Den schlechten Ruf wird der Chef nicht los


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Den schlechten Ruf wird der Chef nicht los

 
26.04.03 16:39
Michail Chodorkowski, der reichste Mann Russlands, leitet den viertgrößten Ölkonzern der Welt

BP und Shell sind Ölkonzerne, deren Namen jedes Kind kennt. Aber Yukos-Sibneft? Durch eine Übernahme ist vor wenigen Tagen in Russland diese neue Größe im globalen Ölgeschäft entstanden. Die handelnden Personen dabei sind allerdings nicht über jeden Zweifel erhaben.

Von Elke Windisch, Moskau

Schade um den schönen Werbespot, der gegenwärtig auf allen überregionalen Kanälen in Russland über den Bildschirm flimmert: Das grüngelbe Firmenlogo von Yukos ist inzwischen Vergangenheit. Russlands größter Ölkonzern schluckt einen seiner größten Konkurrenten, Sibneft, der immerhin Platz fünf auf der hiesigen Branchen-Hitliste einnimmt, und heißt künftig Yukos-Sibneft; ein neues Logo muss also her. Zunächst übernimmt Yukos einen Anteil von 20 Prozent des bisherigen Konkurrenten und bis Jahresende den Rest. Der Kaufpreis, so Yukos-Chef Michail Chodorkowski, stehe noch nicht fest, den Aktionären werde jedoch ein faires Angebot gemacht.

Diese Ankündigung stößt auf Misstrauen. Zwar ist der 41-jährige Chodorkowski in den letzten Jahren demonstrativ - und zunehmend auch mit Erfolg - um Transparenz und westliche Standards der Buchführung bemüht. Doch ganz wird der mit Abstand reichste Mann Russlands - sein Privatvermögen schätzen Experten auf acht bis zehn Milliarden Dollar - den Makel des Raubritters nicht los. Innerhalb von knapp zehn Jahren vollzog sich sein Aufstieg vom Funktionär im Jugendverband Komsomol zum Konzernlenker. Den Grundstein für seine Karriere legte er mit der Bank SB Agro, die um die Gunst von Kleinanlegern und Mittelständlern buhlte, um sich beim Finanzcrash 1998 ruhmlos aus der Verantwortung zu stehlen.

Der Mann, der eine Abneigung gegen Anzüge und Krawatten hat, gibt sich bei Interviews stets verbindlich. Aber seine Gesichtszüge gerinnen zur Maske, sobald er glaubt, die Kamera sei ausgeschaltet. Naheinstellungen sind Kamerateams grundsätzlich verboten. Auch wer nur die Konzernzentrale als Totale und aus sicherer Entfernung drehen will, muss mit einem Rollkommando vom Werkschutz rechnen. Kein Einzelfall, denn auch der Ruf von Chodorkowskis Juniorpartner ist kaum besser.

Offiziell als Vorstandschef zurückgetreten, lenkt Roman Abramowitsch die Geschicke von Sibneft nach Meinung von Experten nach wie vor im Hintergrund. Sehr zupass kommt ihm dabei die Tatsache, dass er auch bei einer Reihe von Medien indirekt Mehrheitsaktionär ist. Indirekt - davon kann in der russischen Medienlandschaft allerdings keine Rede sein. Direkte Einflussnahme, notfalls mit Brechstange und Holzhammer, sind gang und gäbe. Zusammen mit einer weiteren umstrittenen Figur, dem Multimilliardär Boris Beresowski, galt Abramowitsch einst als graue Eminenz der russischen Politik in der Jelzin-Ära - und als Geldbeschaffer des Kremls. Als Beresowski nach Jelzins Abgang den Kreml über den Dienstboteneingang verlassen musste, suchte auch Abramowitsch sein Heil in der Flucht und ließ sich zum Gouverneur der Nordostprovinz Tschukotka wählen. Chodorkowski dagegen, bis dato politisch ein unbeschriebenes Blatt, suchte nach der Schlüsselübergabe im Kreml die Nähe zu Wladimir Putin. So schillernd die Akteure auch sein mögen: Für den Zusammenschluss der Ölkonzerne sprechen in erster Linie ganz nüchterne, wirtschaftliche Gründe.

Schon vor der Übernahme war Yukos erfolgreich an dem staatsnahen Konkurrenten Lukoil vorbeigezogen. Jetzt kann der Konzern sich, was Gewinn und Fördermenge anbelangt, getrost mit Russlands Supergiganten messen - Gazprom. Mehr noch: Yukos-Sibneft wird jetzt in der Weltliga mitspielen - auf gleicher Augenhöhe mit den Riesen British Petroleum (BP) und Shell. Mit einer Jahresproduktion, die in etwa der des gesamten Golfemirats Kuweit gleichkommt, schwingt sich das fusionierte Unternehmen zur Nummer vier im globalen Ölgeschäft auf - wenn das russische Kartellamt den Deal genehmigt.

Yukos ist ein Unternehmen der Privatwirtschaft, da hat der Staat pro forma nichts zu sagen. Anders geht es bei Gazprom zu, wo die Regierung eine satte Aktienmehrheit hält. Zum Geschäftsführer werden da in der Regel loyale Reichsverweser bestimmt wie zum Beispiel Alexej Miller, der zum Kern von Putins Petersburger Landsmannschaft gehört. Ein paar Druckmittel sind dem Staat jedoch aus sowjetischen Zeiten geblieben, und die dürfte Putin auch so schnell nicht aus der Hand geben.

Die Privatisierung des Rohstoffsektors hat Jelzin Mitte der neunziger Jahre nicht verhindern können. Oder wollen, weil er selbst mitverdiente, wie böse Zungen behaupten. Die Pipelines sind dafür nach wie vor fest in staatlicher Hand: Das Röhrenkonsortium Transneft gehört zu hundert Prozent der russischen Regierung. Auch weil die Kontrolle über die Exportwege von Öl und Gas eine zunehmend wichtigere Rolle als außenpolitisches Druckmittel spielen. Vor allem gegenüber Moskaus Exvasallen im Kaukasus und in Zentralasien, wo der Kreml sein altes Monopol restaurieren möchte.

Im Falle Turkmeniens trug das Konzept bereits reiche Früchte. Mit dem am 11. April unterzeichneten Abkommen verkauft der Wüstenstaat fast die gesamte Fördermenge an Erdgas und tritt damit de facto den Löwenanteil seiner wirtschaftlichen Souveränität an Moskau ab. Vor allem deshalb fordern Russlands Ölscheichs seit langem Transneft-Anteile und locken mit privaten Investitionen für neue Großprojekte und die Modernisierung des in Teilen arg heruntergewirtschafteten und maroden Netzes. Noch zu Jahresbeginn erteilte Premier Michail Kasjanow derartigen Forderungen eine Abfuhr.

Unmittelbar nach der Fusion von Yukos und Sibneft schlug er dagegen konziliantere Töne an: Man könne und müsse über alles reden. Dafür gibt es in der Tat gleich mehrere gute Gründe: Der Besitz von Ölfeldern und Bohrtürmen kommt in Russland einer Lizenz zum Gelddrucken gleich. Entsprechend hoch sind die Erwartungen von Politikern aller Couleur angesichts nahender Wahlen. Vor allem aber: aus den Exporterlösen des schwarzen Goldes finanziert sich der russische Staatssäckel zu 20 Prozent. Dass Moskau in den letzten zwei Jahren einen Haushalt ohne Löcher und Neuverschuldung vorlegen konnte, liegt vor allem daran, dass die Irak-Krise einen Preisauftrieb auf dem Weltmarkt hervorrief, der selbst die kühnsten Träume der Kassenwarte übertraf. Damit dürfte es nach dem schnellen Sieg der Bush-Krieger bald vorbei sein, was die Opec jetzt zu der Ankündigung veranlasst hat, die Förderung zu drosseln. Dem Nichtmitglied Russland sind einschlägige Preisabsprachen schon seit längerem ein Dorn im Auge. Pläne für einen Gegen-Opec, die es seit geraumer Zeit im Kreml gibt, könnten mit der Fusion konkrete Gestalt annehmen.

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