Das Märchen von der Finanz-Alchemie


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Nassie:

Das Märchen von der Finanz-Alchemie

 
23.12.02 15:50
Das Kapital: Wie Finanz-Alchemie bestraft wurde - ein Märchen

In den alten Zeiten, als es noch einfach war, eine Sache zu bewerten, lebte ein Herzog. Er hatte zwei Söhne. Der ältere war einfältig und faul, der jüngere klug und voller Tatendrang.

Als nun der Herzog sein Ende nahen fühlte, rief er den uralten Hofzauberer zu sich und sprach: "Ich will meinem älteren Sohn das Erstgeburtsrecht abkaufen." Der Zauberer, von dem die Leute munkelten, er könne Blei zu Gold machen, hatte seinen Ruf vor einem Menschenalter begründet. Die Zeiten waren damals so schlecht, dass die Bürger keine althergebrachten Staatsobligationen mehr kaufen wollten. Da hatte der Zauberer Anteilsscheine am Herzogtum erfunden und den Käufern einen Anteil am Zuwachs des Staatsschatzes versprochen. Als dann die Untertanen auch noch von den Sterndeutern hörten, dass es mit dem Herzogtum steil bergauf gehen sollte, rissen sie dem Zauberer die Scheine aus der Hand. Der Vater des Herzogs hatte das viele Gold klug angelegt. So erfüllte sich die Prophezeiung, und alle waren zufrieden, nicht zuletzt der Zauberer, der sich als kleine Gunst den zehnten Teil der Scheine ausbedungen hatte. Diese hatte er dann teuer verkauft und auch den Sterndeutern ihren verdienten Lohn zukommen lassen.

Gerade als der Zauberer zum Sprechen anhob, klopfte es. Zwei Gelehrte aus dem fernen Land Oekonomika standen vor der Tür. Seltsam waren sie anzusehen, denn Franciscus Modiglianius und Mertonus Molitor, in seiner Heimat Miller genannt, hatten weder Bart noch Zauberstab. Ungeduldig befahl ihnen der Herzog zu warten, während der Zauberer sprach: "Die Lösung ist einfach, mein Gebieter. Ihr verkauft in den nächsten Jahren beständig Anteilsscheine. Mit den Erlösen bezahlt Ihr höhere Ausschüttungen als bisher. Jedes Kind weiß, dass man die Scheine nach ihrer Rendite bewertet. Eure Untertanen waren stets bereit, gut das 20fache der Ausschüttung zu zahlen. Verdoppelt Ihr die, so verdoppelt sich der Preis der Scheine, und es wird also ein Leichtes, genug Gold für Euren Ältesten zu erhalten."



Der Rat von Modiglianius & Miller


Da begannen die Gelehrten laut zu lachen. "Herzog", fragte der eine "wie wäre es, wenn Ihr Euer Land in zwei Hälften teilt? Bekämet Ihr dann insgesamt das Doppelte für das Herzogtum, wenn Ihr sie getrennt verkauftet?" "Wohl kaum", antwortete der nach kurzem Zögern. "Seht Ihr", sprach der Zweite, "und genauso ist es, wenn Ihr Anteile an Euren zukünftigen Einnahmen begebt. Die Besitzer der Anteilscheine würden schnell verstehen, dass ihre Ansprüche mit jedem neu gedruckten Papier schrumpfen. Die jährlichen Ausschüttungen wären gerade genug, um für den Wertverfall der alten Scheine zu entschädigen. Ihr könnt den Wert des Herzogtums nicht steigern, indem Ihr nur Eure Einnahmen neu verteilt."


Da sprang der Zauberer zornig auf: "Meine Alchemie soll irrelevant sein? Ich will Euch zeigen, was Zauberei bewirken kann." Und er verwandelte die beiden in Schokobonbons. Dann sprach er zum Herzog: "Diese beiden so genannten Gelehrten haben einiges übersehen. Ihr wisst besser als Eure Untertanen, wie es um das Herzogtum bestellt ist. Mit höheren Ausschüttungen sendet Ihr ein Signal der Zuversicht, das auch die Wahrsager zu deuten wissen. So das nicht reicht, können Obligationen Abhilfe schaffen. Denn vergesst nicht, dass unser allerhöchster Herr, der Kaiser, die Abgaben nur vom Schatz einhebt, der nach Bedienung der Schulden übrig bleibt. Verkauft Ihr also zusätzlich Obligationen, so sinken Eure Steuern."


Was der Zauberer sagte, klang verlockend. Aber plötzlich dünkte dem Herzog, dass sich der Wert einer Sache so einfach nicht steigern ließe. "Beantwortet mir eine Frage", sagte er. "Antwortet Ihr wahrhaftig, will ich Euch folgen. Ansonsten aber möget Ihr in Rauch aufgehen." Er hielt kurz inne: "Wohl mögen höhere Ausschüttungen meinen Untertanen Sand in die Augen streuen. Aber wie lange? Mein Sohn hätte es schwer, die einmal betrogenen Anleger wieder zu überzeugen. Da scheinen Schulden vernünftiger, weil sie die Steuerlast mindern. Aber können Schulden nicht auch zu einer untragbaren Last werden?" Der Zauberer strich sich nachdenklich den Bart. Im Stillen dachte er bereits an die Gebühren aus der Beratung des Sohnes. Dem Herzog aber erwiderte er: "Das ist natürlich ein Nachteil, der mir indes als das geringste Übel erscheint."



Warnung aus Oekonomika


Da hörte man einen gewaltigen Donnerschall. Der Zauberer ging in Rauch auf, und als sich dieser gelichtet hatte, standen nur noch die beiden verdutzen Gelehrten vor dem Herzog. "Wisst Ihr die Antwort?", fragte der. "Nun, wenn Euer jüngerer Sohn jedes Jahr Zinsen bezahlen muss, so wird er sich umso mehr anstrengen, damit Euer Herzogtum gedeiht", sprach der eine. "Und vergesst nicht", fuhr der Zweite fort, "welche Unruhe ins Land käme, wenn er die Schuldverschreibungen einmal nicht bedienen kann. Zwar hat der Zauberer Recht mit Blick auf die Steuern. Aber bedenket, dass die Anteilseigner bei schlechter Ernte leer ausgehen werden." "Da habt Ihr wohl Recht", erwiderte der Herzog. "Doch kommt es mir entgegen, wenn die Schulden den Übermut des Jüngeren bändigen helfen."


Und so wurde zum ersten - und auf lange Zeit einzigen - Male die Warnung aus Oekonomika vor einfachen Lösungen gehört. Den Schatz des Zauberers aber beschlagnahmte ein spitzer Generalstaatsanwalt, denn von nun an sollte sich nur noch uneigennütziger Rat lohnen. Modiglianius und Molitor hingegen erhielten für ihre Ehrlichkeit einen Wagen voll Schokobonbons - die wir in Erinnerung an die klugen Gelehrten bis heute noch M&Ms oder auch Smarties nennen.

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