Mal sollte nicht immer so strikt gegen oder für Chartanalyse sein. Ich bin als Fundamentalanalytiker bekannt, aber verdamme die Chartanalyse halt auch nicht. Ich sehe die Chartanalyse nicht entkoppelt von allem anderen, aber Basis bleibt immer die Fundamentalanalyse.
Chartanalyse ist doch nichts anderes als das Zusammenbringen aller anderen Einflussfaktoren. Der Chart bildet sozusagen die Vergangenheit und Gegenwart aller anderen Einflussfaktoren ab, also die Fundamentaldaten, Gesamtmarkt, Psychologie, Sentiment etc. Dem kann ja erstmal niemand widersprechen. Das ist soweit Fakt.
Die Frage ist, ob man daraus auf die Zukunft schließen kann. Ich meine, bis zu einem gewissen Punkt ja! Und da kommt dann halt die Chartanalyse ins Spiel, denn ob sich die Psychologie oder das Sentiment einer Aktie verändert, sieht man (jetzt mal als ein Beispiel von vielen) daran, ob eine Aktie, die vorher in einem Seitwärtstrend monatelang verharrte (und ich mich als Fundamentalanalyst fragte, wieso sie trotz Unterbewertung nicht steigt) nun aus diesem Seitwärtstrend ausbricht. Diesen Ausbruch bezeichne ich als Handelsanweisung. Sprich, ich kaufe den Ausbruch, weil ich davon ausgehe, dass sich nun die Einstellung der Anleger zu dieser Aktie verändert hat oder aber die Gewinnmitnahmen (wenn man vor der Seitwärtsbewegung stark gestiegen war) nun vorbei sind. Ein weiterer Grund für den Ausbruch kann natürlich eine fundamentale News sein. Ich bin da nicht festgelegt. Das ist auch der große Vorteil der Chartanalyse. Sie ist nicht dogmatisch, jedenfalls wenn man sie vernünftig anwendet, also nicht als Heilsbringer, sondern als Hilfe bei den Einstiegs- oder Ausstiegsentscheidungen.
Jedenfalls kann die Chartanalyse dabei helfen, Trends zu erkennen und so beispielsweise dem Motto "Gewinne laufen lassen, Verluste begrenzen" zu entsprechen.
Nochmal zu der Frage Handelsanweisung oder Kursziele. Natürlich gibt es viele Chartanalysten, die aus den Handelsanweisungen (Kaufsignal, Verkaufssignal) dann Kursziele ableiten, aber die echten Chartanalysten (also nich irgendwelche Kleinanleger in Foren) wie bei godmode werden auch wissen, dass Kursziele Schall und Rauch sind. Niemand kann bei einem Ausbruch nach oben auf ein neues AllTimeHigh beispielsweise sagen, wo dann der Kurs hinlaufen wird. Trotzdem wird es Kursziele geben, die aber dann nur ein Projektion sind und keinesfalls heißen, dass der Kurs auch bis dort hinlaufen wird. Bei Kurszielen, die sich an Widerständen orientieren, nutzt man halt lediglich diesen Widerstand, um zu sagen, die Aktie X kann nach Asbruch über Widerstand Y nun bis zum nächsten Widerstand Z laufen. Das heißt aber nicht, dass man das auch sicher tun wird, sondern nur, dass es nun Kaufsignale gibt und eine gute Wahrscheinlichkeit gibt, dass man (je nach Zeitraum) bis zu Widerstand Z etc. laufen wird. Bei Dialog könnte ich beispielsweise sagen, geht man über 44,3 €, liegt der nächste Widerstand bei 48 € und danach beim Mehrjahreshoch. Ob man da dann auch wirklich hinläuft, würd ich als Chartfuziie nie behaupten, aber natürlich hätte ich mein persönliches Ziel dann erstmal bei 48 €, weil der Markt ja den Chart auch zur Verfügung hat. Manch ein Chartkritiker meint deshalb auch oft, Chartanalyse wäre nur selbsterfüllende Prophezeihung. Das mag in gewisser Weise stimmen, aber das war ja im Seitwärtstrend vor dem Ausbruch nach oben nicht anders. Insofern kommen wir da wieder zum Thema Psychologie, Sentiment und alle anderen Einflussfaktoren. Wenn der Druck fundamental zu groß wird, kein Abgabedruck von Instis mehr herrscht und das Sentiment der Anleger im allgemeinen passt, dann bricht der Kurs halt nach oben aus. Und das sieht man dann im Chart. Deshalb ist Charttechnik für mich nichts anderes als das bildliche Umsetzen dessen, was der Markt aus allen anderen Faktoren hergibt. Und wieso sollte ich das als Fundamentalanalyst nicht nutzen? Andernfalls sitze ich sonst viele Monate (manchmal über ein Jahr) auf auf einer Aktie, die ich als fundamental super günstig einschätze, aber die sich trotzdem nur in einem Seitwärtstrend oder gar Abwärtstrend bewegt, während andere Aktien im Aufwärtstrend haussieren. Den Spruch "the trend is your friend" gibts ja nicht ohne Grund. Er ist zwar eher auch fundamental und hinsichtlich Depotmanagement gemeint, aber natürlich kann das auch bildlich im Chart abgebildet werden.
the harder we fight the higher the wall