SPIEGEL ONLINE - 20. Mai 2003, 20:01
URL: www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,249505,00.html
Soros gibt den Dollar zum Abschuss frei
Vor zehn Jahren verdiente er eine Milliarde Dollar, als er erfolgreich gegen das britische Pfund spekulierte. Nun setzt George Soros, einer der umstrittensten Devisenexperten überhaupt, auf einen weiteren Kursverfall des Dollar.
New York - Soros verkauft nach eigenen Angaben Dollar-Anlagen zu Gunsten anderer führender Währungen. Mit diesem Bekenntnis hat der Investor am Abend zu einem erneuten Anstieg des Euro-Kurses beigetragen.
"Ich muss bekannt geben, dass ich nun eine Verkaufsposition gegenüber dem Dollar eingenommen habe, weil ich auf das höre, was der Finanzminister mir sagt", sagte Soros am Dienstag dem amerikanischen Börsenkanal CNBC.
Der Investor bezog sich auf die jüngsten Äußerungen von US-Finanzminister John Snow. Sie deuten darauf hin, dass die USA von der Politik des starken Dollar abrücken.
Soros bezeichnete diese Äußerungen als Fehler. Sie seien ein verbohrter Versuch, die US-Wirtschaft auf Kosten anderer Ökonomien anzukurbeln: "Das ist eine Politik nach dem Sankt-Florians-Prinzip", sagte Soros. Snow handle unverantwortlich.
Nach Ausstrahlung des Interviews stieg der Euro vorübergehend auf über 1,17 Dollar. Damit näherte er sich seiner Erstnotiz in Höhe von 1,1747 Dollar vom Januar 1999.
Wie groß die Short-Positionen sind, die Soros aufgebaut hat, blieb zunächst offen. Der Investor hatte 1992 mit seinem Quantum Fund mit Leerverkäufen massiv gegen das britische Pfund spekuliert und die Währung damit aus dem Europäischen Wechselkurssystem gedrängt. Seither gilt der Soros als "der Mann, der die Bank von England knackte". Sein Einfluss an den Devisenmärkten hat sich inzwischen vermindert. Trotzdem dürften viele Händler zögern, sich in ihrem Urteil gegen Soros zu stellen.
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DER SPIEGEL 21/2003 - 19. Mai 2003
URL: www.spiegel.de/spiegel/0,1518,249248,00.html
Harter Euro, schwache Nerven
Der schwache Dollar macht der deutschen Exportindustrie schwer zu schaffen. Nur wenige Unternehmen haben sich gegen schwankende Kurse abgesichert.
Einer, einer wenigstens kann sich freuen. Herbert Hainer, Chef bei Adidas-Salomon, ist höchst zufrieden damit, dass der Euro im Vergleich zum US-Dollar immer stärker wird. Für den Sportartikelhersteller könnten sich die Währungsverhältnisse gar nicht vorteilhafter verschieben.
Adidas lässt seine Schuhe, Trikots und Trainingsanzüge vor allem in China, Indonesien und Vietnam fertigen, fast 90 Prozent seiner Rechnungen zahlt das Unternehmen in US-Dollar - und dessen Wert sinkt beständig. Über die Hälfte seines Absatzes aber hat Adidas in Europa und kassiert dafür in Euro - dessen Wert seit Monaten steigt und steigt. Für das Unternehmen, das die Nummer eins der Branche, Nike, überholen will, könnte es kaum besser laufen. Dem Euro sei Dank.
Natürlich können sich auch jene Europäer freuen, die ihren Urlaub in den USA verbringen wollen. Ansonsten aber sorgt der starke Euro in der deutschen Wirtschaft nur für zusätzliche Krisenstimmung.
Beim Volkswagen-Konzern fiel wegen der Währungsverschiebungen der Gewinn bereits im vergangenen Jahr um 500 Millionen Euro niedriger aus. In diesem Jahr bricht er weiter ein. Der Umsatz des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS, der sich seine Flugzeuge in Dollar bezahlen lässt, sinkt drastisch. Beim Chemie- und Anlagenkonzern Linde brechen die Gewinne ein. Die Erlöse von Siemens gehen um 14 Prozent zurück. SAP nimmt in den USA 20 Prozent weniger ein. Die Werften Aker MTW in Wismar und Kvaerner Warnow in Warnemünde, die Containerschiffe gegen Dollar verkaufen, müssen Arbeitsplätze streichen. Schuld an all dem Ungemach ist der starke Euro.
Am härtesten getroffen sind Automobilindustrie und Maschinenbau, die vorwiegend in Europa produzieren und in die USA exportieren. Sie müssen Löhne und Zulieferteile in Euro bezahlen, erzielen ihre Einnahmen aber zu einem beträchtlichen Teil in Dollar. Tauschen sie die zurück in Euro, erhalten sie dafür immer weniger. Es drohen Verluste. Wenn die Firmen aber, um einen Ausgleich zu bekommen, die Preise in den USA erhöhen, geht der Absatz zurück.
Bedrohlich ist dies nicht nur für einzelne Unternehmen, sondern für die deutsche Wirtschaft insgesamt. Bislang war der Export die einzige Stütze der lahmenden Konjunktur. Bricht er weg, sagt Währungsexperte Peter Bofinger von der Universität Würzburg voraus, "laufen wir Gefahr, in eine Rezession zu geraten".
Die Deutschen klagen, die Amerikaner frohlocken. US-Finanzminister John Snow sagt, ein schwacher Dollar, die Kehrseite des starken Euro, fördere die US-Industrie. Er erleichtert es ihr, Waren im Ausland zu verkaufen. Währungshüter Alan Greenspan unternimmt denn auch wenig gegen den Fall des Dollar. Er hält die Zinsen weiter niedrig.
Weil zudem weltweit das Vertrauen in die US-Wirtschaft stark gesunken ist angesichts eines riesigen Defizits im Haushalt und in der Leistungsbilanz, legen Fonds und selbst Notenbanken ihre Devisen zunehmend in Euro an. Russland, China und Taiwan beispielsweise erhöhten ihre Anlagen in Euro. Hier gibt es deutlich höhere Zinsen als in den USA. Die Nachfrage nach dem Euro steigt - und damit sein Kurs.
Die Chancen, dass sich der Dollar in nächster Zeit erholt, schätzen Währungsexperten eher gering ein. "Währungstrends gehen manchmal ab wie Lawinen", sagt Professor Bofinger, "je größer ihre Dynamik, desto schwerer sind sie zu stoppen." Bis Weihnachten könnte der Kurs bei 1,30 Dollar für einen Euro liegen.
Für eine Reihe deutscher Konzerne wäre das ein Horrorszenario. Nach Schätzungen von Bank-Managern hat allenfalls die Hälfte der deutschen Unternehmen die erwarteten Dollar-Einnahmen mit Devisentermin- oder Optionsgeschäften gesichert. Vor allem Mittelständler scheuen den Aufwand - und setzen sich damit einem hohen Risiko aus.
Große Unternehmen geben sich noch gelassen, allen voran Porsche, obwohl der Sportwagenbauer rund die Hälfte seiner Autos in Nordamerika verkauft und hochgradig gefährdet sein müsste. Ein schwacher Dollar hatte die Stuttgarter schon einmal ins Schleudern gebracht, 1993, als eine sinkende US-Währung neben einer verfehlten Modellpolitik das Unternehmen an den Rand der Pleite brachte.
Jetzt aber ist bei Porsche-Chef Wendelin Wiedeking von Nervosität nichts zu spüren. Seine Beruhigungspille heißt Kurssicherung. Für drei Jahre im Voraus hat Porsche alle erwarteten Dollar-Einnahmen gegen Kursverluste abgesichert.
Möglich ist dies mit Devisentermingeschäften und Optionen. Porsche etwa lässt sich von einer Bank garantieren, dass man in einem Jahr eine Milliarde Dollar zum Kurs von einem Dollar je Euro umtauschen kann. Fällt der Dollar bis dahin weiter auf beispielsweise 0,90 Euro, erhält Porsche wie vereinbart eine Milliarde Euro. Beim Umtausch zum aktuellen Kurs hätten die Stuttgarter nur 900 Millionen Euro bekommen.
Die Bank trägt das Risiko dieses Geschäfts entweder selbst - weil sie davon ausgeht, dass der Kurs sich anders entwickelt. Oder sie schließt einen gegenläufigen Kontrakt mit einer anderen Bank ab, bei der ein US-Unternehmen seine Euro-Einnahmen absichern will. In jedem Fall verlangt die Bank einen Aufschlag. Und der ist umso höher, je mehr Marktteilnehmer der Meinung sind, dass der Kurs sich in eine bestimmte Richtung bewegt.
Sinkt der Dollar weiter, dann muss auch Porsche in den USA produzieren.
BMW und Mercedes-Benz verfolgen eine ähnliche Kurssicherungspolitik wie Porsche, auch wenn sie nicht 100 Prozent der erwarteten Dollar-Einnahmen absichern, sondern zwischen 60 und 80 Prozent. Vorteil für die Unternehmen: Sie können recht genau die künftigen Einnahmen planen und werden von den mitunter heftig schwankenden Währungen nicht so arg durchgeschüttelt. Nachteil: Ihnen entgehen mögliche Währungsgewinne, wenn sich der Dollar vorteilhaft entwickelt.
Der VW-Konzern verfolgt deshalb seit einigen Jahren eine andere Politik, die Vorstand Jens Neumann ausgearbeitet hat. Die Wolfsburger sichern nur einen geringen Teil ihrer Dollar-Einnahmen ab, zwischen 30 und 60 Prozent. Steigt der Dollar, kann VW mit dem Teil der nicht gesicherten Dollar-Einnahmen von den Währungsgewinnen profitieren. Das war bis Mitte 2001 der Fall. Die Kursgewinne schönten den VW-Gewinn nach Schätzung von Analysten jährlich um mehrere hundert Millionen, mitunter gar um eine Milliarde Euro. Kaum ein Analyst fragte in dieser Zeit nach Neumann und dessen erfolgreicher Strategie. "Wenn etwas klappt, dann ist das selbstverständlich", sagt Neumann. "Man wird immer für das beschimpft, was nicht klappt."
Im vergangenen Jahr war es so weit. VW hatte nur rund 35 Prozent seiner Dollar-Einnahmen gesichert. Neumann und seine Kollegen im Währungsausschuss des Konzerns hatten auf jene Experten gehört, die sagten, nach einem möglichen Irak-Krieg werde der Dollar steigen. Davon hätte VW bei geringer Absicherungsquote ordentlich profitieren können. Es kam bekanntlich anders, und prompt kritisierten Analysten die "sehr riskante Kurssicherungspolitik" des VW-Konzerns.
Auf mittlere Sicht, also in einem Zeitraum von fünf Jahren betrachtet, sagt Neumann, sei die VW-Strategie keineswegs schlechter als die der Konkurrenten. Im Schnitt konnte VW deutliche Währungsgewinne realisieren. Allerdings hängt das Konzernergebnis von VW stark von den Schwankungen an den Devisenmärkten ab. Porsche, BMW und Mercedes-Benz haben eine höhere Planungssicherheit.
Auf Dauer aber helfen ihnen auch die besten Kurssicherungsgeschäfte nicht. Unternehmen können ihre Dollar-Einnahmen allenfalls für drei Jahre absichern. Sie müssen deshalb in einem rollierenden Verfahren ständig neue Devisentermingeschäfte oder Optionen abschließen - zum jeweils aktuellen Kurs. Wenn der beständig sinkt, sinken auch die abgesicherten Einnahmen.
Kurssicherung verschafft den Konzernen Zeit, um auf die veränderten Währungsrelationen zu reagieren. Sie können mehr Zulieferteile aus dem Dollar-Raum einkaufen, um von dem niedrigen Kurs auch zu profitieren, oder sie können einen Teil ihrer Produktion in die USA verlagern. "Natural hedging", natürliche Kurssicherung, nennen die Unternehmen diese Strategie. Mercedes-Benz und BMW produzieren bereits rund zehn Prozent ihrer Fahrzeuge in den Vereinigten Staaten. Die Offroader der M-Klasse werden in Tuscaloosa montiert, der Sportwagen Z4 in Spartanburg. VW hat mit seinem Werk in Mexiko ebenfalls einen Produktionsstandort im Dollar-Raum und baut dort Beetle und Jetta.
Bleibt der Dollar auf Dauer schwach oder sinkt er immer weiter, dann muss auch Porsche den Aufbau einer eigenen Produktion in den USA vorbereiten.
Noch haben die Stuttgarter dank ihrer 100-prozentigen Kurssicherung Zeit. Er wisse heute schon, wie viel Euro Porsche Mitte 2006 für einen Dollar bekomme, sagt Porsche-Chef Wiedeking: "Ich bin sehr relaxed." Noch.
mfG: Speculator
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Soros gibt den Dollar zum Abschuss frei
Vor zehn Jahren verdiente er eine Milliarde Dollar, als er erfolgreich gegen das britische Pfund spekulierte. Nun setzt George Soros, einer der umstrittensten Devisenexperten überhaupt, auf einen weiteren Kursverfall des Dollar.
New York - Soros verkauft nach eigenen Angaben Dollar-Anlagen zu Gunsten anderer führender Währungen. Mit diesem Bekenntnis hat der Investor am Abend zu einem erneuten Anstieg des Euro-Kurses beigetragen.
"Ich muss bekannt geben, dass ich nun eine Verkaufsposition gegenüber dem Dollar eingenommen habe, weil ich auf das höre, was der Finanzminister mir sagt", sagte Soros am Dienstag dem amerikanischen Börsenkanal CNBC.
Der Investor bezog sich auf die jüngsten Äußerungen von US-Finanzminister John Snow. Sie deuten darauf hin, dass die USA von der Politik des starken Dollar abrücken.
Soros bezeichnete diese Äußerungen als Fehler. Sie seien ein verbohrter Versuch, die US-Wirtschaft auf Kosten anderer Ökonomien anzukurbeln: "Das ist eine Politik nach dem Sankt-Florians-Prinzip", sagte Soros. Snow handle unverantwortlich.
Nach Ausstrahlung des Interviews stieg der Euro vorübergehend auf über 1,17 Dollar. Damit näherte er sich seiner Erstnotiz in Höhe von 1,1747 Dollar vom Januar 1999.
Wie groß die Short-Positionen sind, die Soros aufgebaut hat, blieb zunächst offen. Der Investor hatte 1992 mit seinem Quantum Fund mit Leerverkäufen massiv gegen das britische Pfund spekuliert und die Währung damit aus dem Europäischen Wechselkurssystem gedrängt. Seither gilt der Soros als "der Mann, der die Bank von England knackte". Sein Einfluss an den Devisenmärkten hat sich inzwischen vermindert. Trotzdem dürften viele Händler zögern, sich in ihrem Urteil gegen Soros zu stellen.
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DER SPIEGEL 21/2003 - 19. Mai 2003
URL: www.spiegel.de/spiegel/0,1518,249248,00.html
Harter Euro, schwache Nerven
Der schwache Dollar macht der deutschen Exportindustrie schwer zu schaffen. Nur wenige Unternehmen haben sich gegen schwankende Kurse abgesichert.
Einer, einer wenigstens kann sich freuen. Herbert Hainer, Chef bei Adidas-Salomon, ist höchst zufrieden damit, dass der Euro im Vergleich zum US-Dollar immer stärker wird. Für den Sportartikelhersteller könnten sich die Währungsverhältnisse gar nicht vorteilhafter verschieben.
Adidas lässt seine Schuhe, Trikots und Trainingsanzüge vor allem in China, Indonesien und Vietnam fertigen, fast 90 Prozent seiner Rechnungen zahlt das Unternehmen in US-Dollar - und dessen Wert sinkt beständig. Über die Hälfte seines Absatzes aber hat Adidas in Europa und kassiert dafür in Euro - dessen Wert seit Monaten steigt und steigt. Für das Unternehmen, das die Nummer eins der Branche, Nike, überholen will, könnte es kaum besser laufen. Dem Euro sei Dank.
Natürlich können sich auch jene Europäer freuen, die ihren Urlaub in den USA verbringen wollen. Ansonsten aber sorgt der starke Euro in der deutschen Wirtschaft nur für zusätzliche Krisenstimmung.
Beim Volkswagen-Konzern fiel wegen der Währungsverschiebungen der Gewinn bereits im vergangenen Jahr um 500 Millionen Euro niedriger aus. In diesem Jahr bricht er weiter ein. Der Umsatz des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS, der sich seine Flugzeuge in Dollar bezahlen lässt, sinkt drastisch. Beim Chemie- und Anlagenkonzern Linde brechen die Gewinne ein. Die Erlöse von Siemens gehen um 14 Prozent zurück. SAP nimmt in den USA 20 Prozent weniger ein. Die Werften Aker MTW in Wismar und Kvaerner Warnow in Warnemünde, die Containerschiffe gegen Dollar verkaufen, müssen Arbeitsplätze streichen. Schuld an all dem Ungemach ist der starke Euro.
Am härtesten getroffen sind Automobilindustrie und Maschinenbau, die vorwiegend in Europa produzieren und in die USA exportieren. Sie müssen Löhne und Zulieferteile in Euro bezahlen, erzielen ihre Einnahmen aber zu einem beträchtlichen Teil in Dollar. Tauschen sie die zurück in Euro, erhalten sie dafür immer weniger. Es drohen Verluste. Wenn die Firmen aber, um einen Ausgleich zu bekommen, die Preise in den USA erhöhen, geht der Absatz zurück.
Bedrohlich ist dies nicht nur für einzelne Unternehmen, sondern für die deutsche Wirtschaft insgesamt. Bislang war der Export die einzige Stütze der lahmenden Konjunktur. Bricht er weg, sagt Währungsexperte Peter Bofinger von der Universität Würzburg voraus, "laufen wir Gefahr, in eine Rezession zu geraten".
Die Deutschen klagen, die Amerikaner frohlocken. US-Finanzminister John Snow sagt, ein schwacher Dollar, die Kehrseite des starken Euro, fördere die US-Industrie. Er erleichtert es ihr, Waren im Ausland zu verkaufen. Währungshüter Alan Greenspan unternimmt denn auch wenig gegen den Fall des Dollar. Er hält die Zinsen weiter niedrig.
Weil zudem weltweit das Vertrauen in die US-Wirtschaft stark gesunken ist angesichts eines riesigen Defizits im Haushalt und in der Leistungsbilanz, legen Fonds und selbst Notenbanken ihre Devisen zunehmend in Euro an. Russland, China und Taiwan beispielsweise erhöhten ihre Anlagen in Euro. Hier gibt es deutlich höhere Zinsen als in den USA. Die Nachfrage nach dem Euro steigt - und damit sein Kurs.
Die Chancen, dass sich der Dollar in nächster Zeit erholt, schätzen Währungsexperten eher gering ein. "Währungstrends gehen manchmal ab wie Lawinen", sagt Professor Bofinger, "je größer ihre Dynamik, desto schwerer sind sie zu stoppen." Bis Weihnachten könnte der Kurs bei 1,30 Dollar für einen Euro liegen.
Für eine Reihe deutscher Konzerne wäre das ein Horrorszenario. Nach Schätzungen von Bank-Managern hat allenfalls die Hälfte der deutschen Unternehmen die erwarteten Dollar-Einnahmen mit Devisentermin- oder Optionsgeschäften gesichert. Vor allem Mittelständler scheuen den Aufwand - und setzen sich damit einem hohen Risiko aus.
Große Unternehmen geben sich noch gelassen, allen voran Porsche, obwohl der Sportwagenbauer rund die Hälfte seiner Autos in Nordamerika verkauft und hochgradig gefährdet sein müsste. Ein schwacher Dollar hatte die Stuttgarter schon einmal ins Schleudern gebracht, 1993, als eine sinkende US-Währung neben einer verfehlten Modellpolitik das Unternehmen an den Rand der Pleite brachte.
Jetzt aber ist bei Porsche-Chef Wendelin Wiedeking von Nervosität nichts zu spüren. Seine Beruhigungspille heißt Kurssicherung. Für drei Jahre im Voraus hat Porsche alle erwarteten Dollar-Einnahmen gegen Kursverluste abgesichert.
Möglich ist dies mit Devisentermingeschäften und Optionen. Porsche etwa lässt sich von einer Bank garantieren, dass man in einem Jahr eine Milliarde Dollar zum Kurs von einem Dollar je Euro umtauschen kann. Fällt der Dollar bis dahin weiter auf beispielsweise 0,90 Euro, erhält Porsche wie vereinbart eine Milliarde Euro. Beim Umtausch zum aktuellen Kurs hätten die Stuttgarter nur 900 Millionen Euro bekommen.
Die Bank trägt das Risiko dieses Geschäfts entweder selbst - weil sie davon ausgeht, dass der Kurs sich anders entwickelt. Oder sie schließt einen gegenläufigen Kontrakt mit einer anderen Bank ab, bei der ein US-Unternehmen seine Euro-Einnahmen absichern will. In jedem Fall verlangt die Bank einen Aufschlag. Und der ist umso höher, je mehr Marktteilnehmer der Meinung sind, dass der Kurs sich in eine bestimmte Richtung bewegt.
Sinkt der Dollar weiter, dann muss auch Porsche in den USA produzieren.
BMW und Mercedes-Benz verfolgen eine ähnliche Kurssicherungspolitik wie Porsche, auch wenn sie nicht 100 Prozent der erwarteten Dollar-Einnahmen absichern, sondern zwischen 60 und 80 Prozent. Vorteil für die Unternehmen: Sie können recht genau die künftigen Einnahmen planen und werden von den mitunter heftig schwankenden Währungen nicht so arg durchgeschüttelt. Nachteil: Ihnen entgehen mögliche Währungsgewinne, wenn sich der Dollar vorteilhaft entwickelt.
Der VW-Konzern verfolgt deshalb seit einigen Jahren eine andere Politik, die Vorstand Jens Neumann ausgearbeitet hat. Die Wolfsburger sichern nur einen geringen Teil ihrer Dollar-Einnahmen ab, zwischen 30 und 60 Prozent. Steigt der Dollar, kann VW mit dem Teil der nicht gesicherten Dollar-Einnahmen von den Währungsgewinnen profitieren. Das war bis Mitte 2001 der Fall. Die Kursgewinne schönten den VW-Gewinn nach Schätzung von Analysten jährlich um mehrere hundert Millionen, mitunter gar um eine Milliarde Euro. Kaum ein Analyst fragte in dieser Zeit nach Neumann und dessen erfolgreicher Strategie. "Wenn etwas klappt, dann ist das selbstverständlich", sagt Neumann. "Man wird immer für das beschimpft, was nicht klappt."
Im vergangenen Jahr war es so weit. VW hatte nur rund 35 Prozent seiner Dollar-Einnahmen gesichert. Neumann und seine Kollegen im Währungsausschuss des Konzerns hatten auf jene Experten gehört, die sagten, nach einem möglichen Irak-Krieg werde der Dollar steigen. Davon hätte VW bei geringer Absicherungsquote ordentlich profitieren können. Es kam bekanntlich anders, und prompt kritisierten Analysten die "sehr riskante Kurssicherungspolitik" des VW-Konzerns.
Auf mittlere Sicht, also in einem Zeitraum von fünf Jahren betrachtet, sagt Neumann, sei die VW-Strategie keineswegs schlechter als die der Konkurrenten. Im Schnitt konnte VW deutliche Währungsgewinne realisieren. Allerdings hängt das Konzernergebnis von VW stark von den Schwankungen an den Devisenmärkten ab. Porsche, BMW und Mercedes-Benz haben eine höhere Planungssicherheit.
Auf Dauer aber helfen ihnen auch die besten Kurssicherungsgeschäfte nicht. Unternehmen können ihre Dollar-Einnahmen allenfalls für drei Jahre absichern. Sie müssen deshalb in einem rollierenden Verfahren ständig neue Devisentermingeschäfte oder Optionen abschließen - zum jeweils aktuellen Kurs. Wenn der beständig sinkt, sinken auch die abgesicherten Einnahmen.
Kurssicherung verschafft den Konzernen Zeit, um auf die veränderten Währungsrelationen zu reagieren. Sie können mehr Zulieferteile aus dem Dollar-Raum einkaufen, um von dem niedrigen Kurs auch zu profitieren, oder sie können einen Teil ihrer Produktion in die USA verlagern. "Natural hedging", natürliche Kurssicherung, nennen die Unternehmen diese Strategie. Mercedes-Benz und BMW produzieren bereits rund zehn Prozent ihrer Fahrzeuge in den Vereinigten Staaten. Die Offroader der M-Klasse werden in Tuscaloosa montiert, der Sportwagen Z4 in Spartanburg. VW hat mit seinem Werk in Mexiko ebenfalls einen Produktionsstandort im Dollar-Raum und baut dort Beetle und Jetta.
Bleibt der Dollar auf Dauer schwach oder sinkt er immer weiter, dann muss auch Porsche den Aufbau einer eigenen Produktion in den USA vorbereiten.
Noch haben die Stuttgarter dank ihrer 100-prozentigen Kurssicherung Zeit. Er wisse heute schon, wie viel Euro Porsche Mitte 2006 für einen Dollar bekomme, sagt Porsche-Chef Wiedeking: "Ich bin sehr relaxed." Noch.
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