Fill, Du hattest bist vor kurzem noch andere Gründe für das potenzielle Austoppen der US-Indizes genannt, nämlich dass sich die Wirtschaft faktisch erholt (reales Wachstum statt Pump-Wachstum) und dass deshalb die Zinsen angehoben werden. Diese Interpretation basiert(e) auf der Annahme, dass sich durch die Banken- und Staaten-Krise ab 2008 nichts Grundlegendes verändert hat. Gegenpol vertritt das andere Extrem: Er geht davon aus, dass 2008 der Krug final zerbrochen ist und der Kapitalismus sich nur noch mit einer frivolen Gelddruck-Wirtschaft über die Runden retten kann. Daher seine QE-Infinity-These.
Deine
neue Variante des Austopp-Szenarios geht offenbar nicht mehr von einer realen (= pump-bereinigten) Wirtschaftserholung aus, sondern eher von einer eher Sentiment-basierten Erwartung - nämlich dass die "Alternativlosigkeit der Vermögenspreisinflation" inzwischen Konsensmeinung (bei den Fonds usw.) geworden und mittlerweile eingepreist sei. Die neue Interpretion ist "Fundi-bärischer" und kommt der meinigen näher. Sie ist auch nicht weit entfernt von der Gegenpols, der ja die Fundi-Malaise ebenfalls als Grund für Dauer-QE nennt.
Ich möchte noch eine weitere Variante (meine) hinzufügen: Die Wirkungen von QE verpuffen mit der Zeit, so dass zum Erreichen des gleichen Effekts immer stärker gepumpt werden muss. Um 1 Dollar Wachstum zu erreichen, müssen mittlerweile 7 Dollar neue Schulden aufgenommen werden. D.h. die Effizienz der Geldpump-Planwirtschaft sinkt zunehmend. Die Notwendigkeit, immer stärker pumpen zu müssen, erkennt man auch daran, dass die Fed QE3 trotz Aktien-ATHs erstmals zeitlich unbefristet initiiert hat (Bindung an AL-Quote).
Ich betrachte QE dabei weniger als (massen-)psychologische Kauf-Konditionierung (u. a. für große Fonds getreu der Devise "never fight the Fed"), sondern vor allem - und vermutlich realistisch - als das einzige in USA noch mögliche Vehikel für ungehemmte Neuverschuldung. Der "freie Markt" (China, Japan usw.) könnten die Unmengen an neuen Staatsanleihen, die Geithner/Lew in den letzten Jahren emittiert haben (US-Neuverschuldung lag seit 2008 zwischen 7 und 10 %) überhaupt nicht mehr aufnehmen. QE durch die Fed wurde damit zum Sachzwang. Es schließt die Lücken aus dem weggebrochenen organischen Wachstum (deckt sich mit Gegenpols These).
Doch Bernanke steht nun vor einem Dilemma: Obwohl er seit Januar das Gaspedal bis aufs Blech runtergetreten hat, verschlechtern sich die US-Wirtschaftsdaten zusehens. So fiel z. B. der sehr breite CFNAI auf -0,53 von -0,23 im Vormonat: www.chicagofed.org/webpages/publications/cfnai/
Die sekundäre (psychologische) Pumpwirkung von QE auf den Aktienmarkt bleibt jedoch erhalten. So kommt es, dass US-Aktien im starken Momentum von einem ATH zum nächsten klettern, während sich die Fundamental-Daten immer stärker eintrüben.
Wenn Bernanke diese Gemengelage noch eine Weile "unkontrolliert" weiter laufen ließe, entstünde am Markt eine sehr gefährliche Eigendynamik: Die Aktien-Indizes würden durch KGV-Aufblasung im Dot.com-Blasenstil noch steiler nach oben driften, während sich gleichzeitig die fundamentale Lage (weil die reale QE-Wirkung verpufft...) aushöhlt. Das sind geradezu "ideale" Voraussetzungen für einen Fahnenstangen-Aufstieg (den wir zurzeit sehen), mit nachfolgendem Crash: Denn nach dem Austoppen einer extremen Fahnenstange folgt fast zwangsläufig eine ebenso steile Rückabwicklung (man sah es z. B. beim Ölpreis in 2008, der erst auf 147 Dollar stieg und dann auf 35 Dollar kollabierte).
Dieses Austoppen der Fahnenstange würde sich zwar auch ohne Eingreifen der Fed ergeben, weil jedes Momentum irgendwann versiegt. Doch wenn die Fed in diese Lage "all in" gerät, dann hat sie bei der folgenden steilen Kehrtwende nach unten keinerlei Munition mehr, um den Sturz (psychologisch) zu stoppen. Das Gaspedal ist ja bereits "am Blech".
In diese unangenehme Lage möchte Bernanke nicht geraten. Seine Brems-"Drohungen", denen im Sommer auch Taten folgen dürften (= graduelles Rückfahren der Fed-Aufkaufquote von derzeit 85 Mrd./Monat), dienen mMn dazu, um im Falle einer Fahnenstangen-Umkehr weitere "Steuerungs-Mittel" in die Hand zu bekommen, die früheren Zinssenkungen entsprachen. Heute sind das Erhöhungen der Aufkauf-Volumina.
Als Gegenargument könnte man nennen: Wieso lässt Bernanke es nicht einfach bei den derzeitigen 85 Mrd. (ohne Bremsung) und stockt bei einer starken Korrektur am Aktienmarkt QE auf sagen wir 120 Mrd. pro Monat auf? Das geht mMn deshalb nicht, weil dann der Eindruck entstehen könnte, die Fed würde in einer Art von "Verzweiflungsakt" handeln. Das könnte psychologisch nach hinten losgehen, z. B. wenn der Markt trotz QE-Aufstockung weiter fiele. Dann hätte die Fed "fertig". Hinzu kommt, dass diese 120 Mrd. von US-Finanzminister Lew gar nicht "benötigt" werden. Zur Refinanzierung der laufenden Neuverschuldung reichen die aktuellen 85 Mrd vollauf. Durch die Sequester-Steuererhöungen steigen sogar die Steuereinnahmen, was per se weniger Neuverschuldung erforderlich macht.
Da das Ganze ein gigantisches Poker-/Hütchenspiel ist, muss Bernanke taktisch klug vorgehen. Wenn er jetzt, bei deutlich erkennbarer Übertreibungsphase im Aktienmarkt, pro forma "so tut", als würde die Fed auf den alten Pfad der Tugend zurückkehren (auch 2000 hat sie die Zinsen wegen Überhitzungsgefahr erhöht...), dann stärkt das im Prinzip das Vertrauen in die Fed und die US-Geldpolitik. Statt früherer Zinserhöhungen gibt es im "new normal" halt QE-Reduzierungen.
Bernankes "Jawboning" bzgl. QE-Reduzierung-Androhung dient also dazu, die Fahnenstange nicht so weit ansteigen zu lassen, dass ihre Rückabwicklung eine (für den Markt) gefährlich Eigendynamik bekäme. Die Banken-Krise hat gezeigt, dass die Fed, wenn es wirklich kracht, nicht mal mit Nullzinsen und QE (läuft bereits seit Ende 2008) einen Boden einziehen kann. Das Tief wurde erst im März 2009 erreicht.
Der psychologische Hype aus den aktuellen Daueranstiegen könnte daher bei Rückabwicklung reziprok in "neue Massen-Angst" umschlagen. Auch bei den Fonds entstünde ein Zwang zu forcierter Positionsreduzierung aus Performanceangst, man will ja "den Index schlagen" (der dann fällt).
Das Kalkül der Fed lautet somit: Lieber jetzt ein bisschen Dampf rausnehmen, gern auch mit einer kleineren Sommerkorrektur (SP-500 auf 1400 oder so), als ein weiterer bruchloser Blasenanstieg auf SP-500 = 1800, dem dann ein Mega-Absturz auf 900 folgen könnte.
Denn solche "Dellen" kann sich die Fed psychologisch nicht mehr leisten, wenn sie ihr Konzept der Assetpreisinflationierung erfolgreich fortsetzen will. Zwei Mega-Crashs im letzten Jahrzehnt (2003 und 2008) haben bereits hinreichend Flurschaden hinterlassen.
Prima, könnte man sagen. Dann wird Bernanke mit seinem kontrollierten Bremsmanöver also dafür sorgen, dass der Aktienmarkt im Sommer auf relativ hohem Niveau konsolidiert (= in Spanne von 1400 bis 1650 bleibt). Kein weiterer Hype, aber auch keine Panik.
Doch zentralbankliche "Feinsteuerung" bleibt mMn in diesem hochkomplizierten Pokerspiel schwierig. Die auf QE-Hype basierenden Anstiege seit Sommer 2012 haben bereits JETZT in fielen Charts Fahnenstangen erzeugt. Fallen diese Fahnenstangen nun wegen der sich weltweit verschlechternden Fundi-Lage (auch in Europa und China/Japan) - gekoppelt mit proaktiver Fed-Bremsung - in sich zusammen, dann könnte es DENNOCH zu jener "Eigendynamik nach unten" kommen, die bei der Fahnenstangen-Rückabwicklung typischerweise ansteht.
Für einen gravierenderen Absturz unter 1400 im SP-500 bedürfte es vermutlich zusätzlich externer Anlässe, die sich zurzeit nur erahnen lassen. Das könnte z. B. ein unkontrollierter Rücksturz des Nikkei in die 2012-Regionen sein (deutet sich zurzeit an). Grund dafür könnte sein, dass Japan zu klein und nicht im Besitz der Leitwährung ist, um großspurig "Fed spielen" zu können. Bei 245 % Schuldenquote ist auch der "Vertrauens-Spielraum" zu klein.
Weitere potenzielle Negativfaktoren wären eine weitere Eintrübung in Europa und/oder China (in China droht das Platzen der Schattenkredit-Blase) oder eine Zuspitzung des Kriegs in Syrien bzw. ein Angriff auf den Iran durch Israel. Kurz: mittelmäßige Black-Swan-Events, die Bernanke in seinem Pokerspiel nicht berücksichtigt hat.