Dax Kurs 8.000 - oder kippt das Ganze?
Das Ganze ist spannend wie bei einer Papstwahl ... und läuft auch so ab. Ob nun der Petersplatz oder die Börsen, alles steht gebannt da und schaut. Wird nun weißer oder schwarzer Rauch aufsteigen? War das jetzt der Durchbruch oder war’s wohl nix?
Es gibt Situationen an den Börsen, in denen binnen weniger Stunden über Zerfall oder Intensivierung der bisherigen Tendenzen entschieden wird. Es sind diese seltenen Augenblicke, in denen plötzlich alles zu ruhen scheint, wie im Auge eines Taifuns. Jeder wartet ab, was die anderen tun. Einfach, weil man, wenn man um die Bedeutung solcher Momente weiß, sich darüber im klaren ist, wie leicht man sonst auf dem falschen Fuß erwischt werden kann. Und weil alle warten, kommen die Märkte kurze Zeit zu einem scheinbaren Stillstand. So lange, bis ein externer Impuls die Entscheidung vorgibt oder eine der großen Adressen antritt, mit der monetären Brechstange eine Entscheidung zu erzwingen. Was aber nicht immer hinhauen muss, das heißt, die Gefahr von Bullen- und Bärenfallen ist hoch.
Dow auf Allzeithoch .. doch trotzdem ist noch nichts entscheiden
Eigentlich hätte man meinen sollen, mit einem Dow Jones über 13.000 und dem S&P 500 nahe dem Allzeithoch sei die Sache glasklar. Der Dax notiert gerade noch 10% von seinem Allzeithoch um 8.150 aus dem März 2000 entfernt ... angesichts dessen, was er in den letzten sechs Wochen aufs Parkett gelegt hat, doch nicht mehr als eine lockere Sprintdistanz. Und schließlich wachsen die Bäume ja doch wider aller Warnungen in den Himmel ... oder?
Möglich. Aber nur für kurze Zeit ... um einen dummen Werbespruch zu bemühen. Und ob diese „kurze Zeit“ nicht jetzt schon um ist ... das werden wir bald sehen, sehr bald. Denn die Akteure stehen bereit, ein- und auszusteigen, es muss nur das Signal erfolgen.
Auch Öl und Euro/Dollar stehen am Scheidepunkt
Solche potenziellen Scheidepunkte der Börsen sind besonders dann bedeutend, wenn sie gleich von mehreren Märkten zugleich erreicht werden. Heute oder spätestens am Montag wird für den Dax, aber auch für Euro/US-Dollar und Rohöl die Entscheidung fallen, ob die bisherige Aufwärtsbewegung sich nun – und dann noch einmal intensiviert – fortsetzt oder die Kurse in eine Korrektur einschwenken, die möglicherweise beeindruckende Ausmaße annehmen kann.
Dabei sind Euro/Dollar und das Öl, gestern beide noch abwartend, natürlich wichtige Vorgaben. Markiert der Euro neue Hochs und/oder bricht der Ölpreis in Richtung neuer Jahreshochs aus, erhöht sich die Belastung für die Aktienmärkte. Denn die sehen durchaus nicht so ungetrübt positiv aus, wie man angesichts neuer Höchststände meinen könnte.
Das kann sich, wie gesagt, binnen weniger Tage, ja Stunden ändern. Entweder, die Rallye schaltet in den höchsten Gang und wird zur Euphorie-Hausse, in der nach oben alles möglich ist ... oder eine Unmenge an Akteuren wird auf dem falschen, bullishen Fuß erwischt und erlebt das, was – auf einmal – also doch Mumpitz sein soll: Sell in may and go away (mein reden). Aber nicht, weil man die statistisch nicht relevante Größenordnung schwacher Mai-Monate erkannt hat. Nein, einfach, weil es den Bullen jetzt halt nicht in den Kram passt. Ob sich das rächt? Wir werden es bald erfahren.
Wie lange wird noch „ausgeblendet“?
Eines steht wohl außer Frage: Die Rahmenbedingungen sind alles andere als witzig und stehen so den Kursrallyes konträr gegenüber: US-Konjunktur: Flaute (bis auf die GDP-Zahlen, heute geliefert von der US-Regierung, wollen wir wetten?). Inflation dennoch zu hoch. Öl und Benzin steigen, Euro/Dollar steigt, viele Rohstoffe wie Metalle steigen.
Es bleiben die Quartalsergebnisse. Welch ein Jubel. Alles so schön bullish. Sie wissen, ich hatte es ja mehrfach angesprochen, zwischen Ende Januar und Anfang April wurde die erwartete durchschnittliche Gewinnsteigerung von +8,8% auf +3,1% nach unten gedrückt. So fällt es leicht, Erwartungen zu übertreffen und eine heile Welt zu suggerieren. Aber meine Kursberichte über ein paar wenige Unternehmen sind ebenso zwangsläufig lückenhaft wie die Berichterstattung der Medien. Und dort werden natürlich die guten Ergebnisse herausgehoben.
Richtig ist, dass höchstwahrscheinlich dennoch ein Gewinnanstieg von im Schnitt +6% erreicht werden kann. Doch wenngleich das immer noch gut und für die Gesamtlage der Konjunktur sogar höchst respektabel ist, dürfen wir nicht übersehen (auch, wenn man sich das so wünscht), dass diese Gewinnsteigerungen in den Quartalen zuvor immer gut 10-14% gelegen hatten.
Auch an Wall Street rast der Blocker ... und heimlich steigen ein paar aus
Und „gesund“ ist das nicht, was die Investoren dann daraus machen. Sehen Sie sich doch mal amazon.com an, ein wirklich marktbreite, schwergewichtige Aktie. Ja, die Zahlen waren wirklich sehr gut und deutlich über den Erwartungen. Aber DAS zeigt, dass den Investoren jedwedes Maß und alle Vorsicht abhanden zu kommen scheint: Von 45 auf 62,5 Dollar in zwei Tagen - +39%! Und ziehen Sie mal diese vielen Punkte dieses Nasdaq 100-Schwergewichts im Geiste grob ab ... dann sieht der Nasdaq-Index schon klar weniger bullish aus. Die Masse müht sich weiter langsam voran.

Auf der anderen Seite hatte ich am Mittwochabend, nach erstmaligem Break der 13.000 im Dow Jones, nachbörslich bei der Hälfte der Dow Jones Aktien deutliche Abschläge gesehen, die zwischen einem und zwei Drittel der Kursgewinne des Tages lagen. Und das, obwohl die Daten von Apple für gute Stimmung sorgten. Mir scheint, hier reduzieren große Adressen so unauffällig wie möglich ihre Bestände, ohne die Rallye damit beschädigen zu wollen, während die weniger erfahrenen Akteure auf jeden fahrenden Zug aufspringen, als gäbe es morgen keine Aktien mehr. Ein typisches Szenario für die Endphase eines Trends. Aber ob das Ende heute oder in zwei Monaten kommt? Die charttechnische Entscheidung im Dax wird hierzu entscheidend sein, und die ist nicht lange zu verschieben!
Eingekeilte Dax-Kurse bedingen umgehende Entscheidung
Und damit zum Dax-Chart: Sie sehen hier beide aktuell relevanten Trendkanäle eingezeichnet. Zum einen den übergeordneten, längerfristigen Aufwärtstrendkanal seit Anfang 2003. Diesen Kanal hatten wir vergangene Woche mit dem Sprung über 7.200 nach oben verlassen und im Zuge der Mikro-Korrektur letzter Woche auf 7.150 auf Basis der Schlusskurse auch verteidigt. Das ist schon mal gut, aber:
Gemeinhin muss man davon ausgehen, dass ein solches Überschießen zum Antritt neuer Käuferschichten und zur Kapitulation der letzten Baissiers führt - und damit zu noch schneller steigenden Kursen. Doch das blieb bislang aus. Der Dax bewegte sich volatil, aber seitwärts im Bereich von 150 Punkten oberhalb des Trendkanals, ohne sich indes von diesem lösen zu können.

Ein wichtiger, möglicherweise sogar der entscheidende Grund hierfür findet sich im kurzfristigen Juli-2006-Trendkanal. Dessen obere Begrenzung limitierte nämlich den ersten Ausbruch über den langfristigen Kanal – und per gestern nun auch den Befreiungsschlag nach oben, der damit keiner wurde. Dieser kleine Doji kann nun Verschnaufpause oder Endpunkt der kurzfristigen Rallye werden. Es wird auf Öl und Euro, sicher aber auch auf die US-Börsen ankommen, die jedoch gestern ebenfalls wenig dynamisch wirkten.
Klar ist: Chart- und markttechnisch sind wir hinreichend überkauft, um auf diesem Level eine Korrektur zu starten, die dann Intensität und Bedeutung erlangt, wenn der Dax mit Schlusskursen unter 7.200 wieder in den 2003er-Trendkanal zurückfällt. Gelingt aber der Ausbruch nun auch über diesen Juli 2006-Trendkanal, dürfte die Rallye noch einmal so richtig aufdrehen ... in ihre wohl letzte Phase, aber eben mit unbestimmbaren Kurspotenzial nach oben.
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende – bis Montag!
Ronald Gehrt
The Daily Observer
Quelle:Daily Observer Abonnenten
Gruß Moya 


