Auf Droge
DaimlerChrysler-Chef Schrempp traut den Prognosen seines eigenen US-Sanierers nicht mehr. Nun werfen Banker dem Konzernlenker "bewusste Irreführung" vor.
Der eine sieht schon schwarz, der andere noch schwarze Zahlen. Wenn es gilt, Verwirrung zu stiften, leisten DaimlerChrysler-Boss Jürgen Schrempp und der als Chrysler-Sanierer in die USA gesandte Dieter Zetsche Beachtliches.
Selbst professionelle Beobachter bringt das neuerdings in Rage. Robert Pottmann, Analyst beim Bankhaus M. M. Warburg, beklagt "den Tatbestand einer bewussten Irreführung der Öffentlichkeit". Schlimmer noch: In einer jüngst an die Anleger verschickten Aktienanalyse sieht Pottmann "unser Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Konzernführung erschüttert".
Anlass für den harschen Vorwurf des sonst eher zurückhaltenden Instituts ist ein seltsames Schauspiel rund um den Sanierungsplan für Chrysler, den Schrempp am 26. Februar vergangenen Jahres vorgelegt hatte. Danach sollte bereits im Jahr 2002 der gesamte DaimlerChrysler-Konzern wieder einen operativen Gewinn von 5,5 bis 6,5 Milliarden Euro erwirtschaften. Voraussetzung dafür war vor allem, dass Chrysler keine Verluste mehr macht.
Obwohl das Geschäft in Nordamerika seitdem sehr viel schwieriger geworden ist und die Hersteller hohe Rabatte gewähren müssen, verkündete Chrysler-Chef Zetsche noch am 16. Januar: Er sei "zuversichtlich", in diesem Jahr die Gewinnschwelle, den so genannten Break Even, "erreichen zu können".
Umso überraschender gab der Konzern am 6. Februar bekannt, die Ziele des Sanierungsplans könnten nicht eingehalten werden. Statt eines Gewinns von 5,5 bis 6,5 Milliarden Euro rechne man nur noch mit deutlich über 2,6 Milliarden.
Das "wirtschaftliche Umfeld" sei "erheblich schwieriger geworden", teilte der Konzern nebulös mit. Weitere Erklärungen gab es nicht. Und um die Verwirrung komplett zu machen, beteuerte Chrysler-Chef Zetsche wenige Tage später erneut: "Wir verpflichten uns absolut dazu, 2002 den Break Even zu erreichen."
Warum also wird die Gewinnerwartung des Gesamtkonzerns dann fast halbiert? Die Erklärung ist ebenso schlicht wie peinlich: Zetsche will zwar sein Ziel noch erreichen, doch Schrempp glaubt offenbar nicht mehr daran, dass der das schafft. Hinzu kommen Probleme bei den Nutzfahrzeugen. Deshalb musste der Konzernboss die Prognosen senken.
Die Hauptursache aber, die schwierige Lage bei Chrysler, mag der Erbauer der "Welt AG" nicht nennen. Es wäre ein Eingeständnis dafür, dass die US-Tochter längst zur Gefahr für den gesamten Konzern geworden ist. Schrempp müsste sich fragen lassen, warum er sich nicht wieder von Chrysler trennt, so wie BMW seine Verlusttochter Rover verkauft hat. Lange jedenfalls hält kein Konzern eine derart hohe Kapitalvernichtung durch, wie sie derzeit bei Chrysler stattfindet.
Einschließlich des Sanierungsaufwands verschlang das Unternehmen 2001 über fünf Milliarden Euro. 2002 waren ursprünglich noch einmal Sanierungskosten von einer Milliarde Euro vorgesehen. Doch nun ist mit zusätzlichen Milliarden-Verlusten aus dem Autoverkauf zu rechnen. Insgesamt könnte Chrysler den Konzern 2002 mit einem Verlust von zwei bis drei Milliarden Euro belasten. "Chrysler verbrennt Geld, so schnell kann man nicht gucken", sagt ein Finanzmanager in Stuttgart.
Verantwortlich dafür ist auch die Rabattschlacht auf dem US-Automarkt. Seit General Motors und Ford Nachlässe von über 2000 Dollar pro Fahrzeug gewähren, sitzt Chrysler in der Falle: Gibt man ebenfalls Rabatte, ist die Rückkehr in die Gewinnzone kaum zu schaffen. Ohne Rabatte aber bricht der Absatz so stark ein, dass die Fabriken noch weniger ausgelastet sind und die Kosten pro Fahrzeug steigen.
"Rabatte sind wie eine Droge", sagt Zetsche, "kurzfristig sorgen sie vielleicht dafür, dass man sich gut fühlt, langfristig aber sind sie eine Gefahr."
Doch Chrysler kommt von der Droge nicht los. Derzeit gewährt das Unternehmen bis zu 2500 Dollar Nachlass. Die Folgen sind fatal. Wenn Chrysler in diesem Jahr im Durchschnitt 2000 Dollar runtergehen muss, dann fehlen bei einem Absatz von zwei Millionen Fahrzeugen vier Milliarden Dollar in der Kasse.
Die Reaktionsmöglichkeiten sind begrenzt. Zetsche könnte noch mehr Stellen streichen, aber das würde zunächst nur die Kosten für Abfindungen in die Höhe treiben. Er könnte die Investitionen senken. Aber die wurden, bezogen auf einen Fünf-Jahres-Zeitraum, schon von 42 Milliarden Dollar auf 30,2 Milliarden zusammengestrichen. Weitere Einschnitte gingen zu Lasten der künftigen Modellpalette.
Zetsche kann nur hoffen, dass General Motors und Ford den Preiskrieg beenden. Mitunter aber klingt auch der Sanierungsoptimist schon skeptisch. "Die einzige Sicherheit in unserer Branche", sagt der Chrysler-Boss, "ist die Unsicherheit."
Quelle: Der Spiegel