Dax erlebt das schwärzeste Quartal seit 1959


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Dax erlebt das schwärzeste Quartal seit 1959

 
01.10.02 10:24
Dax erlebt das schwärzeste Quartal seit 1959  

Nur brasilianische Aktien schneiden noch schlechter ab.
Anleger wollen einfach nur raus

Von Thomas Exner
Berlin - Beim Endspiel der Fußball-Weltmeister Anfang Juli hatten die Brasilianer noch die Nase vorn. Jetzt dürfen sich die Deutschen freuen: Ihr Börsenbarometer Dax hat im dritten Quartal wenigstens etwas besser als der brasilianische Leitindex Bovespo abgeschnitten, der seit Juli über 42 Prozent eingebüßt hat. Damit ist dem deutschen Aktienmarkt immerhin die zweifelhafte Ehre des weltweit schlechtesten Börsenplatzes erspart geblieben. Doch auch so ist die Bilanz desaströs genug. Die im Dax zusammengefassten 30 deutschen Top-Werte haben in den vergangenen Monaten im Schnitt 36,5 Prozent an Wert verloren - soviel wie in noch keinem anderen Quartal seit 1970. Weiter zurück ist der erst Mitte der 80er Jahre begründete Dax nicht berechnet. Nimmt man aber die Vorläufer des Dax hinzu, ist es sogar das schwärzeste Quartalsergebnis seit 1959.

Beim Blick auf die Performance der Einzelwerte eröffnet sich ein wahres Gruselkabinett: Gleich neun Dax-Titel haben in den vergangenen drei Monaten mehr als die Hälfte an Wert eingebüßt. Am schlimmsten hat es dabei die Technologietitel Epcos (minus 77,4 Prozent) und Infineon (minus 64,6 Prozent) sowie den ins Gerede gekommenen Finanzdienstleister MLP (minus 73,9 Prozent) erwischt. Aber auch der Kurs des Versicherungsgiganten Allianz ist um beinahe 65 Prozent eingebrochen. Und vielen anderen Finanztiteln geht es kaum besser. Die Deutsche Telekom - übrigens der beste Dax-Wert im dritten Quartal - erscheint da mit einem Abschlag von 7,2 Prozent fast schon wie ein Hort der Stabilität.

"Der Dax setzt sich eben überwiegend aus den besonders gebeutelten Sektoren Technologie und Finanzen zusammen", erklärt Gertrud Traud, Leiterin Aktienstrategie bei der Bankgesellschaft Berlin, das katastrophale Erscheinungsbild der deutschen Börse. "Defensive Papiere wie Öl- und Nahrungsmittelwerte, die anderen Indizes eine gewisse Stütze geben, fehlen dagegen völlig. Der Dax ist ein ungefederter Gradmesser für das Platzen der Aktienblase." Andere Faktoren, wie das für die Märkte enttäuschende Wahlergebnis oder die ausgeprägte Wachstumsschwäche Deutschlands, spielen nach Einschätzung der meisten Experten dagegen nur eine untergeordnete Rolle.

Tatsächlich präsentieren sich auch die übrigen Weltbörsen in extrem schlechter Verfassung, auch wenn die prozentualen Verluste niedriger sind. So hat der S&P-500 im dritten Quartal fast 18 Prozent an Wert verloren. Dies ist trotz des vergleichsweise noch starken US-Wirtschaftswachstums das zweitschlechteste Quartal seit 1970. "Über die Märkte hat sich ein wahrer Gift-Cocktail aus stark eingetrübten Konjunkturaussichten, enttäuschenden Unternehmensgewinnen, Kriegsangst und steigendem Ölpreis ergossen", beschreibt Reinhard Pfingsten, Leiter europäische Aktienfonds bei der Deka, das explosive Gemisch, das für den Einbruch der Börsen verantwortlich ist. "Zudem haben die Zwangsliquidationen institutioneller Investoren ein noch nie dagewesenes Ausmaß angenommen."

Allein mit ökonomischen Daten und einer rationalen Verkaufsmechanik ist der beispiellose Kursverfall jedoch längst nicht mehr zu erklären. "Es regiert schlicht die Angst", so Martin Roth, Leiter Marktstrategie Europa bei der Dresdner Bank. "Angst, etwas falsch zu machen. Angst vor der Aktie selbst." Jede zwischenzeitliche Kurserholung werde genutzt, um aus den Risikopapieren herauszugehen. "Die Geduld vieler Anleger ist schlicht am Ende", so ein Frankfurter Händler.

Doch die Strategen sehen nach dem traditionell ohnehin schwierigen dritten Quartal auch ein paar Hoffnungszeichen: die steigende Zahl von Insiderkäufen in den USA und die wachsende Kaufkraft der Amerikaner durch die Umschuldung von Hypothekenkrediten. Auch die zeitweise Lockerung der Maastricht-Verschuldungskriterien gilt als positives Signal. Roth: "Und wenn die Initialzündung erst einmal da ist, dann setzt am Aktienmarkt auch ein Selbstheilungsprozess ein."
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