Was du schreibst, ist nicht von der Hand zu weisen. Ich möchte dein Posting daher nutzen, um es um die Ansichten der "deutschnationale, DM-, Papiergeld-Untergangs-, "deutsche Ordnungslehre"-, fkuebler- und Schnellschwätzer - Fraktionen" zu erweitern, der ich mich derzeit näher fühle, als ich es je für möglich gehalten hätte.
Was du und etliche andere hier stillschweigend als Prämisse ihrer Argumentation annehmen, ist eine ökonomische Top-Down-Perspektive. Ausgehend von der globalen Ökonomie werden 3 große Wirtschafträume definiert: die USA, Europa und "Asien". Dann wird stets der ökonomische Kurs dieser 3 Wirtschaftsräume über die vergangenen Jahrzehnte skizziert und in die Zukunft verlängert. Diese Zukunft zeigt dann erhebliche Ungleichgewichte i. V. m. erheblichem Crash- und Baissepotenzial an den Weltfinanzmärkten (letztlich der Grund, warum wir hier im BT darüber diskutieren). Um den finalen Crash zu verhindern, werden dann ökonomische Schlussfolgerungen gezogen, wie sich die 3 Wirtschaftsräume untereinander neu positionieren und in sich reformieren müssen, um ihre jeweiligen Schwächen abzubauen und in ein langfristiges Gleichgewicht zu kommen.
So kann man argumentieren.
Wenn man den Blickwinkel erweitert, kommt man teilweise zu ganz anderen Schlussfolgerungen. Ich will mal eine Bottom-up-Perspektive skizzieren und mich dabei auf Europa konzentrieren, da ich von den anderen beiden großen Wirtschaftsräumen noch viel weniger weiß als von dem vor meiner Haustür.
Bottom-up betrachtet gibt es erstmal gar keinen Wirtschaftsraum Europa. Es gibt lediglich einen Kontinent zahlreicher Nationalstaaten, von denen sich etliche vor Jahren politisch motiviert in eine gemeinsame Währungsunion begeben haben. Schon innerhalb dieser Währungsunion offenbaren sich heuer mindestens ebenso große Ungleichgewichte wie zwischen den 3 großen Wirtschaftsräumen. Die Währungsunion an sich entsprang einer Top-Down-Perspektive, denn die politische Notwendigkeit ihrer Konstruktion war dominant gegenüber der ökonomischen. Aber sei's drum, Vergangenheitsbewältigung hilft hier nicht weiter. Aus der Top-Down-Perspektive kommst du auf die folgenden Maßnahmen für den Wirtschaftsraum Europa:
1. Haushalte und damit die Staatsschuld konsolidieren
2. Konsolidierung nicht über einen Abbau der Neuverschuldung bis gegen Null
3. Pleitier Griechenland abwickeln
4. EZB und Rettungsschirm einräumen, dass sie Staatsschuld schützen und kaufen
Wenn ich diese Maßnahmen auf die Bottom-up-Perspektive übertrage und im Zweielsfall an dem ehernen Gesetzt messe, dass die Wirtschaft den Menschen zu dienen habe und nicht umgekehrt, dann komme ich (lose zusammengewürfelt) auf folgende Fragen, auf die mir die Top-Down-Perspektive keine befriedigenden Antworten liefert:
a) Warum sollen die Menschen überall in Europa den Gürtel enger schnallen, wo doch die Probleme des Wirtschaftsraums Europa sich sehr gut auf einzelne Länder lokalisieren lassen?
b) Warum sollen die "Rettungsschirmspannerstaaten" erhebliche Geldmittel bereitstellen für Staaten, deren Politiker und Einwohner (davon natürlich nicht alle, aber doch sehr viele) sich 50 Jahre lang haben sie Sonne auf den Bauch scheinen lassen, während anderswo hart für die Weltmärkte gearbeitet wurde?
c) Wieviele Jahrzehnte soll die Konsolidierung der Staatsschulden in Europa denn dauern? Denn so lange müssten die Rettungsschirmspannerstaaten ja im Zweifelsfall Mittel bereitstellen. Ich zitiere in diesem Zusammenhang Schumpeter: "Eher legt sich ein Hund einen Wurstvorrat zu, als eine demokratisch gewählte Regierung eine Budgetreserve."
d) Selbst wenn die Konsolidierung der Staatsschulden kurzfristig gelänge ohne die Rettungsschirmspannerstaaten zu ruinieren: Ist die Ursache der riesigen Staatsschuldenberge nicht auch darin zu suchen, dass es innerhalb Europas erhebliche ökonomische "Mentalitätsunterschiede" gibt? Denn wie kann es bspw. sein, dass wir im finsteren Deutschland über die Umwandlung von Sonnenlicht in Strom sehr viel mehr wissen als im sonnigen Griechenland, wiewohl der photoelektrische Effekt der Physik seit über 100 Jahren bekannt ist? Warum wurde hier in der Vergangenheit von den europäischen Sonnenstaaten keine Vorreiterrolle zum Wohle Europas und der Welt eingenommen? Lag es vielleicht daran, dass man glaubte, durch den Anbau von Salatgurken, Massentourismus und jeder Menge zinsgünstiger Kredite ewig dolce vita haben zu können? Gibt es einen Top-Down-Plan oder auch nur einen vagen Hoffnungsschimmer, dass sich bei diesen ökonomischen Mentalitätsunterschieden in den kommenden 100 Jahren etwas spürbar zum Besseren wenden könnte?
e) Falls auf die letzte Frage von d keine befriedigende Antwort gegeben werden kann: Warum sollten die Rettungsschirmspannerstaaten Ihre Steuern erhöhen, ihre Infrastruktur verrotten lassen und massiv an der Bildung sparen (und nichts anderes passiert, wenn echtes Geld in die Schirme gepumpt werden muss), wenn damit lediglich die Schulden der Sonnenstaaten bedient werden, aber die eigentlichen Ursachen der Verschuldung nicht beseitig werden können? Liefen wir dann nicht Gefahr, dass sich Europa in 100 Jahren auf dem wirtschaftlichen Niveau der Südländer zusammengefunden hat? Wäre eine solche europäische Einigung erstrebenswert?
f) Ist es ethisch und moralisch vertretbar, dass der durchschnittliche Deutsche (und Niederländer und Österreicher und Finne und in gewissem Maße auch Franzose), der in den vergangenen Jahrzehnten hart gearbeitet und sein Land an die ökonomische Weltspitze geführt hat, nun für unabsehbar viele Jahrzehnte höhere Steuern zahlen muss, später in Rente gehen darf, sein sauer Erspartes durch Inflation zerrinnen sehen muss und ihm von seinem Nationalstaat eine schlechtere Infrastruktur angeboten werden wird, nur, weil seine europäische Brüder und Schwestern im Süden 50 Jahre lang Party feierten und nun ihre Schulden nicht mehr los bekommen? Und das alles nur, um die politisch gewollte Währungsunion aufrecht zu erhalten? Um auf der Ebene von Amerika-Asien-Europa vordergründig mithalten zu können?
g) Ist es ethisch und moralisch vertretbar, dass der durchschnittliche Slowake, Slowene und Este, der in den letzten 20 Jahren wirtschaftlich durch ein tiefes, dunkles Tal gewandert ist, dem man die ihm fremde Marktwirtschaft mit allen Härten und Saktionen aufgedrückt hat, der sich massiver Inflation ausgesetzt sah, der mit 0 Erspartem anfangen musste, sich in der neuen wirtschaftlichen und politischen Ordnung seine Existenz aufzubauen, dem sein Staat harte und härteste Reformen und Opfer abverlangt hat und der es letztlich geschafft hat, seinen Staat für den Euro reif zu machen, soll der jetzt zur Kasse gebeten werden, weil es seine Brüder und Schwestern in den Sonnenstaaten, die jahrzehntelang auf der richtigen Seite des eisernen Vorhangs das Leben genießen konnten, es nicht gebacken bekommen haben, ihren korrupten, ökonomischen Misthaufen auf Vordermann zu bringen? Trotz aller EU-Subventionen?
h) Ist es ethisch und moralisch vertretbar, dass durch massive Weginflationierung der Staatsschulden, also spiegelbildlich durch massive Weginflationierung von Ersparnissen und Altersvorsorgen, die jeweils Ärmsten mehr der Lasten zu tragen haben als die Wohlhabenderen?
i) Fühlt sich die Idee richtig an (und ich schreibe bewusst "fühlt", weil niemand von uns in die Zukunft schauen kann) fühlt sich also die Idee richtig an, dass Probleme, die offenbar mit der politischen Top-Down-Perspektive der Euro-Einführung zusammen hängen, gelöst werden können durch die politische Top-Down-Perspektive einer Europa-Wirtschaftsregierung? Oder fühlt sich das eher so an, als würde man den gleichen Fehler nochmal begehen?
Und schlussendlich:
h) Ist es ethisch und moralisch vertretbar, dass ALLE Bürger Europas (von Nord bis Süd, von arm bis reich, von Euro bis Nicht-Euro, von jung bis alt inklusive ganzer noch ungeborener Generationen) dazu gezwungen werden, an einem volkswirtschaftlichen Großexperiment namens "Eurorettung-Wirtschaftsregierung-Haushaltskonsolidierung-Schuldenweginflationierung-Wirdschonallesgutgehen" teilzunehmen und im Katastrophenfall mit ihrem gesamten, privaten Besitz zu haften, nur weil die politische Klasse Europas weiter Großmacht spielen will, statt einen Schritt zurückzutreten und zufrieden damit zu sein, ihren jeweils kleinen aber feinen Nationalstaat zu regieren und dem dortigen Volk zu dienen, auf dass es diesem gut ergehe?
All diese Fragen stelle ich mir. Auf keine davon lese ich für mich befriedigende Antworten. Weder hier noch in den Gazetten. Ich halte den "deutschnationale, DM-, Papiergeld-Untergangs-, "deutsche Ordnungslehre"-, fkuebler- und Schnellschwätzer - Fraktionen" aber zugute, dass sie diese Fragen ansprechen (wenn auch teilweise all zu polemisch). Denn eins sollte bitte allen in Deutschland - links wie rechts - klar sein: Ganz privat und persönlich haben wir alle verglichen mit dem heutigen status quo WENIG neues gutes davon, Einwohner einer wirtschaftlichen Supermacht zu sein (gesetzt den Fall, Europa löst alle seine Probleme). Wir alle haben aber verglichen mit dem heutigen status quo SEHR VIEL NEUES SCHLECHTES davon, Einwohner einer gescheiterten wirtschaftlichen Möchtegern-Supermacht zu sein, welche die fundamentalsten ökonomischen Prinzipien missachtet (als da wären Geldwertstabilität, Verursacherprinzip, Subsidiaritätsprinzip um nur einige zu nennen).