HANDELSBLATT, Dienstag, 20. Juni 2006, 07:37 Uhr
Fusion mit EuronextDeutsche Börse bringt große Opfer
Bislang will die Vierländerbörse Euronext mit der New York Stock Exchange fusionieren. Auch die Deutsche Börse buhlt um die Pariser. Um ein Umdenken herbeizuführen, haben die Frankfurter weitreichende Zugeständnisse gemacht: Sie opfern Führungspositionen, ihr Handelssystem Xetra und sogar ihre eigene Stadt.
ali/ben/mm/pot/rob/HB FRANKFURT/PARIS. Laut dem neuen Vorschlag würde Euronext den Aufsichtsratschef stellen, teilte die Deutsche Börse am Montagabend nach einer siebenstündigen Aufsichtsratssitzung mit. Bisher hatte Frankfurt diesen Posten beansprucht und ihm überdies eine entscheidende Stimme einräumen wollen. Ob das wichtige Doppelstimmrecht in der neuen Konstellation gelten werde, sei offen, hieß es gestern bei der Börse. Im Gegenzug für den Verzicht auf den Aufsichtsratschef will Frankfurt nun den Vorstandschef nominieren, der bislang für Euronext vorgesehen war.
Zudem sollen jetzt die Zentralfunktionen auf Amsterdam, Paris und Frankfurt verteilt werden. In ihrer ersten Offerte hatte die Börse auf Frankfurt als Hauptsitz beharrt. Vorstandschef und Finanzchef sollen laut dem neuen Vorschlag am Main angesiedelt sein.
Zu den Zugeständnissen der Deutschen Börse an Euronext gehört darüber hinaus der Verzicht auf das bislang benutzte Aktienhandelssystem Xetra. Im Falle einer Fusion mit der Euronext soll der gemeinsame Aktienhandel auf dem System NSC der Pariser stattfinden. Außerdem soll die IT, einer der Kernbestandteile der Deutschen Börse, in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Atos, dem IT-Dienstleister der Euronext, ausgegliedert werden. Die Euronext hatte diese Ausgliederung gefordert, nachdem sie selbst ihre IT-Abteilung mit dem Dienstleister Atos zusammengelegt hatte.
„Dieses Angebot soll den Umschwung zu Gunsten der Deutschen Börse herbeiführen und ist ein Ergebnis unserer Gespräche mit Aktionären und Politikern in Paris, Brüssel und den Niederlanden“, sagte Aufsichtsratschef Kurt Viermetz dem Handelsblatt. Von einer Veränderung des Kaufpreises habe man zunächst abgesehen, damit man auf ein mögliches höheres Angebot der Nyse reagieren könne. Bislang bieten beide Kaufinteressenten rund 7,5 Mrd. Euro in Aktien und Bargeld. Durch den Kursverfall der Nyse-Aktie in den vergangenen Wochen ist das Angebot aus Frankfurt derzeit aber etwas attraktiver.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Politiker sorgen sich um Frankfurts Zukunft.-->Euronext-Chef Jean-François Theodore hatte bislang eine Fusion mit Frankfurt abgelehnt und mit der Nyse ein Zusammengehen vereinbart. Damit war er jedoch auf Widerstand gestoßen. So sprach sich etwa der französische Staatspräsident Jacques Chirac für eine europäische Lösung aus. Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni nutzte dies und sprach in den vergangenen 14 Tagen mit Politikern, Bankern und Euronext-Aktionären über Wege für deren Zustimmung für eine Fusion Paris/Frankfurt.
Die Euronext lehnte gestern einen Kommentar zu den neuen Vorschlägen ab. Im Vorfeld der Frankfurter Aufsichtsratssitzung wurden die Gespräche Francionis mit Euronext-Aktionären in Pariser Börsenkreisen aber als „feindlicher Akt“ eingestuft. Nyse-Chef John Thain sagte, er sehe keinen Grund, die Vereinbarung mit der Euronext zu verändern.
Die hessische Landesregierung, welche die Aufsicht über die Börse hat und bislang eine Fusion mit der Euronext befürwortete, zeigte sich besorgt „Der hessische Ministerpräsident Roland Koch und Wirtschaftsminister Alois Rhiel sehen die Entwicklung mit großer Sorge“, sagte ein Regierungssprecher nach Bekanntwerden der Pläne. Bei allem Streben nach einer europäischen Lösung dürfe die Bedeutung Frankfurts als kontinental- europäischer Finanzplatz Nummer eins nicht gefährdet werden. Frankfurt sei aus sich heraus stark und deshalb dürfe es keine Fusion um jeden Preis geben.
Widerstand gab es auch von Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat. Sie lehnen die Fusion mit Euronext ab, weil sie Angst vor Stellenkürzungen haben. Francioni wollte sich am Montag vor Journalisten nicht zum Umfang eines eventuellen Jobabbaus äußern.