21.06.2002 18:33 Uhr
FOKUS 2-Euro klettert erstmals seit April 2000 über 0,97 Dollar
(Neu: aktuelle Kurse, Börseneröffnung New York)
New York, 21. Jun (Reuters) - Der Euro hat am Freitag seinen Aufwärtstrend fortgesetzt und sich bis auf weniger als drei US-Cent der Parität zum Dollar angenähert. Mit Kursen von 0,9722 Dollar erreichte die Gemeinschaftswährung zeitweise das höchste Niveau seit Anfang April 2000. Händler sagten, ein baldiges Erreichen der Parität sei wahrscheinlich.
Händler sprachen unverändert von einer Dollar-Schwäche angesichts der Kursrückschläge an der Wall Street und den andauernden Zweifeln am Tempo der US-Konjunkturerholung. Die USA seien derzeit für Anleger nicht attraktiv, was den Kapitalstrom in Richtung Euro-Zone lenke. In diesem Jahr hat der Euro, der seit seinem Start von 1,17 Dollar 1999 mehr oder weniger kontinuierlich auf Talfahrt gewesen war, fast neun Prozent an Wert gewonnen.
Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am frühen Nachmittag noch mit 0,9636 (Vortag 0,9592) Dollar deutlich unter dem in New York erreichten Niveau festgelegt. Technisch orientierte Analysten erwarten einen baldigen Test der 0,9750-Dollar-Marke. Die historische Zwei-Mark-Hürde wäre bei einem Sprung des Euro über Kurse um 0,9779 Dollar überwunden. Zum Yen rutschte der Dollar zeitweise um mehr als zwei Prozent auf 120,83 Yen und damit auf den tiefsten Stand seit Mitte November 2001. Die japanische Notenbank hatte Anfang Juni bereits bei Kursen knapp unter 124 Yen mehrfach mit Yen-Verkäufen am Markt eingegriffen. Japans Finanzminister Masajuro Shiokawa betonte am Freitag jedoch, das Ministerium habe keine Macht, den Devisenmarkt zu dominieren, und könne Trends nur genau beobachten. Zuvor hatte das Ministerium mitgeteilt, es habe im Tagesverlauf keine Interventionen zu Gunsten des Dollar gegeben.
Zum britischen Pfund fiel die US-Währung auf ein 17-Monats-Tief bei Kursen um 1,5017 Dollar und zum Schweizer Franken auf ein Zweieinhalbjahrestief bei Kursen um 1,5092 Franken.
IM OKTOBER 2000 WAR DER EURO NUR NOCH 0,8225 DOLLAR WERT
"So wie die Dinge stehen, kann die Parität in den nächsten paar Wochen erreicht werden", erklärte Steve Wesiak, technischer Analyst bei ABN Amro in Amsterdam. "Das ist eine große Trendwende, und der Euro befindet sich in seinem neuen Super-Zyklus." Andere Analysten sehen nur noch wenige Hürden für den Euro auf dem Weg zur Dollar-Parität. Robin Wilkin, technischer Analyst bei J.P. Morgan in London hält die 0,9750 Dollar-Marke mittelfristig für entscheidend.
Kurzfristig könnte der Euro, den einige Händler nun für überkauft halten, freilich auch wieder in eine Spanne von 0,9350 Dollar bis 0,9450 Dollar zurückfallen, warnte Steve Miley, technischer Analyst bei Merrill Lynch.
Doch auch stärker an den Fundamentaldaten orientierte Händler trauen dem Euro derzeit Einiges zu. "Wir sehen immer mehr Hinweise darauf, dass sich die Stimmung zum Dollar verändert hat. Wir erwarten bis zum Ende des Jahres die Parität", sagte BankOne-Volkswirt Ryan Shea.
Auslöser des jüngsten Aufwärtstrend des Euro war die am Vortag vorgelegte Leistungsbilanz für das erste Quartal, die ein Defizit in noch nie dagewesener Größe auswies. Um diesen Fehlbetrag zu finanzieren, muss reichlich Kapital in die USA fließen. Angesichts der Talfahrt der US-Börsen erscheint Händlern zufolge vielen Investoren aber eine Anlage in den USA derzeit als unattraktiv.
"Alles wird jetzt mit Blick auf die Aktien entschieden", sagte Jesper Dannesboe, Devisenanalyst bei Dresdner Kleinwort Wasserstein. "Europäische Anleger kaufen weniger US-Anlagen, und das reicht aus, um den Dollar angesichts des Leistungsbilanzdefizits unter Druck zu setzen." Am Freitag gab ein Blick auf die Aktienmärkte den Händlern aber wenig Orientierung. Zwar gaben die meisten Kurse an der Wall Street und an der Nasdaq nach, doch war die Kursentwicklung durch den dreifachen Verfallstermin an der Terminbörse verzerrt.
Die Gemeinschaftswährung, die bereits an ihrem ersten Handelstag 1999 ein Rekordhoch von knapp über 1,19 Dollar erreichte, hat seither in der Spitze fast 30 Prozent an Wert verloren. Ihr Allzeittief erreichte die Gemeinschaftswährung im Oktober 2000, als sie nur noch 0,8225 Dollar kostete. Beim Start des Euro hatten die meisten Analysten noch Kurse von 1,20 Dollar und mehr vorausgesagt. Schon im Premieren-Jahr - im November 1999 - rutschte der Euro aber sogar unter die Ein-Dollar-Marke, was seinerzeit mit den unterschiedlichen Wachstumsraten in den USA und in der Euro-Zone begründet wurde.
ale/phi