Der angesagte Crash - Von Bernd Niquet
...und das Prinzip des Nichtwissens
August. Fast die ganze Welt befindet sich im Urlaubszustand. Der Kanzler verlängert in Italien, US-Präsident Bush zieht aufs Land in seine Ranch in Texas und nur in Bayreuth bringt die Wagnersche Götterdämmerung das Gebäude zum Wackeln. Doch manchmal schlägt unsere kleine Welt Purzelbäume und dennoch bleibt hinterher alles beim Alten: Für Dienstag hat der Chefstratege einer großen Investmentbank einen Crash mit einem Kurssturz von über 20 Prozent angekündigt.
Dynamit für die Märkte
Die Begründung hierfür ist allerdings völlig unromantisch und dafür umso technokratischer: Eine neue Berechnungsmethode der US-Produktivitätsentwicklung wird dem US-Produktivitätswunder nicht nur deutliche Kratzer beifügen, sondern es ganz generell als Fiktion entlarven: "Das ist Dynamit für die Märkte", so Albert Edwards, besagter Chefstratege, "die Börsianer werden zu Tode erschreckt werden."
Währenddessen sitze ich in der Schorfheide, nördlich von Berlin, im größten zusammenhängenden Waldgebiet Mitteleuropas, auf dem Bootssteg neben dem Bootshaus - ganz unweit von der Stelle entfernt, an der vor nur einem guten halben Jahrhundert der dicke Göring sein "Carinhall" errichten ließ. Sicherlich eine der größten Selbstinszenierungen zwischen Wald und Wasser, die wir jemals kennengelernt haben.
Der Blick in die Weite der Natur, in unberührte Landschaft, in eine unwiederholbare Vergangenheit, lässt den Geist aufnahmefähig werden. Man versinkt kurzfristig in der Zeitlosigkeit, die Bilder vor dem geistigen Auge werden schwarz-weiß, ich nehme die Zeitung zur Hand und mir fällt der beste Artikel ins Auge, den ich in der letzten Zeit gelesen habe: Konrad Adam schreibt in der "Welt" vom "Recht des Bürgers, nichts zu wissen".
Unsere Wissensgesellschaft
Natürlich sehe ich sofort Parallelen, doch auch Parallelen können plötzlich Überraschungen beinhalten - und eine völlig andere Lage im Raum annehmen als man dies vorher antizipiert hatte: "Nicht das Wissen, sondern die Unwissenheit hält die modernen hochkomplexen Gesellschaften zusammen", schreibt Adam und bemüht sogar Aristoteless: Übersichtlichkeit ist das entscheidende Merkmal einer wirklich demokratischen Ordnung, wohingegen die Kehrseite dieser Erkenntnis besagt: Unüberschaubarkeit ist das Kennzeichen der Tyrannis.
Wie würde der Bürger reagieren, wenn er wüsste, dass die Sozialversicherungsbeiträge, die er bezahlt, durch Hinzurechnung des Staatszuschusses sowie der Ökosteuer, effektiv um 50 Prozent höher liegen als ausgewiesen? Wie, wenn er wüsste, dass in der Krankenversicherung die Bezieher geringer Einkommen die Besserverdienenden subventionieren? Wie, wenn er wüsste, "dass es die selbst erarbeitete Rente gar nicht gibt, weil das, was wir im Alter verbrauchen, von anderen erarbeitet werden muss - die das natürlich auch nicht wissen?"
Die vielköpfige Hydra
Und plötzlich wird das System "Aktienmarkt" ganz deutlich als Untersystem unseres Gesamtsystems erkennbar, für das dann freilich auch das Folgende gilt: "Unwissenheit ist die Bedingung für die Akzeptanz des Ganzen." Alle Versuche, die Dinge zu entkomplizieren, sind immer wieder gescheitert. Und diese hat Methode: Denn nichts zementiert Macht und Bedeutung besser als die Herrschaft durch Undurchschaubarkeit, in der jeder Protest im Netzwerk der Verflechtungen der Kompliziertheit versinkt.
Aktien, Fonds, Fonds von Fonds, Dachfonds, Dachfonds von Dachfonds - ein vielschichtiges Gestrüpp gegenseitig gewährter Verdienstmöglichkeiten, welches sich vom realen Geschehen beinahe abgekoppelt hat. Und so ist es fast schon egal was passiert: Kaufen? - wunderbar! Verkaufen? - Ebenfalls genial! Verdient wird schließlich überall. Und schlägt man der Hydra doch einmal einen Kopf ab, so wachsen postwendend zwei neue hinter.
Wer würde sich heute anmaßen, die Berechnungsweise der Produktivitätsentwicklung fundamental hinterfragen zu können? Und wer es versucht, wird merken, welches Kunstgebäude dahintersteht. Doch will das überhaupt jemand wissen? Von wegen Wissensgesellschaft: Es scheint tatsächlich das kollektive Nichtwissen, das Nicht-wissen-Wollen zu sein, was uns gestern wie heute regiert.
Deshalb wird es auch am Dienstag mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Crash geben: Denn warum sollten wir so plötzlich das wissen wollen, was wir schon so lange hätten wissen können, aber niemals wissen wollten. Und schließlich funktioniert doch alles trotz des Crash der Neuen Märkte weiterhin wunderbar. Und: Hypochondrie hin - Hypochondrie her: Wer geht schon freiwillig zum Chirurgen, wenn ihm das Wasser nicht bereits bis zu den Ohren steht?
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...und das Prinzip des Nichtwissens
August. Fast die ganze Welt befindet sich im Urlaubszustand. Der Kanzler verlängert in Italien, US-Präsident Bush zieht aufs Land in seine Ranch in Texas und nur in Bayreuth bringt die Wagnersche Götterdämmerung das Gebäude zum Wackeln. Doch manchmal schlägt unsere kleine Welt Purzelbäume und dennoch bleibt hinterher alles beim Alten: Für Dienstag hat der Chefstratege einer großen Investmentbank einen Crash mit einem Kurssturz von über 20 Prozent angekündigt.
Dynamit für die Märkte
Die Begründung hierfür ist allerdings völlig unromantisch und dafür umso technokratischer: Eine neue Berechnungsmethode der US-Produktivitätsentwicklung wird dem US-Produktivitätswunder nicht nur deutliche Kratzer beifügen, sondern es ganz generell als Fiktion entlarven: "Das ist Dynamit für die Märkte", so Albert Edwards, besagter Chefstratege, "die Börsianer werden zu Tode erschreckt werden."
Währenddessen sitze ich in der Schorfheide, nördlich von Berlin, im größten zusammenhängenden Waldgebiet Mitteleuropas, auf dem Bootssteg neben dem Bootshaus - ganz unweit von der Stelle entfernt, an der vor nur einem guten halben Jahrhundert der dicke Göring sein "Carinhall" errichten ließ. Sicherlich eine der größten Selbstinszenierungen zwischen Wald und Wasser, die wir jemals kennengelernt haben.
Der Blick in die Weite der Natur, in unberührte Landschaft, in eine unwiederholbare Vergangenheit, lässt den Geist aufnahmefähig werden. Man versinkt kurzfristig in der Zeitlosigkeit, die Bilder vor dem geistigen Auge werden schwarz-weiß, ich nehme die Zeitung zur Hand und mir fällt der beste Artikel ins Auge, den ich in der letzten Zeit gelesen habe: Konrad Adam schreibt in der "Welt" vom "Recht des Bürgers, nichts zu wissen".
Unsere Wissensgesellschaft
Natürlich sehe ich sofort Parallelen, doch auch Parallelen können plötzlich Überraschungen beinhalten - und eine völlig andere Lage im Raum annehmen als man dies vorher antizipiert hatte: "Nicht das Wissen, sondern die Unwissenheit hält die modernen hochkomplexen Gesellschaften zusammen", schreibt Adam und bemüht sogar Aristoteless: Übersichtlichkeit ist das entscheidende Merkmal einer wirklich demokratischen Ordnung, wohingegen die Kehrseite dieser Erkenntnis besagt: Unüberschaubarkeit ist das Kennzeichen der Tyrannis.
Wie würde der Bürger reagieren, wenn er wüsste, dass die Sozialversicherungsbeiträge, die er bezahlt, durch Hinzurechnung des Staatszuschusses sowie der Ökosteuer, effektiv um 50 Prozent höher liegen als ausgewiesen? Wie, wenn er wüsste, dass in der Krankenversicherung die Bezieher geringer Einkommen die Besserverdienenden subventionieren? Wie, wenn er wüsste, "dass es die selbst erarbeitete Rente gar nicht gibt, weil das, was wir im Alter verbrauchen, von anderen erarbeitet werden muss - die das natürlich auch nicht wissen?"
Die vielköpfige Hydra
Und plötzlich wird das System "Aktienmarkt" ganz deutlich als Untersystem unseres Gesamtsystems erkennbar, für das dann freilich auch das Folgende gilt: "Unwissenheit ist die Bedingung für die Akzeptanz des Ganzen." Alle Versuche, die Dinge zu entkomplizieren, sind immer wieder gescheitert. Und diese hat Methode: Denn nichts zementiert Macht und Bedeutung besser als die Herrschaft durch Undurchschaubarkeit, in der jeder Protest im Netzwerk der Verflechtungen der Kompliziertheit versinkt.
Aktien, Fonds, Fonds von Fonds, Dachfonds, Dachfonds von Dachfonds - ein vielschichtiges Gestrüpp gegenseitig gewährter Verdienstmöglichkeiten, welches sich vom realen Geschehen beinahe abgekoppelt hat. Und so ist es fast schon egal was passiert: Kaufen? - wunderbar! Verkaufen? - Ebenfalls genial! Verdient wird schließlich überall. Und schlägt man der Hydra doch einmal einen Kopf ab, so wachsen postwendend zwei neue hinter.
Wer würde sich heute anmaßen, die Berechnungsweise der Produktivitätsentwicklung fundamental hinterfragen zu können? Und wer es versucht, wird merken, welches Kunstgebäude dahintersteht. Doch will das überhaupt jemand wissen? Von wegen Wissensgesellschaft: Es scheint tatsächlich das kollektive Nichtwissen, das Nicht-wissen-Wollen zu sein, was uns gestern wie heute regiert.
Deshalb wird es auch am Dienstag mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Crash geben: Denn warum sollten wir so plötzlich das wissen wollen, was wir schon so lange hätten wissen können, aber niemals wissen wollten. Und schließlich funktioniert doch alles trotz des Crash der Neuen Märkte weiterhin wunderbar. Und: Hypochondrie hin - Hypochondrie her: Wer geht schon freiwillig zum Chirurgen, wenn ihm das Wasser nicht bereits bis zu den Ohren steht?
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