Der Januar als Wegweiser (von Heiko Thieme)

Beitrag: 1
Zugriffe: 156 / Heute: 1
Der Januar als Wegweiser (von Heiko Thieme) zit1

Der Januar als Wegweiser (von Heiko Thieme)

 
#1

Der Januar als Wegweiser
Börsianer können etwas aufatmen. Die wegen des Martin-Luther-King-Gedenktags um einen Tag verkürzte Börsenwoche brachte insgesamt leichte Gewinne, die jedoch Nerven erforderten. Erneut standen Quartalsergebnisse vom Ende des vergangenen Jahres im Vordergrund. Trotz überwiegend bescheidener Zahlen, gab es auch einige positive Überraschungen. Hierzu zählt der erste Quartalsgewinn des Internetbuchhändlers Amazon.com. Obwohl unter dem Schlußstrich nur ein Cent pro Aktie herauskam, beflügelte dies den Börsenkurs und brachte im viertägigen Wochenverlauf einen Kursgewinn von über 40 Prozent. Dies war wiederum ein Beweis dafür, wie sehr an Wall Street positive Nachrichten belohnt werden können.

Dennoch tut sich der Einzelhandel zur Zeit allgemein schwer. Das für den Jahresabschluß wichtige Weihnachtsgeschäft war eines der schwächsten in zehn Jahren. Unter dieser Flaute litt besonders die zweitgrößte Kaufhauskette Amerikas, Kmart, die zu Wochenbeginn Konkurs anmeldete. Der Aktienkurs fiel daraufhin unter einen Dollar. Vor fünf Monaten waren Anleger hier noch bereit fast 14 Dollar zu zahlen. Die Billigkaufhauskette hat offensichtlich eine falsche Strategie verfolgt. Dem Konkurrenten Wal-Mart, die größte Kaufhauskette der Welt, geht es weitaus besser. Hier konnte man sogar in der Weihnachtssaison Umsatzverbesserungen erzielen. Allerdings reflektiert auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis von 40 bereits das Vertrauen der Anleger in dieses Unternehmen, das seit langem zu den Favoriten an Wall Street gehört. Die Marktkapitalisierung von über 260 Milliarden Dollar ist rund 500mal größer als die von Kmart.

In dem eingeleiteten Insolvenzverfahren fordert das Management unter anderem eine Bonuszahlung von 24 Millionen Dollar und zusätzlich noch einen Sonderbonus von 17,5 Millionen Dollar für den einundvierzigjährigen Unternehmenschef, Chuck Conaway, der im Mai 2000 zum Unternehmen stieß. Hier wird die Freie Marktwirtschaft offensichtlich fehlinterpretiert. Ein Insolvenzverfahren als lobenswerte Leistung anzusehen, widerspricht jeder volkswirtschaftlichen Logik. Das gesamte Gehalts- und Bonussystem für alle Manager für die kommenden zwei Jahre macht mit 270 Millionen Dollar rund 60 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung des Unternehmens aus. Auch wenn der erhoffte Erfolg hier sehr teuer erkauft wird, ist im Falle eines Erfolges ein Kurspotential von mehreren hundert Prozent möglich. Allerdings wird hier der Anleger zum Spekulant. Neben der Kmart-Pleite machte auch der Energiehändler Enron mit dem größten Konkursverfahren in der Geschichte Schlagzeilen. Insgesamt erreichten Unternehmenenskonkurse im vergangenen Jahr mit 260 Milliarden Dollar einen absoluten Höchststand. Zur Jahrtausendwende lag der Rekord noch bei knapp 100 Milliarden Dollar. Die Exzesse der Hausse, die bis zum Frühjahr 2000 dauerte, werden hier offensichtlich.

Dennoch sind solche negativen Nachrichten kein Grund, sich jetzt von der Börse zu verabschieden. Die wirtschaftlichen Frühindikatoren stehen seit drei Monaten auf grün und deuten damit einen bevorstehenden Aufschwung an. Selbst Notenbankchef Alan Greenspan sprach in seiner Präsentation vor dem Senatsausschuß am Donnerstag von positiven Tendenzen. Damit wollte er den negativen Eindruck von seiner Rede vor zwei Wochen in San Francisco revidieren. Wall Street hatte seine Worte damals äußerst negativ aufgenommen. Wenn der Notenbankrat an diesem Dienstag und Mittwoch zu seiner ersten Jahressitzung zusammentritt, steht die Wirtschaftsentwicklung und die damit verbundene Zinsentscheidung im Vordergrund der Diskussion. Nachdem die Währungshüter die Leitzinsen in den vergangenen zwölf Monaten elfmal gesenkt hatten, besteht jetzt kein unbedingter Zugzwang für eine weitere Zinsentlastung. Börsianer könnten einen solchen neutralen Zinsstandpunkt sogar positiv aufnehmen, da sich damit auch das Ende der Gewinneinbrüche abzeichnen dürfte.

Schließt Wall Street im Januar über den Schlußkursen vom Jahresende, so spricht eine fast 90prozentige Wahrscheinlichkeit für ein positives Börsenjahr. Gelingt es dem Standard & Poor’s 500-Index, in den verbleibenden vier Handelstagen sein geringes Minus aufzuholen, so können Börsianer aufatmen und mit einem insgesamt erfolgreichen Börsenjahr rechnen.
Ihr Heiko Thieme



Börsenforum - Gesamtforum - Antwort einfügen - zum ersten Beitrag springen
--button_text--