Experten rechnen nicht mit Erholung
Dax-Ausblick: Katerstimmung hält an
Nach der rasanten Talfahrt der Aktienmärkte in den vergangenen Tagen mahnen Anlageexperten zur Zurückhaltung. Eine deutliche Erholung des Dax sei für die kommende Woche noch nicht in Sicht, sagen sie.
HB FRANKFURT. In dieser Woche hat der wichtigste deutsche Börsenindex vier Prozent an Wert verloren, seit seinem in der Vorwoche erreichten Höchststand bei 6 162 Punkten ist er um acht Prozent gefallen. Zwar hatten Aktienstrategen bereits seit geraumer Zeit vor einer Korrektur gewarnt. Prognosen, die einen Rückgang um zehn Prozent vorhersagten, lagen dabei recht nahe an der Realität. Der rasche und heftige Kursverfall zum jetzigen Zeitpunkt hatte viele Beobachter dennoch kalt erwischt.
Bei der Suche nach den Ursachen wird zum einen die Angst vor weiter steigenden Zinsen in den USA genannt. Sie habe die Anleger verunsichert und zu Aktienverkäufen getrieben. Weiterer Grund: US-Investoren zogen Mittel aus Europa ab; der Markt leide unter dem Liquiditätsabzug. Marktstrategen beobachten im deutschen Markt massive Gewinnmitnahmen auch anderer ausländischer Anleger bereits seit zwei Wochen, nachdem der Dax auf Dollar-Basis ein neues Allzeit-Hoch erreicht hatte. Zahlreiche US-Broker hatten den Rückzug empfohlen: Große Häuser, zum Beispiel Citigroup und Morgan Stanley, hatten zum Ausstieg, Verkauf oder Untergewichten europäischer Papiere geraten.
Als problematisch sehen einige Marktstrategen, dass gerade die strategischen Langfrist- Investoren darauf reagiert haben, die schon seit 2003 und 2004 in Europa investiert waren. Mit ihrem Rückzug verlasse "ein stabilisierendes Element" den Markt. Dass bislang niemand dagegenhielt, beunruhigt viele Börsenexperten. So verpufften etwa gute Einzelnachrichten aus Unternehmen. Besorgt sind Beobachter auch, weil auf den Einbruch dieses Mal keine Gegenbewegung folgte.
Der gleichzeitige und gleichartige Kursverfall signalisiert zudem eine Korrektur des Gesamtmarktes. Die meisten Werte fielen ohne erkennbare Ursachen in ihren Branchen, der Nachrichtenlage oder der Titelqualität. Anleger mussten erfahren, dass Risiko minimierende Diversifikationsstrategien in den Portfolios nicht mehr funktionierten. Der Umfang der Gewinnmitnahmen enthüllte sich vor allem in den Nebenwerte-Indizes. "Wenn Dax-Werte drei Prozent verloren, haben die MDax-Titel im Schnitt vier oder fünf Prozent abgegeben - im SDax waren es dann aber sechs bis acht Prozent", sagt ein Händler. Am Ende der laufenden Woche habe der SDax dann sogar den Dax "subventioniert": Auch Inländer hätten ihre SDax- und MDax-Engagements verkauft, um damit "in die Qualität zu flüchten" - sprich: Dax-Titel zu kaufen. Dies habe den Leitindex stabilisiert.
Technische Analysten sehen den Dax nun geschwächt. "Die Indices der Aktienmärkte haben durch diesen starken Kursrückgang erheblichen Schaden erlitten", meinen zum Beispiel die Experten des Stuttgarter Bankhauses Ellwanger & Geiger. In ihrer aktuellen "Marktmeinung aus Stuttgart" schreiben die Aktienstrategen: "Der Dax ist durch zwei Unterstützungslinien durchgefallen und liegt nun kurz vor der nächsten Unterstützungslinie, die bei 5580 Punkten liegt. Allerdings sind die Indikatoren inzwischen alle unten, so dass eine kurzfristige Gegenbewegung wahrscheinlich ist." Ähnliche Tendenzen beobachten die Stuttgarter auch bei den internationalen Indizes.
"Entscheidend wird sein, ob nun noch neues Geld in den Markt kommt, oder ob die Investoren sich jetzt damit beschäftigen, bei der guten Entwicklung von Jahresbeginn an die Gewinne mit zu nehmen", meinen die Experten. Sie rechnen nun zunächst mit einer Gegenbewegung, da die Kursrückgänge "eindeutig" übertrieben gewesen seien. Es sei aber nicht auszuschließen, dass der Dax dann einen Rückgang bis zu 5 550 Punkten verzeichnen werde.
"Die Hängepartie des Dax könnte sich über den ganzen Sommer ziehen", meint auch Aktienstratege Günter Senftleben von der Bankgesellschaft Berlin, "erst für den Spätsommer rechne ich wieder mit einer Aufwärtsbewegung. Das Schlimmste sollte zwar vorbei sein, aber es gibt weiterhin etwas Korrekturbedarf." Auch sein Kollege Michael Köhler von der Landesbank Rheinland-Pfalz bleibt trotz der jüngsten Beruhigung der Märkte vorsichtig: "Ich traue dem Frieden noch nicht ganz." Der Markt dürfte anfällig für Schwankungen bleiben. Nach Einschätzung von Rolf Elgeti von ABN Amro werden aber einige Investoren die Schwäche zum Wiedereinstieg nutzen. "Der größte Verkaufsdruck dürfte erstmal vorbei sein. Der Dax könnte sich stabilisieren, aber genauso gut könnte er auch nochmal rutschen."
Obwohl die Experten nicht mit einer baldigen deutlichen Erholung des Dax rechnen, sind einige von ihnen auf längere Sicht optimistisch. "Fundamental sieht alles prima aus: Die Unternehmensgewinne sind gut, und die US-Wirtschaft scheint auch in einer stabilen Verfassung zu sein", stellt Ralf Grönemeyer von der Commerzbank fest. Aber nur ein positiver Auslöser könnte in der nächsten Zeit beim Dax für einen deutlichen Schub nach oben sorgen. Sollte etwa die Angst vor weiteren Zinserhöhungen nachlassen, würde der Aktienmarkt davon profitieren. "Außerdem sind die Märkte günstig bewertet", sagt Grönemeyer. ABN-Amro-Stratege Elgeti lobt ebenfalls das gute Umfeld für den Markt. "Ich mache mir wegen der Kursverluste keine Sorgen. Aktien muss man nach wie vor haben. Zum Jahresende dürften die Kurse wieder deutlich höher stehen."
Die Börsianer dürften in der kommenden Woche Konjunkturdaten vor allem danach abklopfen, ob sie Anzeichen auf weiter steigende Zinsen liefern oder nicht. "Die Blickrichtung am Markt hat sich etwas verschoben: von den Unternehmenszahlen hin zu den Zinserwartungen", sagt Senftleben. Am Donnerstag wird die zweite Schätzung zum US-Bruttoinlandsprodukt erwartet, einen Tag später stehen die persönlichen Einkommen und Konsumausgaben an. Am Mittwoch zeigt dann der Ifo-Geschäftsklimaindex, wie die Stimmung unter den deutschen Unternehmen ist. Bereits der ZEW-Indikator war in dieser Woche stärker als erwartet gesunken.
Quelle: HANDELSBLATT, Samstag, 20. Mai 2006, 10:15 Uhr
Euch,
Einsamer Samariter
Dax-Ausblick: Katerstimmung hält an
Nach der rasanten Talfahrt der Aktienmärkte in den vergangenen Tagen mahnen Anlageexperten zur Zurückhaltung. Eine deutliche Erholung des Dax sei für die kommende Woche noch nicht in Sicht, sagen sie.
HB FRANKFURT. In dieser Woche hat der wichtigste deutsche Börsenindex vier Prozent an Wert verloren, seit seinem in der Vorwoche erreichten Höchststand bei 6 162 Punkten ist er um acht Prozent gefallen. Zwar hatten Aktienstrategen bereits seit geraumer Zeit vor einer Korrektur gewarnt. Prognosen, die einen Rückgang um zehn Prozent vorhersagten, lagen dabei recht nahe an der Realität. Der rasche und heftige Kursverfall zum jetzigen Zeitpunkt hatte viele Beobachter dennoch kalt erwischt.
Bei der Suche nach den Ursachen wird zum einen die Angst vor weiter steigenden Zinsen in den USA genannt. Sie habe die Anleger verunsichert und zu Aktienverkäufen getrieben. Weiterer Grund: US-Investoren zogen Mittel aus Europa ab; der Markt leide unter dem Liquiditätsabzug. Marktstrategen beobachten im deutschen Markt massive Gewinnmitnahmen auch anderer ausländischer Anleger bereits seit zwei Wochen, nachdem der Dax auf Dollar-Basis ein neues Allzeit-Hoch erreicht hatte. Zahlreiche US-Broker hatten den Rückzug empfohlen: Große Häuser, zum Beispiel Citigroup und Morgan Stanley, hatten zum Ausstieg, Verkauf oder Untergewichten europäischer Papiere geraten.
Als problematisch sehen einige Marktstrategen, dass gerade die strategischen Langfrist- Investoren darauf reagiert haben, die schon seit 2003 und 2004 in Europa investiert waren. Mit ihrem Rückzug verlasse "ein stabilisierendes Element" den Markt. Dass bislang niemand dagegenhielt, beunruhigt viele Börsenexperten. So verpufften etwa gute Einzelnachrichten aus Unternehmen. Besorgt sind Beobachter auch, weil auf den Einbruch dieses Mal keine Gegenbewegung folgte.
Der gleichzeitige und gleichartige Kursverfall signalisiert zudem eine Korrektur des Gesamtmarktes. Die meisten Werte fielen ohne erkennbare Ursachen in ihren Branchen, der Nachrichtenlage oder der Titelqualität. Anleger mussten erfahren, dass Risiko minimierende Diversifikationsstrategien in den Portfolios nicht mehr funktionierten. Der Umfang der Gewinnmitnahmen enthüllte sich vor allem in den Nebenwerte-Indizes. "Wenn Dax-Werte drei Prozent verloren, haben die MDax-Titel im Schnitt vier oder fünf Prozent abgegeben - im SDax waren es dann aber sechs bis acht Prozent", sagt ein Händler. Am Ende der laufenden Woche habe der SDax dann sogar den Dax "subventioniert": Auch Inländer hätten ihre SDax- und MDax-Engagements verkauft, um damit "in die Qualität zu flüchten" - sprich: Dax-Titel zu kaufen. Dies habe den Leitindex stabilisiert.
Technische Analysten sehen den Dax nun geschwächt. "Die Indices der Aktienmärkte haben durch diesen starken Kursrückgang erheblichen Schaden erlitten", meinen zum Beispiel die Experten des Stuttgarter Bankhauses Ellwanger & Geiger. In ihrer aktuellen "Marktmeinung aus Stuttgart" schreiben die Aktienstrategen: "Der Dax ist durch zwei Unterstützungslinien durchgefallen und liegt nun kurz vor der nächsten Unterstützungslinie, die bei 5580 Punkten liegt. Allerdings sind die Indikatoren inzwischen alle unten, so dass eine kurzfristige Gegenbewegung wahrscheinlich ist." Ähnliche Tendenzen beobachten die Stuttgarter auch bei den internationalen Indizes.
"Entscheidend wird sein, ob nun noch neues Geld in den Markt kommt, oder ob die Investoren sich jetzt damit beschäftigen, bei der guten Entwicklung von Jahresbeginn an die Gewinne mit zu nehmen", meinen die Experten. Sie rechnen nun zunächst mit einer Gegenbewegung, da die Kursrückgänge "eindeutig" übertrieben gewesen seien. Es sei aber nicht auszuschließen, dass der Dax dann einen Rückgang bis zu 5 550 Punkten verzeichnen werde.
"Die Hängepartie des Dax könnte sich über den ganzen Sommer ziehen", meint auch Aktienstratege Günter Senftleben von der Bankgesellschaft Berlin, "erst für den Spätsommer rechne ich wieder mit einer Aufwärtsbewegung. Das Schlimmste sollte zwar vorbei sein, aber es gibt weiterhin etwas Korrekturbedarf." Auch sein Kollege Michael Köhler von der Landesbank Rheinland-Pfalz bleibt trotz der jüngsten Beruhigung der Märkte vorsichtig: "Ich traue dem Frieden noch nicht ganz." Der Markt dürfte anfällig für Schwankungen bleiben. Nach Einschätzung von Rolf Elgeti von ABN Amro werden aber einige Investoren die Schwäche zum Wiedereinstieg nutzen. "Der größte Verkaufsdruck dürfte erstmal vorbei sein. Der Dax könnte sich stabilisieren, aber genauso gut könnte er auch nochmal rutschen."
Obwohl die Experten nicht mit einer baldigen deutlichen Erholung des Dax rechnen, sind einige von ihnen auf längere Sicht optimistisch. "Fundamental sieht alles prima aus: Die Unternehmensgewinne sind gut, und die US-Wirtschaft scheint auch in einer stabilen Verfassung zu sein", stellt Ralf Grönemeyer von der Commerzbank fest. Aber nur ein positiver Auslöser könnte in der nächsten Zeit beim Dax für einen deutlichen Schub nach oben sorgen. Sollte etwa die Angst vor weiteren Zinserhöhungen nachlassen, würde der Aktienmarkt davon profitieren. "Außerdem sind die Märkte günstig bewertet", sagt Grönemeyer. ABN-Amro-Stratege Elgeti lobt ebenfalls das gute Umfeld für den Markt. "Ich mache mir wegen der Kursverluste keine Sorgen. Aktien muss man nach wie vor haben. Zum Jahresende dürften die Kurse wieder deutlich höher stehen."
Die Börsianer dürften in der kommenden Woche Konjunkturdaten vor allem danach abklopfen, ob sie Anzeichen auf weiter steigende Zinsen liefern oder nicht. "Die Blickrichtung am Markt hat sich etwas verschoben: von den Unternehmenszahlen hin zu den Zinserwartungen", sagt Senftleben. Am Donnerstag wird die zweite Schätzung zum US-Bruttoinlandsprodukt erwartet, einen Tag später stehen die persönlichen Einkommen und Konsumausgaben an. Am Mittwoch zeigt dann der Ifo-Geschäftsklimaindex, wie die Stimmung unter den deutschen Unternehmen ist. Bereits der ZEW-Indikator war in dieser Woche stärker als erwartet gesunken.
Quelle: HANDELSBLATT, Samstag, 20. Mai 2006, 10:15 Uhr
Euch,
Einsamer Samariter
Werbung