Das Ende der Kirch-Saga


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Das Ende der Kirch-Saga

 
09.04.02 06:46
Aus der FTD vom 9.4.2002 www.ftd.de/kirch
Das Ende der Kirch-Saga
Von Günter Heismann, Frankfurt, und Thomas Clark, Hamburg

Der Insolvenzantrag und der Abschiedsbrief von Leo Kirch markieren die größte deutsche Firmenpleite seit 1945. Banken und Gesellschafter hätten das Desaster leicht verhindern können. Trotzdem nahm die Katastrophe in den letzten Tagen und Wochen ihren Lauf.

Der Manager hastet zum Münchner Flughafen - doch die Eile ist vergebens. Der Flug, den Dietrich Wolf nach Los Angeles gebucht hat, wird verschoben. Wolf muss in München bleiben. Und so kann das Vorstandsmitglied der Bayerischen Landesbank nur per Telefon an der Gläubigerkonferenz teilnehmen, zu der Medientycoon Rupert Murdoch nach Kalifornien gebeten hat. Dabei wird dort beratschlagt werden, wie die in höchster Lebensgefahr schwebende Unternehmensgruppe des Leo Kirch doch noch gerettet werden könnte, und die ungünstigen Verträge mit den Filmstudios in Hollywood spielen da eine große Rolle.

Doch Wolf, Vertreter einer der größten Gläubiger, bekommt schlicht keinen Flieger. Die Situation ist bezeichnend für die monatelange Agonie, die dem Untergang des Kirch-Imperiums vorausging. Chaos, Hektik, schlechte Planung und Mangel an jeder überzeugenden Strategie kennzeichneten die Rettungsversuche der Banken. Und das nicht erst in den letzten Monaten, sondern seit Jahren, in denen führende Institute nach Kräften mit einer verfehlten Kreditpolitik zum steilen Aufstieg wie zum jähen Absturz der Kirch-Gruppe beigetragen haben. Und der mit dem Insolvenzantrag am Montag nun seinen Schlusspunkt fand - dabei wäre selbst vor wenigen Tagen das Desaster noch zu vermeiden gewesen.



Größenwahnsinnige Banker


Jahrelang zählte etwa die Frankfurter DG Bank, das Spitzeninstitut der deutschen Genossenschaften, zu den wichtigsten Financiers von Leo Kirch. Mit dem Firmengründer verband den einstigen DG-Bank-Chef Bernd Thiemann vor allem eins: der wahnhafte Ehrgeiz, zu den Größten seiner Branche aufzusteigen.


Politische Motive hatte hingegen das Engagement der Bayerischen Landesbank, die Kirch insgesamt 1,9 Mrd. Euro geliehen hat. Das halbstaatliche Institut stand unter anhaltendem Druck der bayerischen Regierung, die in der Förderung des Medienunternehmens Kirch einen Eckstein ihrer Standortpolitik sah.


Zu den wenigen Banken, die bei Kirch Vernunft walten ließen, gehörte die Deutsche Bank. Sie ließ sich für ihre Darlehen eine handfeste Sicherheit geben: das Aktienpaket von 40 Prozent, das Kirch an dem Axel Springer Verlag hält.


Ausgerechnet Deutsche-Bank-Chef Rolf-E. Breuer aber wiederum löste durch unbedachte Sprüche die akute Krise bei Kirch aus.


So weit zu lesen und zu hören sei, tönt Breuer am 4. Februar 2002, sei niemand in der Finanzwelt mehr bereit, dem Unternehmer noch Kredit zu geben. Die Konkurrenten schäumen. Nie zuvor hat der Chef einer Großbank so offen die Bonität eines Kunden in Frage gestellt - und damit die weniger gut abgesicherten Kredite seiner Mitbewerber augenscheinlich bewusst in Gefahr gebracht. Kirch kündigt eine Klage gegen Breuer und die Deutsche Bank an. "Die ist bei uns jedoch nie eingegangen", sagt heute ein Sprecher des Instituts.


Albrecht Schmidt, Vorstandschef des Kirch-Gläubigers HypoVereinsbank, eilt zur Schadensbegrenzung herbei. Am 11. Februar bietet er an, das Springer-Paket der Deutschen Bank für 1,1 Mrd. Euro zu übernehmen; das wären gut 400 Mio. Euro mehr als Kirch der Deutschen Bank schuldet.


Doch es stellt sich heraus, dass noch andere Banken das Springer-Paket als - nachrangige - Sicherheit für ihre Darlehen an Kirch genommen haben, namentlich die BayernLB und die US-Institute Lehman Brothers und JP Morgan. Ihre Forderungen wären großenteils unbefriedigt geblieben, wenn die HypoVereinsbank ihr Angebot wahr gemacht hätte.


So bleibt nichts anderes übrig als einen Generalplan zwischen allen Gläubigerbanken, Leo Kirch und den Minderheitsgesellschaftern des Kernunternehmens Kirch Media zu erarbeiten, darunter Murdoch und die Firmengruppe von Italiens Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi.


Am 24. März treffen Abgesandte von Murdoch in München mit Vertretern der vier Kreditgeber BayernLB, Commerzbank, DZ Bank und HypoVereinsbank zusammen. Die Banken schlagen vor, die Mehrheit an Kirch Media zu übernehmen und zu diesem Zweck den größten Teil der Kapitalerhöhung von mindestens 800 Mio. Euro zu tragen, die zur Rettung von Kirch Media nötig erscheinen. Die Kreditvorstände der Commerzbank und der DZ Bank, Wolfgang Hartmann und Bedo Panner, quartieren sich für eine volle Woche in der bayerischen Hauptstadt ein.


Einen Tag später treffen auch die Vertreter von Berlusconi unter Führung von Claudio Sposito in München ein. Meldungen machen die Runde, dass Leo Kirch zum Rückzug aus seinen Unternehmen bereit sei. Die Banken haben dies zur Conditio sine qua non für jedes weitere Engagement erklärt.


In den kommenden Tagen wird aber klar, dass die Minderheitsgesellschafter selbst die Mehrheit an Kirch Media übernehmen wollen. Die Banken erklären sich bereit, lediglich eine Sperrminorität zu halten, verlangen aber, dass Murdoch & Co. sich im Gegenzug zu etwa 50 Prozent an der Überbrückungsfinanzierung beteiligen, mit der Kirch die nötigsten frischen Mittel erhalten sollte.


Am Gründonnerstag aber, dem 29. März, lehnen das die Minderheitsgesellschafter ab. Die Banken gewinnen jetzt den Eindruck, dass Murdoch und Berlusconi Kirch Media bewusst in den Konkurs treiben wollen, um dann die Filetstücke aus dem Unternehmen schneiden zu können. Die Minderheitsgesellschafter wiederum beklagen sich, dass die Banken selbst nicht wüssten, wie viel Geld Kirch benötigt. "Das Problem war letztlich nicht die Beteiligung an dem Überbrückungskredit", sagt ein Teilnehmer an den Verhandlungen. "Vielmehr herrschte totale Verwirrung, wie hoch dieser Kredit überhaupt sein müsse. Zuerst war von 150 Mio. Euro die Rede, dann von 200 oder 230 Mio. Irgendwann hieß es 300 Mio. Euro und dann sogar 600 Mio. Euro - spätestens da wurde das Ganze lächerlich."


Am 2. April unternimmt Murdoch einen letzten Versuch und lädt die Vertreter der Banken für den kommenden Freitag nach Los Angeles ein. Commerzbank und DZ Bank lehnen es aber ab, an dem Treffen teilzunehmen. Murdoch will nur über die ungünstigen Verträge sprechen, die das Kirch-Unternehmen Premiere mit den Filmstudios in Hollywood geschlossen hat, an der Finanzierung des Abonnentensenders Premiere waren die beiden Institute aber nicht beteiligt, sondern die BayernLB und die HypoVereinsbank.


Da der Kreditchef der BayernLB schon auf dem Münchner Flughafen strandet, nimmt von den vier Gläubigerbanken von Kirch Media nur ein einziger Topmanager persönlich an den Verhandlungen in Los Angeles teil: Dieter Rampl vom Vorstand der HypoVereinsbank.



Destruktive Manager


Zugleich sind die Spitzenmanager von Kirch Media offenbar bereits zur Ansicht gekommen, dass an einer Insolvenz kein Weg mehr vorbeiführt. Anders ist es nicht zu erklären, wie die Kirch-Vertreter die Gesellschafterversammlung scheitern lassen, die parallel zur fernen Murdoch-Konferenz in München stattfindet: In den edel eingerichteten Räumen der Kanzlei Haarmann, Hemmelrath und Partner in der Maximilianstr. 35 treffen am vergangenen Freitag Vertreter von Berlusconi sowie den übrigen Minderheitsgesellschaftern, der Beteiligungsgesellschaft Capital Research, der Investmentbank Lehman Brothers und des Einzelhandelskonzerns Rewe zusammen. Murdoch schaltet sich telefonisch zu. Die Gesellschafter stehen kurz vor einer Einigung über die nötige Kapitalerhöhung. Danach bliebe nur noch die Brückenfinanzierung zu klären.


Doch zur Verblüffung der Anwesenden meldet sich Kirch-Anwalt Ronald Frohne zu Wort: Auf Grund eines Formfehlers seien die Gesellschafterbeschlüsse ohnehin ungültig.


Die Insolvenz wird damit unausweichlich. Am Montag, dem 8. April, treten Vertreter der Firma Kirch Media den Gang zum Münchner Amtsgericht an. Einer sagt: "Dabei ging es zuletzt nur noch um 150 Mio. Euro." Leo Kirch verfasst einen Abschiedsbrief an seine Angestellten. Seine letzten Worte lauten: "Gottes Segen".



© 2002 Financial Times Deutschland

Gruß Zombi
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