Zeile für Zeile hatten die Delegierten des UN-Klimarates über Formulierungen und Einzelheiten ihres Kliamberichtes gestritten. Doch jetzt sind die 400 Abgesandten aus über 100 Nationen zufrieden. Und sie machten klar: Der „verbrauchende Lebensstil" im Westen muss sich ändern.
Nach viertägigen, teils hitzigen Verhandlungen hat der UN-Klimarat IPCC in Bangkok seinen mit Spannung erwarteten Bericht zu Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung vorgelegt. Nach dem UN-Klimarat würden sich die Kosten jetzt noch in Grenzen halten, um die Welt vor einer Klimakatastrophe zu bewahren. Die Folgen von Nichtstun kämen ungleich teurer zu stehen, warnt der Bericht, der Regierungen als Arbeitspapier dienen wird, wie die Erderwärmung und der Ausstoß von Treibhausgasen mittels bestehender Technologien und Maßnahmen zu stabilisieren seien. Im Falle von Nichtstun drohen laut Klimaexperten der Anstieg der Meeresspiegel, die Überschwemmung ganzer Nationen,
Die rund 400 Delegierten aus über 100 Nationen hatten gestern bis 04.30 Uhr früh um die Schlussfassung des „verblüffenden, brillanten" Berichts gerungen, so der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri. Man stritt Zeile für Zeile um Formulierungen und technische Einzelheiten, bis Regierungsvertreter das Dokument absegneten, das die Arbeiten von rund 2000 Klimaforschern zu einem Handbuch für Entscheidungsträger zusammenfasst.
Der Kampf gegen Klimawandel wird nach dem Bericht in Städten entschieden, die 80 Prozent der Ressourcen verbrauchen würden. Regierungen wird der Umstieg auf erneuerbare Energien wie Solar-, Wind- und Wasserstrom sowie die Erhebung von Sondersteuern empfohlen, um den Verbrauch von fossilen Brennstoffen einzuschränken. Finanzanreize sollen erneuerbare Energien verbilligen. Das wichtigste Treibhausgas Kohlendioxid soll unterirdisch eingelagert werden und es wird größerer Verlass auf Atomstrom nahegelegt, ohne diesen damit als Maßnahme gegen den Ausstoß von Treibhausgasen gutzuheißen. Der Bericht bemerkt, dass die „Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und Endlagerung" problematisch blieben.
Die Erderwärmung zu bremsen, so der Bericht überdies, beginne auch beim Einzelnen: Der „verbrauchende Lebensstil" im Westen habe sich zu ändern und im nächsten Jahrhundert müsse der Mensch komplett auf neue Energiequellen umgestellt haben, die keinen Einfluss auf das Klima hätten.
Um das Klima zu stabilisieren, habe der Kohlendioxidausstoß in acht Jahren zu gipfeln und anschließend um 50-85 Prozent auf das Niveau von 2000 gesenkt zu werden, um den globalen Temperaturanstieg bei maximal 2,4 Grad zu halten. Temperaturen darüber, so der Bericht, würden extreme Wetterveränderungen auslösen. Nach der düstersten IPCC-Prognose könne sich der Kohlendioxidausstoß bis ins Jahr 2090 mehr als verdoppeln, was einem Temperaturanstieg von bis zu 6,1 Prozent gleichkäme. Zentraleuropa würde zu Südeuropa, die meisten hochalpinen Gletschergebiete wären Geschichte.
Nach dem jetzt vorgelegten Grundsatzpapier wären die Kosten für die Rettung des Planeten vergleichsweise bescheiden mit etwa 0,1 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts, um die Klimaerwärmung unter der kritischen Grenze von rund zwei Grad zu stabilisieren. Überschwemmungen, Dürren, Epidemien und Flüchtlingsströme kämen nach Experten unverhältnismäßig teurer zu stehen.
Auch China und USA lenkten ein
Die beiden größten Verschmutzer des Erdballs, die USA und China, hatten sich anfänglich gegen „unrealistische" Maßnahmen gedrückt, die das Wirtschaftswachstum drücken würden, während die EU und Umweltgruppen auf härtere Richtlinien pochten. China beispielsweise hatte „massiv versucht, eine klare Begrenzung des weltweit erlaubten Treibhausgasausstoßes zu verhindern", sagte Michael Müller, der Staatssekretär im Bundesumweltministerium. „Nicht wenige Staaten versuchten, sich hinter der Position Chinas zu verstecken."
China drängte auch, den Kohlendioxidausstoß seit dem Jahr 1750 als relevant zu erachten – und nicht erst seit 1970. Eine Spitzfindigkeit, die der industrialisierten Welt eine größere Verantwortung für die Lösung des Klimaproblems aufbürden würde.
Schließlich hat der Klimarat ein ausgewogenes Kompromisspapier verabschiedet, das nicht gleich zu Kontroversen führen wird wie damals das von den Amerikanern boykottierte Kyoto-Protokoll. Doch nicht alle Delegationen verließen den Bangkoker Klimagipfel einer Meinung. Man ist weit von einem Konsensus entfernt, wer konkret wie konkret für die Stabilisierung des Klimas verantwortlich sei, obwohl der Bericht klar festhält, dass die reiche industrialisierte Welt 75 Prozent der Treibhausgasemissionen verursache.
Klimaforschung ist überdies eine relativ junge Wissenschaft. Experten haben sich noch kein klares Bild über die hochkomplexen Zusammenhänge zwischen natürlichen und menschgemachten Faktoren und Klimawandel verschaffen können.
Der Bericht geht auch von vielen Unbekannten aus und gibt zu, dass es in der Wissenschaft zu Klimawandel „noch viele Wissenslücken" gebe. „Ungewissheit ist eine angeborene Eigenschaft von jeder Einschätzung."
China zum Beispiel hält einen Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre von 640 Teilen pro Million (ppm) für unbedenklich, was Umweltgruppen als „veraltete Wissenschaft" verwerfen. Sie warnen vor bereits schlimmen Folgen, sollte der heutige Wert von 400 ppm bis ins Jahr 2030 auf 550 ppm ansteigen, wie dies der UN-Klimarat als „ehrgeiziges, machbares" Ziel erachtet. 640 ppm, so Umweltgruppen, hätten katastrophale Folgen.
Laut dem Bericht würde eine Stabilisierung der Kohlendioxidwerte zwischen 590-710 ppm im Jahr 2030 0,06 Prozent des durchschnittlichen Bruttoinlandprodukts kosten, während ein Wert von 445-535 ppm das Doppelte kosten würde, 0,12 Prozent des BIP. „Das ist nicht nur machbar, sondern auch bezahlbar", sagt Hans Verolme, der Klimabeauftragte des WWF. „0,1 Prozent, das ist nichts."
„So oder so, wir werden für Klimawandel zahlen müssen", sagt der US-Delegierte Stephen Schneider von der kalifornischen Stanford Universität. Es gehe jetzt lediglich um das „Abwägen von Kosten und Ertrag", um die Klimakatastrophe abzuwenden.
Der Klimabericht wird das Referenzpapier für Klimagespräche im Juni beim G8-Gipfel an der deutschen Ostsee sein und bei den Kyoto-Nachfolgeverhandlungen im Dezember in Bali.