Nikkei Index bei 100.000 Punkten!
In der Euphorie sind die Anleger nicht nur geschwindelten Gewinnprognosen, sondern auch falschen Wirtschaftstheorien auf den Leim gegangen. Die Wissenschaft ist hier sicherlich nicht völlig unschuldig, doch wirklich verantwortlich hierfür sind die Vorbeter an den Finanzmärkten, deren Vorbeten schließlich zum Allgemeingut wird. Denn letztlich unterscheiden sich Finanzmärkte und Religionen nur äußerst marginal voneinander.
Eine Theorie lautet beispielsweise, dass Geldmengenerhöhungen positiv auf die Börsen wirken, da von dem neu emittierten Geld Teile an die Börse fließen. Nun ist Geld jedoch im volkswirtschaftlichen Zusammenspiel gar keine Stromgröße, sondern vielmehr eine Bestandsgröße. Und Bestandsgrößen können im Unterschied zu Stromgrößen gar nicht fließen. Was die Finanzmarkt-Einflüsterer allerdings gar nicht wissen und sich daher auch nicht stören lassen.
Oder soll ich es anders sagen: Wenn tatsächlich eine expansive Geldpolitik die Aktienmärkte dadurch beflügeln würde, dass plötzlich „überschüssiges“ Geld in die Märkte fließen würde, dann stünde der Nikkei-Index derzeit nicht hart an der 9.000er-Marke, sondern bei 100.000, der Dow nicht unter 8.000, sondern über 10.000 und der Dax auch deutlich höher.
Doch die meisten Geldmengenhörigen haben jetzt, so scheint es, eine neue Religion gefunden, die jedoch ein konsequentes Konvertieren zum Pessimismus erfordert. Kein Wunder natürlich, wenn man gerade vor kurzem so heftig enttäuscht wurde. Diese Religion nennt sich „neo-österreichisch“, wohinter sich die Konjunkturtheorie von F.A. von Hayek und Ludwig Mises verbirgt. Also: Tu felix neo-austria? Quintessenz dieser Theorie ist: Im Aufschwung werden die Banken dazu verleitet, zu viel Kredit zu vergeben, so dass Investitionen, die eigentlich gar nicht rentierlich sind, trotzdem angegangen werden und mithin eine gesamtwirtschaftliche Situation der Überinvestition eintritt. Im Abschwung bedeutet das schließlich, dass diese Kredite notleidend werden und im Zuge eines Zwangssparmechanismus´ gleichsam so lange „abgetragen“ werden müssen bis alle Kreditierungen nicht rentabler Produktion abgeschrieben und wertberichtigt werden. Entscheidender Parameter ist hier die Menge an Kredit, die zwangsläufig abnimmt und damit der Wirtschaft Schaden zuführt.
Nach dieser Interpretation kommen also schwere Zeiten auf uns zu, denn nicht einmal die Zentralbank kann hier etwas ausrichten, da sie zwar illiquide Aktiva liquide machen, jedoch selbst keinen Kredit vergeben kann. Was mich sofort zurückbringt zur Geldmenge: Denn Kredit hin und Kredit her, entscheidend ist, dass derjenige, der etwas kaufen will, dazu nicht primär Kredit, sondern vielmehr Geld braucht. Und wenn dem so ist, dann können die Zentralbanken in der Krise auch durchaus helfen. Sie können zwar nicht erreichen, dass auf irgendwelchen geheimnisvollen Wegen „Geld an die Märkte fließt“, sie können jedoch gewährleisten, dass die Sätze für kurzfristige Ausleihungen, die in den Zeiten des Goldstandards und vor dem aktiven Management durch die Zentralbanken, bei Krisen stets senkrecht in die Höhe geschossen sind, moderat bleiben.
Der Prozess des Abschreibens notleidender Kredite kann damit verlängert, ein Wirtschaftsabschwung abgemäßigt und eine Börsenkrise gemildert werden. Einen Automatismus, nach dem wir jetzt in eine große Wirtschaftskrise hineinlaufen, gibt es also nicht. Es gibt ihn deswegen nicht, weil jeder behauptete Automatismus immer sein Spiegelbild in der ihm zugrundegelegten Theorie findet. Von den Fakten können wir uns nicht befreien, von ihrer Interpretation hingegen schon. Der Dogmatiker sieht das zukünftige Schicksal der Welt immer nur deshalb als so sicher an, nicht weil die Welt vorbestimmt ist, sondern weil sein Weltbild zwanghafte Züge trägt.
Dogmatisch müssen wir jedoch nicht zwangsläufig sein. Es bleibt also selbst bei den aktuellen neuen Tiefstkursen noch eine ganze Menge mehr als nur Hoffnung.
Boerse de