Corporate Raider
Auf Beutezug im alten Europa
Von Thomas Hillenbrand
Sie sind die Haifische der Kapitalmärkte, nun schwärmen sie nach Europa. US-Raider haben den größten Beutezug seit zwei Jahrzehnten gestartet, die verschuldeten Konzerne des alten Kontinents ziehen sie magisch an. Obwohl das Land als hoffnungslos reformunfähig gilt, stehen auch deutsche Unternehmen auf der Einkaufsliste, besonders Medienfirmen.
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Gekko ist zwar nur eine Filmfigur aus den Achtzigern, doch er spiegelt recht gut das Image wider, das Private-Equity-Firmen haben - jene Kapitalgesellschaften, die nicht börsennotiert sind und mit ihrem eigenen Geld oder dem privater Investoren auf die Jagd gehen. Sie suchen preiswerte Firmen und kaufen diese auf. Nach der Akquisition, in der Fachsprache Buyout genannt, wird das Unternehmen dann entweder saniert oder in appetitliche Stücke zerlegt. Ziel ist es, die Braut so weit aufzuhübschen, dass man sie möglichst bald mit hohem Profit weiterverkaufen kann. Medien und Öffentlichkeit titulieren die Freibeuter der Kapitalmärkte deshalb häufig wenig schmeichelhaft als "Corporate Raider" oder "Sharks".
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The Boys Are Back In Town
Jetzt ist die Branche erwacht. Private-Equity-Granden wie Kohlberg Kravis Roberts (KKR, siehe Kasten), die Carlyle Group aber auch kleinere Investorengruppen sind seit einiger Zeit wieder auf Beutezug. Im Visier haben sie zunehmend Westeuropa. Nach Berechnungen des Finanzdatenanbieters Bloomberg sind die PE-Transaktionen in Europa im Jahr 2002 um 164 Prozent auf 47 Milliarden Dollar angestiegen - das ist ein mehr als doppelt so hoher Zuwachs wie in den USA.
Stephen Peel von der Texas Pacific Group (TPG) sieht die Entwicklung ähnlich: "In den vergangenen zwölf Monaten ist der Anteil von Private Equity am Fusionsgeschäft dramatisch angestiegen, von etwa 5 auf 40 Prozent", sagte er gegenüber der britischen Wirtschaftszeitung "The Business". TPG ist eines von fünf PE-Unternehmen, das sich für Teile der in Großbritannien ansässigen Hotelkette Six Continents interessiert.
Britannica , The Beautiful
Großbritannien war im vergangenen Jahr ein Schwerpunkt der PE-Aktivitäten in Europa. Neben Six Continents sind etwa die Supermarktketten Safeway, Woolworth und Selfridges im Visier der Raider. Aber auch in Deutschland ist die Branche höchst aktiv. Der Medienkonzern Bertelsmann hat unlängst seinen Fachverlag BertelsmannSpringer für gut eine Milliarde Euro an das britische Konsortium Candover/Convent veräußert. Auch beim untergegangenen Kirch-Imperium haben die Freibeuter zugeschlagen. Der Bezahlsender Premiere ging an das Unternehmen Permira. Richtig hingelangt haben PE-Investoren bei lokalen deutschen Kabelgesellschaften wie zum Beispiel der hessischen Iesy. "Die haben sich", so ein Manager eines Kabelanbieters, "praktisch die gesamte Branche unter den Nagel gerissen."
Den bisher größten Coup landete Branchenprimus KKR, als er 2002 den französischen Elektronikkonzern Legrand für 3,63 Milliarden Euro erwarb. Weitere Megadeals sind zu erwarten; derzeit verhandelt Telecom Italia über den Verkauf seiner Telefonbuchsparte Seat Pagina. An den US-Aktivitäten des angeschlagenen niederländischen Einzelhandelsriesen Ahold sollen ebenfalls mehrere Buyout-Spezialisten interessiert sein.
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Dirty Deeds Done Dirt Cheap
Gründe für die hektischen Aktivitäten in Westeuropa gibt es mehrere. Erstens ist die Grundvoraussetzung für eine ungezügelte Shoppingtour vorhanden: Die Branche schwimmt im Geld. Einer Studie der Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers (PwC) zufolge standen PE-Investoren Ende 2001 über 180 Milliarden Dollar zur Verfügung. Alleine KKR soll über eine mit mehr als sechs Milliarden Dollar gefüllte Kriegskasse verfügen.
Zweitens gelten europäische Unternehmen derzeit als sehr billig, nachdem die Börse wie ein Soufflé in sich zusammengefallen ist. Richard Davidson, Europa-Stratege bei der Investmentbank Morgan Stanley, meint, dass teilweise historisch günstige Schnäppchen zu machen sind: "Europas Bewertung ist immer noch sehr attraktiv." Eine Kennzahl, die Davidson für seine Analysen häufig benutzt, ist die Free-Cash-Flow-Rendite. Diese betrug Anfang April fast fünf Prozent. Das entspricht einem Zwanzig-Jahres-Hoch.
Drittens haben viele Unternehmen erhebliche finanzielle Probleme. In den guten Zeiten haben sie sich maßlos verschuldet - jetzt muss dringend frisches Kapital her. Das aber ist derzeit an der Börse kaum zu bekommen. Auch die Banken halten sich mit neuen Krediten zurück. Neuerdings ist die einst geschmähte Private-Equity-Branche deshalb mitunter äußerst willkommen. Denn die Piraten zahlen in bar.
Money Can't Buy Me Love
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Branchenbeobachter glauben, dass es in Westeuropa noch Potenzial für weitere Buyouts gibt. Im Moment sind nach Ansicht von PE-Spezialist Theo Weber von PwC Länder wie Italien, Frankreich oder Spanien interessant, aber auch Skandinavien. Das Image der Branche schätzt Weber nach wie vor als durchwachsen ein: "Vorbehalte wird es immer geben - insbesondere in Deutschland - da ein PE-Haus immer innerhalb eines mittelfristigen Zeitrahmens weiterverkaufen will beziehungsweise muss."
Möglicherweise können die dreistelligen Renditen über das ungute Gefühl hinweghelfen, vom Rest der Welt als räuberisches Subjekt betrachtet zu werden. Oder wie Gordon Gekko sagt: "Wenn Du einen Freund brauchst, schaff Dir einen Hund an."
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