WSJ:
www.wsj.de/nachrichten/...203679204580106623786671974?mg=reno64-wsjde
"Vertreter der amerikanischen Notenbank Federal Reserve etwa versuchen immer noch, sich einen Reim auf die aktuelle Kombination aus launischem Wirtschaftswachstum und robustem Jobwachstum in den USA zu machen. Bevor sie zu einer Zinserhöhung greifen, wollen sie noch mehr Belege dafür sehen, dass das Beschäftigungswachstum auch weiterhin stark bleibt."
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A.L.:
Die Diskrepanz (oben unterstrichen) rührt schlicht und ergreifend daher, dass viele der neuen US-Stellen nur Halbtagsstellen sind, dazu oft in schlecht bezahlenden Branchen wie Health Care und Restaurants.
Ungeachtet dessen hält die US-Regierung hedonistisch daran fest, jede neue Stelle als Vollzeitstelle zu zählen. Dies dient dazu, eine robuste Wirtschaft vorzugaukeln. Könnte ja sein, dass sonst jemand auf die Idee kommt, dass US-Wirtschaftssystem (Firmengewinne sind aktuell auf Rekordhoch) als ungerecht in Frage zu stellen.
Für einen nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung ist es auch wichtig, dass sich die Massenkaufkraft erhöht - was nicht der Fall ist. Die Reallöhne in den großen Industrieländern stagnieren seit den 1970er Jahren. Und wer nur einen Halbtagsjob findet (in USA würden viele Halbtagsjobber lieber fulltime arbeiten), guckt doppelt in die Röhre.
Das Neocon-Wirtschaftskonzept, immer mehr Effizienz aus den Belegschaften herauszupressen, um die Umverteilung von unten nach oben in Gang zu halten, ist zu kurzfristig orientiert. Es mag kurzfristig die Firmengewinne erhöhen, schadet aber langfristig der gesamten Wirtschaft, weil die Nachfrage zu klein bleibt.
Im Zuge der 2008-Finanzkrise gab es in USA eine riesige Entlassungswelle. Oft standen die Entlassungen gar nicht zwingend mit der Krise in Verbindung. Die Krise wurde von vielen Firmen als "Chance" bzw. Vorwand genutzt, die vorhandene Arbeit auf weniger Köpfe zu verteilen, um die Produktivität (sinkende Lohnstückkosten) und Profitabilität zu steigern.
Bereits seit 2002 wird in USA versucht, krisenbedingte Nachfragelücken mit Krediten zu füllen. Kredite haben den "Vorteil", dass die Massenkaufkraft steigt, ohne dass die Löhne erhöht werden müssen. Das Risiko bleibt beim Kreditnehmer. Unter Greenspan waren es vor allem (Subprime-)Hauskredite. Aktuell stehen Studentenkredite ganz vorn, die ziemlich wahllos an jeden vergeben werden, der sich irgendwo bei einem College einträgt. Studentenkredite haben bereits die 1-Billion-Dollar-Grenze überschritten. Hinzu kommen neue Subprime-Kredite für Autokäufer. Sie werden an Leute vergeben, die sich im Prinzip gar kein Auto leisten können (z. B. Langzeitarbeitslose). Wie das endet, sah man 2008 bei den Subprime-Hauskrediten.
Auch die massiven Keynes-bzw.. Stimulus-Programme nach 2008, aus denen u. a. verlängerte Arbeitslosenhilfe finanziert wird, dienen dazu, die Nachfragelücke zu schließen. Ausufernde Staatsverschuldung, teil-refinanziert durch QE, ist aber auch nicht keine nachhaltige Lösung. Die Hoffnung der Fed (und vieler anderer US-Hedonisten), der Stimulus würde "automatisch" in neues Wirtschaftswachstum übergehen, hat sich nicht erfüllt. Kein Wunder angesichts der hohen Bestands-Überschuldung. Wer soll da NOCH mehr Kredite aufnehmen?
Eine weitere Katastrophe ist das US-Steuersystem. Viele große Firmen, darunter z. B. Merck (Pharma), zahlen fast gar keine Steuern. Auslandsgewinne bleiben in USA in der Regel unversteuert, da die Firmen sie in der Regel nicht nach USA "repatriieren" (was sie steuerpflichtig macht), sondern im Ausland neu investieren. In dem Kontext ist es mehr als zynisch, wenn sich Firmen-Chefs - insbesondere Republikaner - über die "ausufernde Staatsverschuldung" aufregen. Würden sie vernünftig Steuern zahlen, gäbe es diese hohe Staatsverschuldung gar nicht (gilt auch für die PIIGS, speziell Griechenland).
Die Lösung kann nur sein, dass Unternehmen mehr soziale Gerechtigkeit walten lassen, also die Arbeitnehmer stärker am Wachstum der Firmengewinne beteiligen. In D. verdiente ein Vorstandsmitglied in den 1980er Jahren das 20-fache eines Angestellten, heute ist es das 200-fache. Wie ist das zu rechtfertigen? Während von Arbeitnehmern durchweg verlangt wird, dass sie die Erwerbsarbeit zu ihrem Lebensinhalt machen, und der ständig steigende Arbeitsdruck ( der häufig zu "Burn-out" führt) als "Möglichkeit, zu wachsen und sich persönlich weiterzuentwickeln" verklärt wird - bei stagnierenden Reallöhnen und gratis zu leistenden Überstunden -, lassen sich die Vorstandsherren ihre Mehrarbeit und ihr Mehr an Verantwortung sehr wohl vergolden.
Last not least muss - in allen Industrieländern - der sozial ungerechten Auslagerung von Stellen in Billiglohnländern ein Riegel vorgeschoben werden. Durch die globalisierte Wirtschaft entziehen sich die deutsche Firmen immer stärker ihren in § 14 (2) des Grundgesetz verankerten Pflichten:
dejure.org/gesetze/GG/14.html