Aus dem Handelsblatt:
Bernanke und seine Kollegen begründeten die kräftige Liquiditätsspritze mit den Risiken der Finanzkrise für die Konjunktur. „Der heutige Schritt soll negative Auswirkungen verhindern, die an-dernfalls von den Störungen auf den Finanzmärkten auf die allgemeine Wirtschaft übergreifen könnten“, schreiben die Notenbanker in ihrer Erklärung. Zugleich bekräftigten sie, dass die Fed alles tun werde, um Preisstabilität und Wachstum zu gewährleisten. Die Notenbanker weisen ausdrücklich auf anhaltende Inflationsrisiken hin, machen ihren weiteren Kurs jedoch von den künftigen Konjunktursignalen abhängig.
Es klinge so, als ob die Fed es bei einer einmaligen Liquiditätsspritze belassen wolle, sagte Drew Matus, Ökonom der Investmentbank Lehman Brothers in New York. „Wir rechnen jetzt nicht mehr damit, dass die Notenbank im Oktober noch einmal die Zinsen senkt“, erklärte der Ökonom. Ian Shepherdson von der Beratungsagentur High Frequency Economics begrüßte die kräftige Zinssenkung. Die Fed habe jetzt mehr Handlungsspielraum und könne die Lockerung jederzeit zurücknehmen. „Wetten würde ich darauf aber nicht“, sagte der Volkswirt.
Dass die Fed die Leitzinsen gleich um einen halben Prozentpunkt gesenkt hat, zeigt, dass die aktuelle Finanzkrise für die amerikanischen Notenbanker noch keineswegs vorüber ist. Vielmehr befürchten Bernanke & Co., dass jetzt auch die Konjunktur unter der Kreditklemme leiden und die US-Wirtschaft in eine Rezession stürzen könnte.
So schätzen die Ökonomen an der Wall Street die Gefahr einer Bruchlandung der US-Konjunktur auf knapp 40 Prozent ein. Das Baugewerbe befindet sich bereits in einer Rezession. Und auch auf dem Arbeitsmarkt mehren sich die Krisensignale. Im August ging die Beschäftigung erstmals seit vier Jahren zurück. „Die Verschärfung der Kreditkonditionen hat das Potenzial, die Korrektur auf dem Immobilienmarkt zu verstärken und das Wirtschaftswachstum zu bremsen“, warnen die Notenbanker.
Ob die Fed allerdings mit ihrem aggressiven Vorgehen Erfolg hat, ist umstritten. So wirken die jetzigen Zinssenkungen erst mit einer Zeitverzögerung von mehr als sechs Monaten. Eine Umfrage unter den Finanzvorständen großer US-Konzerne hatte vor kurzem ergeben, dass sich die meisten Unternehmen nichts von einer geldpolitischen Lockerung versprechen. Der Fed dürfte es deshalb vor allem darum gegangen sein, das Vertrauen an den Finanzmärkten wieder herzustellen.
Für den nötigen Spielraum für die überraschend starke Zinssenkung haben die letzten Inflationszahlen gesorgt. So ist die Preissteigerungsrate in den USA in den vergangenen Monaten stetig zurückgegangen. Im August sank der Index für Großhandelspreise gegenüber dem Vormonat. Allerdings hat der steigende Ölpreis und der rapide Verfall des Dollar neue Inflationsängste geweckt.