25. Juni 2007: Aktien - Gipfel erreicht?
Der DAX hat vor einigen Tagen an sein Allzeithoch angeklopft und ist vorerst daran gescheitert. Parallel dazu haben auch Dow und S&P 500 versucht, neue Höhen zu erklimmen. Auch hier blieben die Anschlusskäufe aus. Der NDX zeigte zuletzt leichte Anzeichen relativer Stärke, gestützt durch den Halbleiterindex SOXX.
Am Freitag vergangener Woche kam es bei ungewöhnlich hohem Volumen zu einem breit angelegten Ausverkauf. Anlass war eine Schieflage von Hedge-Fonds wegen Spekulationen mit zweitklassischen Immobilienkrediten. Die NY Times berichtet, dass die Investment-Bank Bear Stearns bis zu 3,2 Mrd. Dollar an einen ihrer Hedge-Fonds ausleiht. Das ist die größte Rettungsaktion eines Hedge-Fonds seit 1998, als LTCM in Schwierigkeiten geriet und kurzfristig 3,8 Mrd. Dollar an Mitteln benötigte.
Für den aktuellen Fall scheint die Rettung gelungen, aber Beobachter warnen, dass die Gefahr für andere Hedge-Fonds beileibe nicht gebannt ist. So verhandelt Bear Stearns offenbar mit Banken über die Rettung eines zweiten, deutlich größeren Fonds , der noch weit riskantere Investments hält.
Der erste Fonds war 2004 gestartet worden und zeigte lange Zeit eine ordentliche Performance. Um dem Drängen nach noch höherer Rendite nachzukommen, wurde im August 2006 der zweite Fonds, um den es hier geht, ins Leben gerufen. Er ist noch stärker gehebelt und hat in noch riskantere Immobiliendarlehen investiert.
Die Schieflage der beiden Hedge-Fonds von Bear Stearns zeichnete sich bereits vor einigen Monaten ab, die Tragweite wurde aber offenbar vom Management (zu) lange unterschätzt. Optimisten glauben, dass eine solch drastische Schieflage bei anderen Fonds unwahrscheinlich ist, obwohl auch sie von der Immobilienkrise noch stärker als bisher betroffen werden könnten. Zur Begründung wird der besonders hohe Hebel angeführt, mit dem die beiden Hedge-Fonds betrieben worden seien.
Das kann man glauben oder nicht - Bear Stearns galt bisher als eher konservativ eingestellt gegenüber Immobiliendarlehen minderer Qualität und zudem als erfahren in diesem Geschäft. Die Gefahren, die hier lauern, werden deutlich, wenn man sich den Umfang und die Steigerungsraten bei den betreffenden Finanzinstrumenten, "collateralized debt obligations", ansieht. CDOs sind Schuldverschreibungen, die (in diesem Falle) eine Vielzahl von Immobiliendarlehen zusammenfassen und durch die entsprechenden Immobilien besichert sind. Im vergangenen Jahr wurden 316,4 Mrd. Dollar an solchen CDOs ausgegeben, fast 80 Prozent mehr als in 2005.
Im Finanzbereich verdichten sich die Krisenzeichen, die Anfälligkeit des Finanzsystems nimmt zu. Wie ist es angesichts dessen um die Stabilität der güterwirtschaftlichen Basis bestellt?
Hierzu sei der SOXX näher betrachtet. Der Halbleiterindex hat im Herbst vergangenen Jahres ein seit 2000 gebildetes Dreieck verlassen. Die Bewegung wird seitdem gedeckelt durch eine bis März 2003 zurückreichende Aufwärtslinie, die am vergangenen Donnerstag mit Dynamik angegangen wurde. Trotz bullischer Ansätze im langfristigen Chartbild fällt auf, dass der übergeordnete Steigungswinkel des Kursverlaufs in den zurückliegenden Monaten für den SOXX untypisch niedrig ist. Das sollte zu denken geben.
Dem SOXX kommt deshalb eine besondere Rolle zu, weil er Hersteller zusammenfasst, die die zentralen Bausteine für die Kerntechnologie des laufenden Kondratieff-Zyklus fertigen, die Halbleiter-Chips. Der SOXX ist daher ein guter Indikator für die gesamtwirtschaftlichen Perspektiven und damit die Perspektiven der Aktienmärkte. Dabei ist es weniger seine absolute Höhe, die Rückschlüsse erlaubt, sondern übergeordnete seine Bewegungsrichtung und -stärke.
Im SOXX-Chart lassen sich seit 2003 drei Phasen identifizieren: Vom Tief im März 2003 hat sich der Index über 11 Monate hin bis zum Jahresanfang 2004 im Wert verdoppelt. Anschließend korrigierte er und startete Anfang September 2004 seinen zweiten Aufwärtsschub. Er dauerte etwa 1,5 mal so lange wie der erste, brachte aber nur eine Steigerung um knapp 60 Prozent. Die dritte Aufwärtsbewegung läuft seit August 2006 und brachte in 11 Monaten bisher einen Zugewinn von lediglich knapp 35 Prozent.
Der fundamentale Hintergrund der Chip-Branche ergibt folgendes Bild: Nachdem der weltweite Umsatz mit diesen Bauelementen bis 2000 auf eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von rund 17 Prozent kam und damals die Grenze von 200 Mrd. Dollar streifte, muss sich der Markt nach dem Platzen der Technologieblase von solchen Zuwächsen verabschieden. Die Branchenorganisation SIA hat kürzlich für dieses Jahr den prognostizierten Zuwachs von 10 auf 1,8 Prozent reduziert und rechnet jetzt mit einem Gesamtvolumen von 250 Mrd. Dollar. Die Zuwachsraten vor 2000 sind in weite Ferne gerückt, die Branche ist reif geworden. Die Botschaft lautet, die Zeiten stürmischen technologischen Fortschritts sind vorbei, die Kerntechnologie des laufenden Kondratieff-Zyklus verliert an Schubkraft. Das hat Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und zeigt, dass der Zenith der laufenden K-Welle überschritten ist.
Mit jeder der drei Aufwärtsphasen im SOXX-Chart haben Steigungswinkel und Zuwachs abgenommen, wobei das Urteil für die gegenwärtig noch aktive Aufwärtsphase natürlich vorläufig ist. Der Chart ist damit ein gutes Spiegelbild für die geringer werdende Dynamik in der Branchenentwicklung und über deren zentrale Bedeutung für die aktuelle Kerntechnologie aus meiner Sicht auch ein Zeichen für nachlassende Wachstumsperspektiven der Gesamtwirtschaft. Und dies kann nicht ohne Auswirkungen auf die Perspektiven der Aktienmärkte bleiben, so lange keine neue Kerntechnologie in Sicht ist, die im Rahmen eines neuen Kondratieff-Zyklus neues nachhaltiges Wirtschaftswachstum induziert.
Nachlassende Wachstumsperspektiven treffen auf Krisenzeichen in den Finanzmärkten. Meine Antwort auf die in der Überschrift gestellte Frage lautet, dass wir uns aktuell in einem Prozess der Gipfelbildung bei Aktien befinden, der irgendwann im Verlauf des Sommers sein Ende findet. Dabei dürfte der Versuch von vergangener Woche noch nicht der letzte gewesen sein, neue Rekordstände zu erreichen. Es steht ein Wechselbad ins Haus zwischen Abverkauf zunehmend schlechter werdender Nachrichten und anschließendem "bullisch-robustem" "Einpreisen". Der SOXX dürfte dabei jetzt eine besonders wichtige Zeigerfunktion haben.
Ganz kurzfristig stehen die Märkte im Bann des Quartalsendes und der FOMC-Sitzung am Donnerstag. Da ist die Neigung zu Gewinnmitnahmen natürlich besonders groß. Da die Märkte zudem technisch stark angespannt sind, reagieren sie besonders empfindlich auf negative Meldungen. Mit dem Mitte Mai gestarteten "TBond-Crash" und der hierdurch stark gestiegenen Rendite im langfristigen Bereich kommt von dieser Seite her außerdem allmählich Performancedruck für Aktien auf. Das Aktien-Sentiment, repräsentiert durch VIX und PCR, bzw. Positionierung in Indexoptionen, spiegelt eher geringe Bedenken wider, was ebenfalls als "nicht bullisch" für den kurzfristigen Kursverlauf zu interpretieren ist.
TrackRecord: Gut 20 Prozent im laufenden Quartal; knapp 300 Prozent bezogen auf die gesamte Laufzeit seit Mai 2004; Zuwächse bezogen auf das Gesamtkapital.
Im von H. Aschoff herausgegebenen Sammelwerk "Die Investmentstrategien der Profis" ist auch ein Beitrag zur TimePatternAnalysis enthalten. Informationen auf der Web-Seite der TimePatternAnalysis oder beim FinanzBuch Verlag
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