Auszüge aus dem Artikel von Ronald Gehrt „Wehe den Besiegten!“. Sind einige vernünftige Ansätze drin ;-))
….Fallende Zinsen sind immer gut, so die simple Überlegung ... also stiegen die Kurse im Vorfeld zwei Wochen lang, unmittelbar vor der Zinsentscheidung am Dienstag erneut ... und brachen dann einfach ein. Unverschämtheit. Warum (möglicherweise), dazu später. Fakt ist nur: So hatte die Troika des Frohsinns (Bush, Paulson, Bernanke) sich das aber nicht vorgestellt. Die „HOPE“-Aktion brachte schon nichts, die Zinssenkung auch nicht ... also setzen wir noch einen drauf:
Die Überraschenden wurden überrascht
Die Börsen waren gerade dabei, entspannt nach unten zu laufen, als am Mittwoch um 15 Uhr die vorgenannten Weihnachtsmänner erneut den Sack öffneten. Heraus fiel eine so genannte „konzertierte Aktion“ der US-Notenbank mit Europäischer Zentralbank, Schweizer Notenbank und Royal Bank of Canada. Ziel: Weil gerade Zeit war, den Kreditmarkt ein wenig mit Liquidität zu unterstützen (d.h. ihn mit Geld zu fluten, bis er nötigenfalls ersäuft), um so die kurzfristigen Zinsen wieder nach unten zu bekommen.
Wäre diese Aktion nicht aus blanker Panik geboren worden, weil die Zinssenkung nicht die erwünschte positive Wirkung auf die Börsen hatte, dann hätte man sie ja bereits am Abend zuvor zusammen mit der Leitzinssenkung bekannt geben können. Und dass das eine aus dem Hut gezauberte Ruckzuck-Aktion war, deutet sich auch darin an, dass die Aktienmärkte am Mittwoch erst ca. eine Stunde vor Bekanntgabe der Aktion plötzlich zu steigen begannen. Das dürfte der Zeitpunkt gewesen sein zu dem die, die etwas haben läuten hören, dieses Gerücht an die weitergaben, die daraus Kapital schlagen konnten, bevor die Allgemeinheit die Nachricht erhielt. Unschön? Mag sein. Aber nicht schlimmer als der Hokuspokus der allgemeinen Zuversicht bei im Hintergrund lichterloh brennendem Christbaum an sich.
Damit hatte die Troika des Frohsinns nun aber alle Register gezogen. HOPE, Zinssenkung und Überraschung – mir gebricht es an Phantasie, was jetzt noch im Füllhorn stecken sollte. Und: Auch der letzte Bonbon aus der Wundertüte verfing nicht bei den Marktteilnehmern! Das ist nun aber so richtig dumm gelaufen!
Das letzte Bonbon ist gelutscht
Während der Dax (was sonst) dumpf nach dem tiefsinnigen Motto „kaufikaufi“ senkrecht emporschoss, fielen die US-Akteure nicht auf diese doch sehr durchsichtige Notmaßnahme herein. Die Überlegung war einfach und logisch: Die US-Verantwortlichen machen sich hier doch hier nicht zum Kasper, wenn es keinen Grund gibt! Was bedeutet: Man will die Börsen dorthin bekommen wo sie der Troika in die Karten spielt (Aktien rauf, Zinsen runter) um damit zugleich zu kaschieren (denn mit heilen ist da nichts drin), dass die grundsätzlich „richtige“ Richtung anders herum wäre: Zinsen rauf, Aktien runter.
Der Verlauf der Interbankenzinsen Libor und Euribor, Basis dieser verzweifelten letzten Aktion, in der abgelaufenen Woche zeigt, dass die großen Adressen sehr wohl die Botschaft verstanden hatten. Nicht die, die auf dem rosa Grußkärtchen stand, sondern die Wahrheit, die sich dahinter verbarg. So lief beispielsweise der 2-Wochen-Euribor (die European Interbank offered Rate, das ist der Zinssatz, zu dem Banken untereinander Geld leihen) nicht nach unten, sondern schoss von ohnehin hohen 4,15% vor Öffnung der Wundertüte am Mittwoch auf 4,95% am Freitag, siehe Chart (das erklärt übrigens, warum der Bund Future zuletzt weiter unter die Räder kam).
Perspektiven in allen Bereichen schwarz
Auwei. Die armen Puppenspieler haben sich in den Fäden ihrer Marionetten verheddert. Statt ein optimales Szenario zu erschaffen schlagen jetzt die ersten Blitze aus tiefschwarzen Wolken. Sehen wir uns mal die Lage an:
1.Die Leitzinsen in den USA wurden gesenkt, während die Inflationsraten anziehen (Quelle dieses Charts: www.markt-daten.de). Die Produzentenpreise haben nun eine Jahresrate von +7,2% in der Gesamtrate erreicht, die Verbraucherpreise stiegen im Jahresvergleich um +4,3%. Die niedriger liegende Kernrate ohne Nahrungsmittel und Energiepreise wäre nur eine gültige Betrachtung, wenn letztere auch mal deutlicher fallen oder wenigstens nur schwanken würden. Da sie aber stetig steigen, kann man sie nicht einfach ignorieren. Und nicht zu vergessen ist, dass das ja auch noch so gut wie möglich „optimierte“ Daten sind. Für die wirklich bei den Bürgern ankommenden Preissteigerungen muss man noch gut 1-2% hinzurechnen (und das ist eine konservative Rechnung). Es ist fraglich, ob diese Entwicklung noch unter Kontrolle zu bringen ist, nachdem die Notenbank die Zinsen nicht wie in diesem Fall eigentlich nötig erhöht, sondern gesenkt hat.
2. Was nicht zuletzt neben der Immobilien- und Kreditkrise daran liegt, dass das US-Wirtschaftswachstum trotz steigender Preise stagniert. Das würde Zinssenkungen rechtfertigen, aber: Wenn man erst mal zwischen diesen Stühlen sitzt darf man der Lage auch gerne einen Namen geben: Stagflation. Eine Situation, in der die Notenbanken letztlich machtlos sind. Und dorthin steuern die USA nun, mit freundlicher Unterstützung der „Troika des Frohsinns“, da denen das Hemd (Wahlen) näher ist als die Hose (die Folgen ... die nach Möglichkeit nach den Wahlen auftreten sollen).
3. Jeder altgediente Börsenhase wird Ihnen bestätigen, dass die wie üblich hervorgeholte Begründung, dass diesmal alles anders sei, bei den erfahrenen Großanlegern nicht verfängt. Denn die wissen sehr wohl, dass das diesmal angeführte Argument ewigen Wachstums in Fernost als Stütze für so ziemlich alles Unfug ist. Bricht eine Speiche im Rad, wird das ganze Rad instabil, denn der Aufschwung in Asien ist davon abhängig, dass der Aufschwung in USA weiter geht.
4. Die kurzfristigen Zinsen steigen immer weiter und blockieren den Geld- und Kreditfluss mit unfeinen Auswirkungen auf Investitionen der Unternehmen.
5. Damit ist ziemlich klar, dass nicht nur die Wachstumsperspektiven der Konjunktur an sich, sondern auch die Perspektiven der Unternehmensgewinne düster sind. Und das, da nirgendwo eine isolierte Insel der Glücksseligen existiert, mit einer Verzögerung von ca. sechs Monaten nach den USA auch in Europa und Asien.
….. Wenn jetzt nicht stehenden Fußes eine Rallye an den Aktienmärkten einsetzt, geht der Verfalltermin am kommenden Freitag für die Bullen in die Hose. Und wenn Sie sich mal nicht die Jahreperformance unseres in einer Phantasiewelt schwebenden Dax ansehen sondern z.B. die des Stoxx 50 oder des S&P 500 erkennen Sie: Das vierte Quartal war ebenso wie 2007 insgesamt nicht so, dass die Fonds hier noch groß einkaufen müssten, um zum Jahresultimo gut dazustehen. Stoxx 50 knapp im Minus, S&P nur marginales Plus – und im 4. Quartal bislang in beiden Fällen Verluste) Eher könnten da noch Abgaben drohen. Und die Perspektiven:
Nachdem die jüngste ebenso wie die vorherige Zinssenkung der US-Notenbank nicht steigende, sondern fallende Kurse nach sich zog halte ich es allemal für möglich, dass ein „Lerneffekt“ einsetzt und man nicht im Vorfeld wieder blind kauft, als gäbe es morgen keine Aktien mehr. Und außer der möglichen nächsten Zinssenkung Ende Januar kommt dann nur noch ein Ereignis, auf das man setzen könnte: Die Quartalsergebnisse des 4. Quartals. Und dass die positiv ausfallen, glaubt so langsam niemand mehr!
Die Rolle der großen Adressen
Noch stehen die wichtigen Weltbörsen (sehen Sie bitte nicht auf den Dax, sondern auf die wirklichen Weltbörsen) in der Mitte der Spanne zwischen den zuletzt erreichten Rallye-Hochs und den Tiefs von Ende Oktober. Noch kann es also nur ein Rücksetzer sein, bevor es jetzt so richtig durch die Decke geht. Das kann man einfach nicht ausschließen – wenngleich die Chancen dafür auf höchstens 35% gesunken sind und eine Vernunftquote der Investoren bei 0% erfordern würde. Aber wenn nun die so lange aufgehaltenen Kräfte der Schwerkraft mangels Nachschub aus der Wundertüte einsetzt, was kann den Stein ins rollen bringen?
Ich meine, das werden die großen institutionellen Investoren sein. Solange die Kurse sich hielten, wurde neu zufließendes Kapital immer wieder investiert. Keine Frage, letztlich hatten die Fonds ja keine andere Wahl. Doch jeder Großinvestor weiß: Wenn einer klammheimlich als erster aus der Reihe ausschert und aussteigt, findet er auch für diese riesigen Positionen noch einen aufnahmebereiten Markt. Die nächsten großen Adressen haben es da schon schwieriger, denn in fallende Kurse hinein kann ein Fonds seine Bestände nicht nennenswert zurückfahren, ohne einen Kurseinbruch auszulösen.
Ich habe den Eindruck, als wären die ersten „Großen“ am Dienstagabend nach der Zinssenkung und am Mittwoch bereits aktiv auf der Verkaufsseite aufgetreten. Wenn wir nicht in den kommenden zwei, drei Tagen deutliche Kurssteigerungen sehen erwarte ich, dass auch andere große Adressen versuchen, ihre Bestände zu verringern ... und das kann dann eine Massenflucht auslösen, der keine Käufer gegenüberstehen.
Komplett einsehbar incl. Charts unter
www.system22.de/archiv.html