Hier ein interessanter Artikel zum Kapitalbedarf dt. Banken nach Basel III. Tenor: Die Risikosteuerung wird immer wichtiger und ist auch Garant für höhere Wertschöpfung!
Deutsche Banken brauchen 66 Mrd. Euro
Börsen-Zeitung
Datum 21.12.2010
Seite 3
Deutsche Banken brauchen 66 Mrd. Euro
Mehr als ein Zehntel des globalen Kapitalbedarfs im Zuge von Basel III fällt hierzulande an
Von Bernd Neubacher, Frankfurt Börsen-Zeitung, 21.12.2010 Basel III beschert deutschen Banken einen Kapitalbedarf von 66 Mrd. Euro. Dabei treiben die Vorgaben des Baseler Ausschusses die regulatorischen Kosten beileibe nicht nur im Investment Banking, sondern beinahe ebenso kräftig im Firmenkundengeschäft. Dies geht aus einer Studie der Boston Consulting Group (BCG) hervor, welche erstmals die im Durchschnitt zu erwartenden Mehrkosten infolge des Regelpakets für die einzelnen Geschäftsbereiche der Banken in Deutschland und Europa errechnet hat (siehe Grafik).
Wäre Basel III schon Ende 2009 in vollem Umfang umgesetzt gewesen, hätten deutsche Banken wegen ihrer Marktrisiken und ihrer Abhängigkeit von hybriden Mitteln als Kernkapitalquote (Tier 1) demnach nicht 10,3 %, sondern gerade einmal 3,5 % gezeigt.
Nur die Institute in der Schweiz hätten schlechter abgeschnitten. Europaweit wäre die Quote BCG zufolge von 10,8 % auf 5,1 % zusammengeschnurrt.
Wegen unterschiedlicher Zusammensetzungen von Portfolios könne der Mehraufwand an Kapital von Bank zu Bank variieren, konzediert Gerold Grasshoff, Autor der Studie, im Gespräch mit der Börsen-Zeitung. Nachdem der Ausschuss der Bankenaufseher aber am Donnerstag vergangener Woche seine endgültigen Anforderungen publiziert habe, ließen sich gleichwohl für jedes Institut die konkreten Folgen des Pakets errechnen. Er spricht von einem "Impuls zu planerischer Tätigkeit". Der Reifegrad der Regelungen lege es nahe, über die Folgen der Vorgaben für die einzelnen Geschäftssegmente nachzudenken.
Dass die regulatorischen Kosten in einzelnen Bereichen des Corporate Banking und auch des Massengeschäfts dabei ähnlich stark springen wie im Investment Banking, muss überraschen. Schließlich galt Basel III bisher als Versuch, die Sicherheit im Bankensektor durch eine forcierte Kapitalunterlegung seiner riskanteren Bereiche, sprich: im Investment Banking, zu erhöhen. Grasshoff erklärt den unerwarteten Effekt damit, dass Risiken im Commercial Banking bereits gemäß Basel II weitaus stärker mit Eigenmitteln zu unterlegen waren als Exposures im Investment Banking. Eine Verdopplung des zu unterlegenden Kernkapitals treffe diesen Bereich daher in absolutem Ausmaß stärker als das Investment Banking.
Wenn die Kosten explodieren
Fürs Investment Banking erwartet BCG, dass sich die regulatorischen Kosten glatt versechsfachen. Dabei wird unterstellt, dass sich die Risikogewichtung der Aktiva dort insgesamt verdreifacht, während sich die Kapitalkosten verdoppeln, weil etwa Hybride nicht mehr in dem Maße wie noch unter Basel II als regulatorisches Eigenkapital akzeptiert werden. In einigen Bereichen würden sich die regulatorischen Kosten sogar verzehnfachen, meint Grasshoff. Über alle Geschäftsbereiche hinweg sähen Banken einer Verdopplung der regulatorischen Kosten entgegen.
Den Berechnungen nach würden die 84 größten Banken Europas nach Bilanzsumme 275 Mrd. Euro Kapital benötigen, wollten sie die 2019 voll greifenden neuen Regeln bereits jetzt erfüllen. Damit entfällt, gegenüber den Jahresabschlüssen für 2009, auf europäische Häuser fast die Hälfte des Mittelbedarfs weltweit, auf deutsche Häuser unterdessen gut ein Zehntel. Für den Sektor weltweit hat der Baseler Ausschuss auf Basis einer Auswirkungsstudie mit 263 Banken aus 23 Ländern Ende 2009 eine Lücke von 602 Mrd. Mrd. Euro ausgemacht.
Angesichts der vom Baseler Ausschuss erhöhten Kapitalanforderungen regt BCG vor allem an, stärker auf die Steuerung der Risikokosten zu achten. Schließlich ist dieser Aufwandsposten bei den Banken in Europa zwischen 2006 und 2009 von 126 Mrd. auf rund 400 Mrd. Euro explodiert, und zwar nicht nur infolge von Risikovorsorge, sondern mehr noch wegen in die Höhe schießender Kapitalkosten. Während etwa die Cost-Income-Ratio, das Verhältnis von operativen Kosten zum Nettogewinn, zwischen 2005 und 2009 fast unverändert blieb, ist die Risiko-Ertrags-Quote, also die Relation zwischen Risikovorsorge samt Kapitalkosten zum Ertrag nach Refinanzierungskosten, von 30 % auf 67 % in die Höhe geschossen, wie BCG vorrechnet. So erreichten die Spreads der Kreditderivate für die 84 untersuchten europäischen Banken auf dem Höhepunkt der Krise das 18-Fache der Niveaus vor der Eskalation, Ende 2009 beliefen sie sich noch auf knapp das Sechsfache. "Infolge von Basel III werden die Risiko und Kapitalkosten nicht wieder auf Vorkrisenniveau sinken, sondern ein signifikanter Kostenblock bleiben", glaubt Grasshoff. Die Steuerung der Risikokosten sei zum Faktor geworden, der über den Erfolg einer Bank entscheide, und mit Basel III dürfte ihre Bedeutung noch zunehmen, meint BCG. Dieser Appell dürfte sich allem voran an die deutschen Banken richten, denen laut BCG im Grunde schon keine Wertschöpfung gelungen war, bevor die Krise ins Kontor schlug.
Abbildungen
Nummer 246
Autorenangabe Bernd Neubacher, Frankfurt
Firmen
Personen