Corporate Raider: Auf Beutezug im alten Europa


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Corporate Raider: Auf Beutezug im alten Europa

 
22.05.03 11:04
URL: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,249705,00.html

Corporate Raider
 
Auf Beutezug im alten Europa

Von Thomas Hillenbrand

Sie sind die Haifische der Kapitalmärkte, nun schwärmen sie nach Europa. US-Raider haben den größten Beutezug seit zwei Jahrzehnten gestartet, die verschuldeten Konzerne des alten Kontinents ziehen sie magisch an. Obwohl das Land als hoffnungslos reformunfähig gilt, stehen auch deutsche Unternehmen auf der Einkaufsliste, besonders Medienfirmen.

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Piratenflagge: Freibeuter der Kapitalmärkte
Hamburg - Wenn deutsche Unternehmer den Begriff Private Equity (PE) hören, dann denken sie an Typen wie Gordon Gekko, den von Michael Douglas in "Wall Street" verkörperten Finanzpiraten. An einen, der hilflose Unternehmen gegen ihren Willen kapert, in Stücke hackt, weiterverkauft und dabei gekkoeske Sätze sagt wie: "Gier ist die Essenz der Evolution."

Gekko ist zwar nur eine Filmfigur aus den Achtzigern, doch er spiegelt recht gut das Image wider, das Private-Equity-Firmen haben - jene Kapitalgesellschaften, die nicht börsennotiert sind und mit ihrem eigenen Geld oder dem privater Investoren auf die Jagd gehen. Sie suchen preiswerte Firmen und kaufen diese auf. Nach der Akquisition, in der Fachsprache Buyout genannt, wird das Unternehmen dann entweder saniert oder in appetitliche Stücke zerlegt. Ziel ist es, die Braut so weit aufzuhübschen, dass man sie möglichst bald mit hohem Profit weiterverkaufen kann. Medien und Öffentlichkeit titulieren die Freibeuter der Kapitalmärkte deshalb häufig wenig schmeichelhaft als "Corporate Raider" oder "Sharks".

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DPA
Barbaren vor den Toren

Als Pioniere der Firmenakquisition zum Zwecke des späteren Weiterverkaufs gelten die Banker Jerry Kohlberg, Henry Kravis und George Roberts. Ihr Vorgehen: Nachdem sie ein Unternehmen ins Visier genommen hatten, liehen sie sich große Summen Geld. Zur Absicherung der Kredite boten sie ihren Gläubigern die Aktiva der zu erwerbenden Firma an; die Schulden zahlten sie aus den liquiden Mitteln des übernommenen Unternehmens zurück - damit finanzierte sich der Deal größtenteils von selbst. Ging alles glatt, bekamen die drei ein Unternehmen für etwa ein Drittel des Kaufpreises.

Dieses "Bootstrapping" genannte Verfahren wurde von KKR in den achtziger Jahren perfektioniert und als "finanzieller Enterhaken" ("Neue Zürcher Zeitung") eingesetzt. 1988 gelang es KKR, den Genussmittelkonzern RJR Nabisco für etwa 25 Milliarden Dollar unter seine Kontrolle zu bringen. Zehntausende fürchteten um ihre Arbeitsplätze, denn KKR ging es nur um den Profit. Zwei Reporter des "Wall Street Journals" verewigten die Übernahmeschlacht in dem Buch "Barbarians at the Gate".

Während des Dotcom-Booms befand sich die Branche im Dämmerzustand. Denn Schnäppchen waren Mangelware - selbst subalterne Unternehmen verfügten damals über eine so hohe Börsenbewertung, dass Übernahmen aussichtslos waren.

The Boys Are Back In Town

Jetzt ist die Branche erwacht. Private-Equity-Granden wie Kohlberg Kravis Roberts (KKR, siehe Kasten), die Carlyle Group aber auch kleinere Investorengruppen sind seit einiger Zeit wieder auf Beutezug. Im Visier haben sie zunehmend Westeuropa. Nach Berechnungen des Finanzdatenanbieters Bloomberg sind die PE-Transaktionen in Europa im Jahr 2002 um 164 Prozent auf 47 Milliarden Dollar angestiegen - das ist ein mehr als doppelt so hoher Zuwachs wie in den USA.

Stephen Peel von der Texas Pacific Group (TPG) sieht die Entwicklung ähnlich: "In den vergangenen zwölf Monaten ist der Anteil von Private Equity am Fusionsgeschäft dramatisch angestiegen, von etwa 5 auf 40 Prozent", sagte er gegenüber der britischen Wirtschaftszeitung "The Business". TPG ist eines von fünf PE-Unternehmen, das sich für Teile der in Großbritannien ansässigen Hotelkette Six Continents interessiert.

Britannica , The Beautiful

Großbritannien war im vergangenen Jahr ein Schwerpunkt der PE-Aktivitäten in Europa. Neben Six Continents sind etwa die Supermarktketten Safeway, Woolworth und Selfridges im Visier der Raider. Aber auch in Deutschland ist die Branche höchst aktiv. Der Medienkonzern Bertelsmann hat unlängst seinen Fachverlag BertelsmannSpringer für gut eine Milliarde Euro an das britische Konsortium Candover/Convent veräußert. Auch beim untergegangenen Kirch-Imperium haben die Freibeuter zugeschlagen. Der Bezahlsender Premiere ging an das Unternehmen Permira. Richtig hingelangt haben PE-Investoren bei lokalen deutschen Kabelgesellschaften wie zum Beispiel der hessischen Iesy. "Die haben sich", so ein Manager eines Kabelanbieters, "praktisch die gesamte Branche unter den Nagel gerissen."

Den bisher größten Coup landete Branchenprimus KKR, als er 2002 den französischen Elektronikkonzern Legrand für 3,63 Milliarden Euro erwarb. Weitere Megadeals sind zu erwarten; derzeit verhandelt Telecom Italia über den Verkauf seiner Telefonbuchsparte Seat Pagina. An den US-Aktivitäten des angeschlagenen niederländischen Einzelhandelsriesen Ahold sollen ebenfalls mehrere Buyout-Spezialisten interessiert sein.

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AP
GroßbildansichtÜbernahmeobjekt KirchGruppe: Immer auf der Suche nach Kaufgelegenheiten
Wie lukrativ ein gut durchgezogener Buyout sein kann, machte unlängst Permira vor. Die Investmentgruppe kaufte 2002 die britische Baumarktkette Homebase. Das Unternehmen wurde zügig umstrukturiert und im Frühjahr 2003 weiterverkauft. Geschätzte Rendite: 600 Prozent.

Dirty Deeds Done Dirt Cheap

Gründe für die hektischen Aktivitäten in Westeuropa gibt es mehrere. Erstens ist die Grundvoraussetzung für eine ungezügelte Shoppingtour vorhanden: Die Branche schwimmt im Geld. Einer Studie der Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers (PwC) zufolge standen PE-Investoren Ende 2001 über 180 Milliarden Dollar zur Verfügung. Alleine KKR soll über eine mit mehr als sechs Milliarden Dollar gefüllte Kriegskasse verfügen.

Zweitens gelten europäische Unternehmen derzeit als sehr billig, nachdem die Börse wie ein Soufflé in sich zusammengefallen ist. Richard Davidson, Europa-Stratege bei der Investmentbank Morgan Stanley, meint, dass teilweise historisch günstige Schnäppchen zu machen sind: "Europas Bewertung ist immer noch sehr attraktiv." Eine Kennzahl, die Davidson für seine Analysen häufig benutzt, ist die Free-Cash-Flow-Rendite. Diese betrug Anfang April fast fünf Prozent. Das entspricht einem Zwanzig-Jahres-Hoch.

Drittens haben viele Unternehmen erhebliche finanzielle Probleme. In den guten Zeiten haben sie sich maßlos verschuldet - jetzt muss dringend frisches Kapital her. Das aber ist derzeit an der Börse kaum zu bekommen. Auch die Banken halten sich mit neuen Krediten zurück. Neuerdings ist die einst geschmähte Private-Equity-Branche deshalb mitunter äußerst willkommen. Denn die Piraten zahlen in bar.

Money Can't Buy Me Love

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REUTERS
GroßbildansichtVivendi Universal: Ballast abwerfen, um nicht selber abzusaufen
Viele europäische Unternehmen haben keine andere Wahl, als in großem Stil Ballast abzuwerfen, wenn sie nicht untergehen wollen. Finanziell moribunde Konzerne wie France Télécom, Vivendi oder die Fiat-Gruppe wollen Unternehmensteile abstoßen oder haben dies bereits getan. Käufer sind im dritten Jahr der Baisse allerdings Mangelware - PE-Firmen sind häufig die einzigen Kaufwilligen. Auch gesunde Unternehmen wie Siemens verkaufen deshalb an die Freibeuter - für 1,7 Milliarden Euro veräußerten die Münchner im vergangenen Sommer sieben ihrer Töchter, die früher zu Atecs Mannesmann gehörten, an KKR.

Branchenbeobachter glauben, dass es in Westeuropa noch Potenzial für weitere Buyouts gibt. Im Moment sind nach Ansicht von PE-Spezialist Theo Weber von PwC Länder wie Italien, Frankreich oder Spanien interessant, aber auch Skandinavien. Das Image der Branche schätzt Weber nach wie vor als durchwachsen ein: "Vorbehalte wird es immer geben - insbesondere in Deutschland - da ein PE-Haus immer innerhalb eines mittelfristigen Zeitrahmens weiterverkaufen will beziehungsweise muss."

Möglicherweise können die dreistelligen Renditen über das ungute Gefühl hinweghelfen, vom Rest der Welt als räuberisches Subjekt betrachtet zu werden. Oder wie Gordon Gekko sagt: "Wenn Du einen Freund brauchst, schaff Dir einen Hund an."

Private Equity Buyouts in Europa (2002)
DatumPE-FirmaKaufBrancheLandKaufpreis (in Mio. Euro)
Juli 2002KKRSieben Siemens-TöchterMaschinenbau / ElektronikD1700
November 2002PermiraPremierePay TVD1100
Dezember 2002Carlyle u.a.Casema NVKabelfernsehenNL665
Dezember 2002KKRLegrandElektronikF4388
Dezember 2002Bain Capital/Thomas H. LeeHoughton-Mifflin (Vivendi)FachverlagUSA1457
Februar 2003Candover/ConventGala GroupBingo-KetteGB1765
April 2003Carlyle u.a.Teile von FiatAviosLuft- und RaumfahrtI1600
Mai 2003Candover/ConventBertelsmannSpringerFachverlagD1050
Quelle: Eigene Recherche


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