Der Markt ignoriert das Ölpreis-Risiko


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Der Markt ignoriert das Ölpreis-Risiko

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22.10.06 21:27
Der Entscheidung der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec), ihre Produktion um 1,2 Millionen Barrel am Tag zu drosseln, wurde in der vergangenen Woche an den Finanzmärkten mit viel Skepsis aufgenommen. Statt sich zu erholen, gab der Ölpreis zunächst unter 57 Dollar je Barrel nach. Zu sehr gehen die Marktteilnehmer davon aus, daß die Opec letztlich nicht die Disziplin haben wird, die Produktionskürzungen durchzusetzen.


Der seit Frühsommer um fast 27 Prozent gefallene Ölpreis läßt die wirtschaftliche Entwicklung in den Vereinigten Staaten in einem anderen Bild erscheinen. Rein rechnerisch, so kalkuliert Goldman Sachs, dürfte sich eine Verringerung des Ölpreises um 20 Prozent auf Dauer etwa in einer um 80 Basispunkte niedrigeren Inflation in den Vereinigten Staaten und in einer um 50 Basispunkte niedrigeren Inflation in Europa auswirken.


Es ist daher nicht verwunderlich, daß die Märkte die Inflationssorgen, die im Mai noch zu der scharfen Korrektur an den Finanzmärkten geführt hatten, nun in den Wind schlagen, zumal die Notenbanken seither mit weiteren Zinserhöhungen reagiert haben.


„,Glückliche Landung' der Weltkonjunktur“


Die Überzeugung jedoch, daß sich die Inflationsgefahren in Grenzen halten und die Notenbanken daher verlängerte Zinspausen einlegen, läßt die Verbraucher aufatmen. Die Marktteilnehmer scheinen derzeit überzeugt, daß die niedrigeren Energiekosten und hohen Aktienkurse die Verbraucher vor allem in den Vereinigten Staaten zum Konsum anregen.


Von einer harten Landung und bevorstehenden Zinssenkungen der Federal Reserve ist also keine Rede mehr, statt dessen wird mit einer „sanften Landung“ der Konjunktur gerechnet. Und es wird gleich weiterdekliniert: Wenn aber die Vereinigten Staaten glimpflich mit der wirtschaftlichen Anpassung davonkommen, dann werden auch der Export und damit die Nachfrage in anderen Ländern nicht beeinträchtigt.


Daher die Kursgewinne an den Aktienmärkten der Schwellenländer. „Das alles unterstreicht unsere Prognose eines gesunden Wirtschaftswachstums außerhalb der Vereinigten Staaten, moderater globaler Inflation und einer relativ ,glücklichen Landung' der Weltkonjunktur“, sagt Goldman Sachs.


Analysten vermuten disziplinierte Opec


Das läßt sich derzeit nicht nur an den steigenden Aktienkursen erkennen - der Dow-Jones-Aktienindex überrundete vergangene Woche die Rekordmarke von 12.000 Punkten. Der Deutsche Aktienindex Dax überwand sicher die Marke von 6.200 Punkten. Auch die Rohstoffpreise haben wieder angezogen, vor allem die Preise für Basismetalle und Gold, das nach längerer Zeit mal wieder den Sprung über die Marke von 600 Dollar für die Feinunze schaffte.


Aber Vorsicht: Die Märkte könnten zu einseitig auf den Ölpreis schauen und vergessen, daß der Ölpreis auf derzeitigem Niveau unter 60 Dollar je Barrel kaum längerfristig verharren wird. Viele Analysten gehen davon aus, daß sich die Opec sehr wohl disziplinieren wird, möglicherweise im Dezember weitere Produktionskürzungen ankündigen wird und die Nachfrage-Angebots-Konstellation am Markt dazu führen wird, daß der Ölpreis bis Anfang des Jahres 2007 wieder auf 64 Dollar und bis Mitte kommenden Jahres sogar wieder auf 75 Dollar klettern wird.


Opfer der eigenen Sorglosigkeit?


Der Preisanstieg an sich muß keinen Schock für die Finanzmärkte bedeuten. Aber es ist beunruhigend, wie kraß die Akteure an den Finanzmärkten ihre Sichtweise der ökonomischen Entwicklung seit Frühsommer verändert haben. Im Mai war plötzlich nur noch Panik angesagt über die bevorstehenden Inflationsgefahren. Jetzt ist die Inflation ein Randthema, und alle frohlocken über die gesunkenen Energiepreise. Die Frage ist, wie schnell sich diese Sichtweise an den Finanzmärkten verändern kann, sollte der Ölpreis plötzlich deutlich anziehen.


Durch ihre extreme Gelassenheit werden die Marktteilnehmer möglicherweise Opfer ihrer eigenen Sorglosigkeit. Je mehr die Märkte jetzt von einem doch wieder positiven Wirtschaftsverlauf in den Vereinigten Staaten und der Welt überzeugt sind, desto mehr steigt logischerweise die Notwendigkeit, über Inflationsgefahren nachzudenken.


Es scheint aber so, daß derzeit so viel Liquidität am Markt ist, die gegen Jahresende lukrative Anlagemöglichkeiten sucht, daß diese Überlegungen von den Investoren bewußt in den Hintergrund gedrängt und ignoriert werden.


Der Inflationsdruck in den Amerika läßt nach


Ohnehin wird nicht damit gerechnet, daß die Notenbank Federal Reserve auf der Sitzung des FOMC-Marktausschusses am Mittwoch ihre Sprachregelung ändern wird. Eine Zinsänderung steht nicht an. Sicherlich läßt der Inflationsdruck in den Vereinigten Staaten nach. Aber mit einer Kerninflationsrate von 2,9 Prozent kann die Fed nicht leben.


Daher wird die Federal Reserve die Sprachregelung, die nach der Zinspause eher auf eine Tendenz zu Zinserhöhungen deutet, beibehalten. Diese Woche wird sich in den Zahlen für das dritte Quartal zeigen, ob sich das Wirtschaftswachstum in Amerika nochmals etwas abgeschwächt hat.


EZB muß Tempo der Zinserhöhungen rechtfertigen


In Großbritannien hat sich unterdessen gezeigt, daß das Wirtschaftswachstum im dritten Quartal sogar wieder auf eine Jahresrate von 2,8 Prozent zugelegt hat. Damit steigen die Aussichten, daß die Bank of England im November mit einer Zinserhöhung von 4,75 auf 5 Prozent reagieren wird.


Die Europäische Zentralbank (EZB) hingegen hat zunehmend Schwierigkeiten, ihr Tempo der Zinserhöhungen zu rechtfertigen. Anfang dieser Woche werden die deutschen Inflationszahlen veröffentlicht. Im Oktober wird die Inflationsrate voraussichtlich auf nur noch 0,9 Prozent gesunken sein. „Die EZB könnte schon bei der nächsten Ratssitzung Anfang November ein Signal geben, daß sie das Zinserhöhungstempo verlangsamt“, erwartet daher die BHF-Bank.

Text: www.faz.net/s/...01BE54AE61A0746D53~ATpl~Ecommon~Scontent.html target="_new" rel="nofollow">F.A.Z., 23.10.2006
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