Nun wird alles klarer...
So langsam wird es klarer: Die Fed konnte offensichtlich die Zinsen am Dienstag nicht weiter senken, weil die Inflationsgefahren zu groß sind. Heute wurden nämlich die Erzeugerpreise veröffentlicht und diese zeichnen ein erschreckendes Bild.
So sind die Erzeugerpreise im November um 3,2 % (!) gestiegen. Analysten hatten hingegen nur mit einem Anstieg im Bereich zwischen 1,5 bis 2,0 % gerechnet. Zum Vergleich: Im Oktober waren die Preise um 0,2 % gestiegen.
Wie wir wissen, achtet die Fed auf die Kernraten, ohne die volatilen Faktoren Lebensmittel und Energie. Aber auch die Kernrate der Erzeugerpreise ist mit einem Anstieg von 0,4 % deutlicher als erwartet angestiegen. Die Erwartungen lagen um 0,2 %. Im Oktober stagnierten die Preise noch (0,0 %).

Steigenden Rohstoffpreise und der schwache Dollar wirken sich aus
Sie sehen, jetzt geschieht das, was ich die ganze Zeit prophezeit hatte: Während der Ölpreis schon wieder leicht sinkt oder stagniert, während der Dollar aktuell nicht weiter fällt, fangen die Inflationsindikatoren an, deutlich auszuschlagen. Sie reagieren, wie erwartet, zeitversetzt.
Jetzt wird es für die Fed eng. Weitere Zinssenkungen sind bei einer derart starken Inflation kaum praktikabel. Die Fed wird gezwungen sein, darauf zu achten, dass die Inflation nicht allzu sehr ausufert, zu schnell kann eine Inflationsspirale entstehen.
In diesem Kontext wird verständlich, warum es am Dienstag keinen großen Zinsschritt gegeben hat, sondern stattdessen die westlichen Notenbanken in einer konzertierten Aktion dem Markt mehr Liquidität zur Verfügung stellen „mussten“.
Wahrscheinlich wird die Fed abwarten müssen, bis sich die Inflationsdaten wieder beruhigen. Die Chance, dass sie genau das tun ist groß, da die Rohstoffpreise aktuell fallen/stagnieren und der Dollar nicht weiter abwertet. Doch auch dieser Effekt wird sich ebenfalls erst zeitversetzt auswirken. In der Zwischenzeit, wenn auch die weiteren Inflationsdaten derart deutlich anziehen, werden der Fed die Hände gebunden sein.
Das Schlimmste, das nun passieren kann
Wenn nämlich der Ölpreis doch noch weiter steigt, oder/und der Dollar weiter fällt, wird die Inflation in den USA immer deutlicher sichtbar und für die Verbraucher spürbar werden. Wie ich hier schon mehrfach dargelegt hatte, gibt es bei der Inflation immer auch ein psychologisches Moment: Wenn Inflation zu offensichtlich wird, verstärkt allein das schon die Inflationsspirale.
Hintergrund: Wenn Preise schnell steigen, werden immer mehr Verbraucher, aber auch Unternehmen versuchen, möglichst schnell vor der nächsten Preissteigerung (mittel bis langfristige) Waren, Rohstoffe etc. einzukaufen. Das kann die Geldumlaufgeschwindigkeit dramatisch erhöhen, weil dann irgendwann jeder bereit ist, alles zu jedem aktuellen Preis zu kaufen (überspitzt ausgedrückt) – niemand will "Geld" mehr zu lange in der Hand halten, da er dann dabei zusehen kann, wie die Kaufkraft kontinuierlich sinkt. Durch diese wachsende, dringliche Nachfrage bei gleichbleibendem Angebot steigen natürlich die Preise – was die Inflationsspirale verschärft.
Also nicht die Geldmenge selbst, wie viele fälschlicherweise denken, sondern die Geldumlaufgeschwindigkeit ist einer der wesentlich treibenden Faktoren der Inflation und diese ist unter anderem davon abhängig, wie groß die Angst vor Inflation ist. (Wenn eine stark erhöhte Geldmenge einfach auf den Konten der Verbraucher, Banken, Unternehmen landen würde und niemand diese nutzt, um Waren zu erwerben, hätte sie keinen inflationstreibenden Effekt (siehe Japan). Das ist ein sehr wichtiger und oft unterschätzter Faktor!)
Einzelhandelsumsätze retten zunächst die Märkte
Interessant ist, dass die Umsätze im US-Einzelhandel im November um 1,2 % gestiegen sind. Experten hatten lediglich mit einem Anstieg im Bereich 0,6 bis 0,8 % gerechnet, nach einem Anstieg von 0,2 % im Vormonat.
Ohne PKW ist der Einzelhandelsumsatz in den USA sogar um 1,8 % geklettert. Auch hier war nur mit einem Plus von 0,7 % gerechnet worden, nach 0,2 % zuvor.

Diese sehr positiven Zahlen zum Weihnachtsgeschäft retteten zunächst den Markt. Allerdings geht es hier natürlich um den „Umsatz“. Das bedeutet, wenn tatsächlich nicht mehr Waren gekauft werden, sondern nur die Preise steigen, steigt auch der Umsatz. Diesen Effekt muss man bei einer Inflation immer berücksichtigen. Ob oder wie stark also der Einzelhandelsumsatz „inflationsbereinigt“ angestiegen ist, können wir nicht sagen.
Eine Sorge weniger
Trotzdem wertete der Markt diese Nachricht zunächst positiv, in der Hoffnung auf ein gutes viertes Quartal. Nach den schlechten Daten zum Verbrauchervertrauen war die Sorge groß, dass der US-Verbraucher nicht mehr ausreichend konsumieren würde. Hinzu gesellten sich Befürchtungen, dass durch die steigenden Benzin- und Energiekosten, wie auch die Krise am US-Immobilienmarkt der Konsum zusätzlich belastet wird.
Die neuesten Daten zum Einzelhandel lassen diese Sorgen zunächst in den Hintergrund treten. Der Inflationseffekt wurde dabei ignoriert. Dem Markt ist wahrscheinlich kurzfristig wichtiger, dass es ein gutes Weihnachtsgeschäft gibt.
Langfristige Gefahren
Langfristig ist diese Einstellung gefährlich. Denn wenn sich die Inflationsdaten nicht beruhigen, müssen irgendwann, Rezessionsgefahren hin oder her, die Zinsen in den USA ansteigen. In diesem Fall wird die US-Wirtschaft direkt von mehreren Seiten in die Zange genommen: Hohe Rohstoffpreise, sinkende Konsumkraft der Verbraucher und eine niedrigere Investitionsbereitschaft der Unternehmen.
Die Börse wird das einpreisen, aber selbst auch noch ein paar Probleme kriegen: Die höheren Zinsen werden Anleger dazu bringen, ein Teil ihres Geldes fest verzinslich anzulegen (Risikoaversion). Das wird besonders dann der Fall sein, wenn der Aktienmarkt keine Performance mehr erzielt (Seitwärtsbewegung / Einbruch). Bei höheren Zinsen wird es weniger Übernahmen und Aktienrückkäufe geben. Diesen Effekt erkennt man jetzt schon: Aufgrund der Kreditmarktkrisen werden zunehmend größere Übernahmen zurückgestellt.
Übernahmen und Aktienrückkäufe führen zu einer Verknappung der handelbaren Aktienmenge. Das war bisher ein Bullenargument: Geringeres Angebot bei gleichbleibender Nachfrage führt zu steigenden Aktienkursen. Dieser positive Effekt würde dann wegfallen.
Alles eine Frage der Zeit
Sollte sich die Inflation also ausweiten, wird es langfristig eng für die Märkte. Nur sollten Sie noch nicht unbedingt sofort mit diesem Ereignis rechnen. Es geht bei diesen Betrachtungen um längere Zeiträume von mehreren Jahren. Wann und ob die Börse beginnt, diese zurzeit noch theoretische Zukunft zu spielen, können wir nicht absehen.
Im Moment kämpfen die Bullen über das Hauptargument „steigende Liquidität“ gegen die Bären, die mit „Rezessionsängsten und Inflationssorgen“ argumentieren.
Wenn hingegen der Ölpreis nicht weiter steigt und der Dollar nicht weiter fällt, werden sich die offensichtlichen Inflationskomponenten erst einmal wieder schnell beruhigen. In diesem Fall hätte die Fed wieder Spielraum die Zinsen weiter senken, um eine Rezession zu bekämpfen. Da jedoch sinkende Öl- und Rohstoffpreise direkt auch einen stimulierenden Effekt auf die Wirtschaft haben werden (siehe drittes US-Quartal), ist nicht einmal sicher, dass sie das muss. Das wäre das bullishe Szenario.
Viele Grüße
Jochen Steffens








