehmerin an einem "Wall Street Journal"-Forum. "Man muß sie ins Gefängnis stecken." Ein anderer Leserbriefschreiber forderte sogar "die Todesstrafe für CEOs".
Witze und Wortspiele
Aber solche Äußerungen sind mit Vorsicht zu genießen. Die meisten Amerikaner sind noch nicht hellauf entrüstet. Die Wut ist immer noch begrenzt. Man nimmt's mit Humor - "Er hat mich zuerst CEO genannt", heißt es in einer Karikatur, die zwei streitende Buben zeigt - oder nützt die Gelegenheit zu Wortspielen: "Hook Crooks who cook Books" (Angelt die Schurken, die Bücher fälschen) titelte "New York Daily News" .
Die Amerikaner sind unerschütterliche Optimisten und unendlich geduldig. Dies läßt sich immer wieder feststellen. Bis jetzt hat noch kein Schlag ihr finanzielles Vertrauen erschüttern können - weder das Platzen der "Dotcom"-Blase noch der "Meltdown" (Zusammenbruch) der Hightech-Aktien noch die Terroranschläge vom 11. September. Immer wieder sprang der Kleinanleger in die Bresche und rettete die Börse vor dem Kollaps. Jüngste Meinungsumfragen zeigen zwar, daß das Vertrauen der Bevölkerung etwas gelitten hat. Nur noch ein Viertel der Befragten glaubt heute, daß es sich um Einzelfälle handle. Aber neue Gesetze hält eine Mehrheit der Befragten immer noch für unnötig. Strengere Gesetze würden mehr schaden als nützen, glaubt der Amerikaner.
Viele sind nach wie vor überzeugt, daß ihr System das beste sei. "Wir werden noch immer von der Welt beneidet", behauptete eine Hörerin steif und fest, als eine Sendung am "National Public Radio" den WorldCom-Skandal diskutierte. "Deshalb schickt uns die ganze Welt das Kapital." Die amerikanischen Finanzmärkte seien nach wie vor stabiler und transparenter als andere Börsen.
Viele Leute, die sich bei "Talk Shows" und Online-Foren zu Wort melden, schieben die Schuld am Schlamassel der "moralischen Fäulnis" der Hippie-Generation zu ("60s generation"). Ihren Haß reservieren sie für den "notorischen Lügner" Bill Clinton, der "uns lehrte, die Unwahrheit zu sagen".
Die Bilanz-Skandale haben die Gemüter in den USA bisher wenig erregt.
WASHINGTON. Enron, Global Crossing, Tyco, WorldCom, Xerox - die Kette von Buchhaltungsskandalen reißt nicht ab und hat die US-Anleger arg erschüttert, sollte man meinen. Denn die Bilanzfälschungen bei WorldCom sind noch gravierender als bei Enron. Während Enron seine Bücher um 600 Mill. Dollar schönte, blies WorldCom die Gewinne um 3,8 Mrd. Dollar auf - zwei Tage später gab Xerox Fälschungen im Umfang von sechs Mrd. Dollar bekannt.
Langsam, aber sicher beginnt Wall Street Schlagseite zu zeigen. Seit rund zwei Wochen bringt praktisch jeder Tag Verluste. Führende Indizes sind unter die Tiefstwerte vom September 2001 gefallen, die Nasdaq liegt auf dem tiefsten Niveau seit fünf Jahren. Und diese Woche hat sich die Verkaufswelle beschleunigt - obwohl wegen des Nationalfeiertags Flaute herrschen sollte. Der Verkaufsdruck habe unverkennbar zugenommen, sagt Matthew Johnson, Börsenchef des Brokerhauses Lehman Brothers, der "Presse". Vor allem die Anlagefonds seien offenbar zum Verkaufen gezwungen: "Der Kleinanleger wirft die Flinte ins Korn."
Bush wird aktiv
Jetzt werfen sich auch die Politiker ins Getümmel. Die Buchhaltungsskandale seien "empörend", meinte Präsident Bush vergangene Woche. Am nächsten Dienstag will er zum Thema eine Rede halten. Ab August, so droht Bush, werde jeder CEO (Geschäftsführer) und jeder CFO (Finanzvorstand) für die Korrektheit der Bilanzen persönlich zu bürgen haben, sonst riskiere er Gefängnis. Im Kongreß ist ein Gesetzesentwurf, der die Buchprüfergilde strengerer Aufsicht unterstellen will, beschleunigt worden. Denn die CEOs, einst Götter der Nation, sind in den Augen vieler zu Aussätzigen geworden. "Ich schäme mich, ein Geschäftsmann zu sein", meinte Andy Grove von Intel, "grand old man" der Hightech-Industrie.
Wenn die Politiker in Aktion treten, dann ist dies meist ein Anzeichen dafür, daß das Blut des Volkes in Wallung geraten ist. Viele Amerikaner sind in der Tat wütend. "Diese Leute sind nicht besser als gewöhnliche Diebe", meinte eine Teilnehmerin an einem "Wall Street Journal"-Forum. "Man muß sie ins Gefängnis stecken." Ein anderer Leserbriefschreiber forderte sogar "die Todesstrafe für CEOs".
Witze und Wortspiele
Aber solche Äußerungen sind mit Vorsicht zu genießen. Die meisten Amerikaner sind noch nicht hellauf entrüstet. Die Wut ist immer noch begrenzt. Man nimmt's mit Humor - "Er hat mich zuerst CEO genannt", heißt es in einer Karikatur, die zwei streitende Buben zeigt - oder nützt die Gelegenheit zu Wortspielen: "Hook Crooks who cook Books" (Angelt die Schurken, die Bücher fälschen) titelte "New York Daily News" .
Die Amerikaner sind unerschütterliche Optimisten und unendlich geduldig. Dies läßt sich immer wieder feststellen. Bis jetzt hat noch kein Schlag ihr finanzielles Vertrauen erschüttern können - weder das Platzen der "Dotcom"-Blase noch der "Meltdown" (Zusammenbruch) der Hightech-Aktien noch die Terroranschläge vom 11. September. Immer wieder sprang der Kleinanleger in die Bresche und rettete die Börse vor dem Kollaps. Jüngste Meinungsumfragen zeigen zwar, daß das Vertrauen der Bevölkerung etwas gelitten hat. Nur noch ein Viertel der Befragten glaubt heute, daß es sich um Einzelfälle handle. Aber neue Gesetze hält eine Mehrheit der Befragten immer noch für unnötig. Strengere Gesetze würden mehr schaden als nützen, glaubt der Amerikaner.
Viele sind nach wie vor überzeugt, daß ihr System das beste sei. "Wir werden noch immer von der Welt beneidet", behauptete eine Hörerin steif und fest, als eine Sendung am "National Public Radio" den WorldCom-Skandal diskutierte. "Deshalb schickt uns die ganze Welt das Kapital." Die amerikanischen Finanzmärkte seien nach wie vor stabiler und transparenter als andere Börsen.
Viele Leute, die sich bei "Talk Shows" und Online-Foren zu Wort melden, schieben die Schuld am Schlamassel der "moralischen Fäulnis" der Hippie-Generation zu ("60s generation"). Ihren Haß reservieren sie für den "notorischen Lügner" Bill Clinton, der "uns lehrte, die Unwahrheit zu sagen".