Ein herzerfrischender Artikel von Ronald Gehrt, welcher in einigen Passagen höchstwahrscheinlich vielen Postern hier in diesem Thread auch ein gutes Stück weit aus der Seele sprechen dürfte. Exzellent analysiert!
„Wer ein volles Depot hat, wünscht keine „bad news“ zu hören. Er wünscht steigende Kurse. Bei manchen geht es so weit, dass sie diejenigen, die warnen, als Idioten und boshafte Nörgler ansehen, die wollen, dass die Kurse fallen und ihnen ihre Gewinne wegnehmen wollen. Ja, so weit geht das ...“
Zu viele Nadeln
von Ronald Gehrt
Und wieder eine durchwachte Nacht voller Unbehagen. Wir sind in einer seltsamen Phase. Nicht nur an der Börse, sondern auch, was die Wirtschaft insgesamt angeht, die Politik, das private Leben. Überall sehen und hören wir Glanz, Zuversicht und Wachstum. Es geht aufwärts. Was hinter der dünnen Fassade steckt, ist hässlich... aber das will ja niemand sehen.
Und jeder, der diese wunderbare Hülle sieht, will seinen Teil von dieser prächtigen Zukunft abhaben. Dabei sind die Rollen in diesem Possenspiel klar verteilt:
Die Sorg- und Ahnungslosen
Ich habe in dieser durchwachten Nacht versucht, mich einfach mal aus meiner Haut zu befreien und mich zu fühlen wie jemand, der hört, dass es an der Börse was zu verdienen gibt ... und der aus den Ersparnissen vieler Jahre jetzt mal ohne Aufwand ein Vermögen machen will. Ich stelle mir vor ich wäre jemand, der von guten Konjunkturdaten hört und liest (siehe Arbeitsmarktdaten oder Hausverkäufe in den USA) und nicht merkt, dass die Zahlen eigentlich schlecht sind ... weil die Fakten einfach im Sinne der guten Laune verdreht wurden und Revisionen, die dann die hässliche Wahrheit präsentieren, keiner mitbekommt. Ich habe versucht, mich wie jemand zu fühlen, der sich mit den wirtschaftlichen Zusammenhängen nicht auskennt, der keine lange Erfahrung mit Aktienmärkten hat und der in der Zeitung liest, dass Microsoft gerade um 10% gestiegen ist. Was würde ich tun?
Ich würde kaufen. Denn ich würde glauben, dass es eine sehr gute Zeit ist, um Aktien zu kaufen.
Die verbissenen Bullen
Hinzu kommen die, die es zwar eigentlich besser wissen, die aber die Probleme nicht sehen wollen, weil sie schon investiert sind. Wer ein volles Depot hat, wünscht keine „bad news“ zu hören. Er wünscht steigende Kurse. Bei manchen geht es so weit, dass sie diejenigen, die warnen, als Idioten und boshafte Nörgler ansehen, die wollen, dass die Kurse fallen und ihnen ihre Gewinne wegnehmen wollen. Ja, so weit geht das ... wenige, seltene, aber umso frappierende Leserschreiben dieser Art belegen mir dies am eigenen Leibe.
Diese Sicht der Dinge führt bisweilen dazu, dass immer weiter und mehr zugekauft wird um seinen Teil dazu beizutragen, dass alles brav so läuft, wie es soll. Und wenn diese Gruppe nicht kauft, so verkauft sie doch wenigstens nicht. Und wenn man nur lange genug so denkt, erkennt man auch massive Verkaufssignale nicht ... und endet so, wie so viele in den Jahren 2000-2002. Sie laufen den ganzen Weg mit nach unten, kaufen in fallende Kurse immer mehr um zu „verbilligen“ und werden am Ende alles als Crash bezeichnen um zu rechtfertigen, warum sie in Monaten und Jahren fallender Kurse nicht ausgestiegen sind, obwohl es doch kein Problem gewesen wäre. Das war damals so ... es wird wieder geschehen. Und dann, dann erst wird man die steinigen, die ihnen damals das ins Ohr geflüstert hatten, was sie doch hören wollten: „alles ist bestens ....“
Die Prediger des ewigen Marathons
Und diese Flüsterer? Sie wissen ganz genau um die Lage. Sie wissen ganz genau, dass sie schon jetzt alle verfügbaren Instrumente einsetzen, um den status quo zu erhalten. Und das nun seit vielen Jahren.
Sie wissen zudem um die Konsequenzen, wenn man einen Marathonläufer nicht ausruhen lässt, wenn er taumelt, sondern ihm Pillen in den Mund schiebt, damit er niemals aufhört zu laufen. Sie wissen, dass der Aktienmarkt, der Kreditmarkt, die Konjunktur längst ihr verträgliches Pensum an Pillen intus haben. Sie wissen auch, dass man sie verfluchen wird, wenn die Blasen platzen. Aber sie wissen ebenso, dass sie dann rechtzeitig verschwunden sein und ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben werden.
Alle Instrumente heißt wirklich „alle“
Jetzt, im Moment, geht es nur darum alles zu tun um zu verhindern, dass die Blasen platzen. Wie seit Jahren. Nur noch bis zu den Präsidentschaftswahlen ... dann dürfen die Blasen ja platzen, dann passiert uns nämlich nichts mehr. Und wenn es doch schief gehen sollte, nun ... hat mal nicht jemand gesagt, dass ein kleiner Krieg wunderbar von Problemen im Inneren ablenkt? Der Irak ist in dieser Hinsicht bereits „benutzt“, aber man hat den Iran ja so weit „vorbereitet“, dass man ihn jederzeit „verwenden“ kann, wenn es nötig wäre.
Manche Leser mögen ob dieser Sicht der Dinge empört sein. Das klingt ja so, als wäre der Irak-Feldzug zur Erhaltung der Freiheit Amerikas nur ein Mittel zum Zweck gewesen, können Sie wütend einwenden. Oder als wäre die Katastrophe von Pearl Harbour zu verhindern gewesen, wäre sie nicht so eine ideale Gelegenheit gewesen in den II. Weltkrieg einzutreten und die amerikanische Industrie in eine Boomphase zu führen.
Noch habe ich die Möglichkeit meine Meinung frei zu äußern. Und ich teile die Meinung von Bill Bonner in dieser Hinsicht, ebenso wie vieler, vieler Menschen, die außerhalb des Landes leben, dessen Freiheit offenbar viele tausend Kilometer entfernt im mittleren Osten bedroht wird. Ich habe zwei Jahrzehnte die Geschichte studiert und hinter Vorhänge geschaut und bin zu der Ansicht gekommen, dass sich eines wie ein roter Faden durch die Geschichte der Menschheit zieht und sich niemals ändern wird:
Die Masse denkt, was sie denken soll
Die Cleveren, die an den Hebeln der Macht sitzen, finden immer Wege zu erreichen, dass die Masse der Menschen genau das denkt und tut, was sie denken und tun sollen.
Im Augenblick bedeutet das: Die überwiegende Mehrheit der Menschen glaubt zu meinen, dass die Kreditkrise längst erledigt ist (wer weiß auch schon, was ein LIBOR ist und wo der steht), dass die Konjunktur in genau richtigem Tempo weiter wachsen wird (weil die richtig schlechten Daten erst irgendwann in Revisionen auftauchen, die keiner sieht), dass es am US-Immobilienmarkt schon wieder aufwärts geht und die Unternehmen in den kommenden Quartalen weiter satt zulegen werden.
Und sie glauben darüber hinaus zu wissen, dass sie, falls doch etwas schief geht, versichert sind. Versichert durch die US-Notenbank, welche die Zinsen immer dann senken wird, wenn irgendwas kritisch wird. Und jeder weiß doch, dass Zinssenkungen jedes Problem lösen ... sofort, sauber, schadstoffarm.
Vorsicht wird bestraft
Und ich, ich liege da und zermartere mir des Nachts das Gehirn, während all die, die es nicht besser wissen oder wissen wollen, selig von weiteren Kursgewinnen träumen. Mist.
Ich fürchte, Wissen kann eine Last sein. Ich weiß zuviel und bin daher der Dumme. Ich warne vor dem Offensichtlichen ... aber was hilft das, wenn das Offensichtliche nur wenige interessiert? Auch die großen Adressen, die in den vergangenen Tagen immer und immer wieder in steigende Kurse verkauft haben, könnten schnell die Dummen sein. Diese Akteure wissen, ebenso wie ich:
Zukunft handeln? Lieber die Vergangenheit zementieren
Im Moment handelt die Börse nicht die Zukunft. Das tut sie sonst zwar, aber momentan sieht die Zukunft nicht rosig aus. Also verlegt man sich darauf, die schlechten Perspektiven aus dem Gesichtsfeld zu entfernen.
Ölpreise bei 92 Dollar, Euro/Dollar bei über 1,43, die crashgefährdeten China-Börsen, die steigende Inflation, die Auswirkungen der Immobilienkrise, keine positiven Überraschungen (per saldo) bei den Ergebnissen des 3. Quartals und die aktuelle Prognose von Thompson Financial, dass diese Gewinne im 4. Quartal sogar fallen werden ... ach, wie unschön.
Da hat ein US-„Experte“ am Donnerstagabend genau den Trend getroffen als er auf CNBC sagte: „Fallende Gewinne im 4. Quartal? Unfug! Sie müssen doch nur die Bereiche um den Immobilienmarkt und den Konsum rausrechnen, dann haben Sie gute Perspektiven.“
Ja, dergleichen hanebüchenen Schwachsinn hört man dieser Tage gerne. Ich sitze da und frage mich: Auf Basis welcher Perspektive würde ich jetzt Aktien kaufen? Sämtliche möglichen Rahmenbedingungen sind negativ. Also gibt es keine Basis. Nur:
Einzige Perspektive: Zinssenkungen, die eierlegende Wollmilchsau
Wen die Gier nach viel Geld ohne Arbeit gepackt hat, so wie es alle paar Jahre immer aufs neue geschieht, der lässt sich auch mit dem einzigen Argument zufrieden stellen, das die Medien noch präsentieren können: Die Zinssenkung am Mittwoch. Vielleicht kommt ja gar keine, denke ich da. Aber das wäre bullish, denn es hieße, es ist alles so wunderbar im Lot, dass man die Zinsen gar nicht senken muss. Ober es kommt eine kleine um 25 Basispunkte. Das hieße, es ist alles wunderbar und die Notenbank hat alles im Griff. Oder es kommt eine große um 50 Basispunkte. Das hieße, es ist alles wunderbar denn die Notenbank unternimmt alles, um die Lage ins Lot zu bekommen.
Sollten die großen Adressen, die zuletzt auf Rekordlevels Bestände abgegeben haben, bis dahin keine Bestätigung sehen (indem die Kurse nach unten laufen und so die Verkäufe als richtig ausweisen) ... werden sie wieder einsteigen müssen.
Das würde bedeuten, es geht nach dieser Zinssitzung kommenden Mittwoch erneut aufwärts mit den Aktien ... auf neue Rekorde ... was Kaufsignale generiert ... was weitere Kursgewinne bedeutet.
Sicher, da sitze ich dann und frage mich: Ja, aber dann, wenn selbst dieses letzte und in sich schon nicht tragfähige Argument „Zinssenkung“ weg ist ... was soll denn dann, wenn es noch mal einen Schub nach oben gegeben hat, die Kurse weiter treiben oder wenigstens oben halten?
Na, nichts einfacher als das: Die nächste Zinssenkung!
Zu viele Nadeln
Natürlich wird der Marathonläufer irgendwann tot zusammenbrechen.
Natürlich wird das Spielchen, die im normalen Wirtschaftskreislauf völlig normalen Rezessionsphasen durch das Aufdrehen der Geldpumpen immer weiter zu verkürzen und hinauszuzögern irgendwann schief gehen.
Natürlich werden diejenigen, die all den schönen Worten und Beteuerungen geglaubt haben, wieder mal die Zeche zahlen müssen.
Es gab noch nie eine Blase, die nicht irgendwann geplatzt wäre. Und im Moment haben wir gleich eine ganze Kollektion davon. Noch kämpfen diejenigen, die die Fäden halten, mit allen Mitteln darum, dass alle Blasen halten ... und müssen sie dazu noch weiter aufblähen. Aber sie wissen, dass eine kaputte Blase alle anderen platzen ließe ... und das nie passieren darf, weil dann das gesamte Kartenhaus, auf dem die US-Wirtschaft seit ein paar Jahren balanciert, mit einem Schlag zusammenfiele.
Aber es wird trotzdem geschehen ... denn es gibt zu viele Nadeln. Und eine wird durchkommen. Nur kann weder ich noch sonst jemand hier und heute sagen, welche Nadel es sein wird ... und wann es geschieht.
Hasardeure bezahlen am Ende immer ... irgendwann
Noch werden die belohnt, die maximales Risiko fahren, auf Kredit spekulieren, über nichts nachdenken. In all den Jahrhunderten, in denen es Börsen gibt, ist das noch nie gutgegangen. Doch noch ist es nicht soweit. Noch können die Hasardeure diejenigen verhöhnen, die sich die Dummheit leisten, nachzudenken.
Es ist aber auch noch nie passiert, dass die, die heute behaupten, sie würden schon rechtzeitig verkaufen, dies jemals geschafft hätten. Denn wer sich den Risiken der Realität jetzt nicht stellt, wird auch nicht konsequent sein, wenn es ans verkaufen geht ... vor allem dann nicht, wenn es hieße, Verluste zu realisieren. Die meisten werden wieder „verbilligen“, so wie in den früheren Phasen der Ernüchterung auch.
Für jemanden wie mich, der mit dem Daily Observer die Aufgabe hat, hinter den Vorhang des schönen Scheins zu blicken, ist das eine Marter. Oft, wie auch in dieser durchwachten Nacht, habe ich überlegt wie leicht es doch wäre, einfach all diese Dinge zu ignorieren, dem Mainstream zu folgen und Ihnen Tag für Tag einfach nur ein paar bullishe Kaufsignale in den Charts zu präsentieren.
Aber ich fürchte, ich bringe das nicht fertig.
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