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Cinemaxx pleite?

 
22.11.05 08:53
Prosecco statt Popcorn

Von Julia Bonstein

Deutschlands Kinos kämpfen ums Überleben, die Besucherzahlen sinken dramatisch. Schuld sind unattraktive Filme und der Siegeszug der DVD. Viele ältere Zuschauer schreckt aber auch die seelenlose Atmosphäre der gigantischen Multiplex-Klötze. Nun wollen die Marktführer

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Der Kinokönig sitzt in einem seiner 32 Popcorn-Paläste und sieht müde aus. Sein Blick senkt sich auf den Teppichboden im Foyer, Standardfarbe Grau. Neben roten Cinemaxx-Sternchen - "unsere Corporate Identity" - haben sich Ascheflecken und Abdrücke von Stuhlbeinen in den abgetretenen Belag gegraben. Von der Decke baumeln Plakate, die für einen DVD-Verleih im Internet werben, hinterm Tresen wischt ein Mitarbeiter die Popcorn-Maschine aus.

"Ja, ich weiß", sagt Hans-Joachim Flebbe, "wir müssen dem Kino die Seele zurückgeben."

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GroßbildansichtDPACinemaxx-Multiplex-Kino in Berlin:Die Betonkinos sind zu menschenleeren Millionengräbern verkommen
Dem Vorstandsvorsitzenden der Cinemaxx AG ist neuerdings nostalgisch zumute. Er träumt davon, dass Kino "etwas Menschliches ist und nicht McDonald's", und erzählt von früher, von "Leuten, die mit dem Kopf ins Kino gingen".

Damals verteilte der Student Achim Flebbe in Hannover Handzettel mit Rezensionen seiner Lieblingsfilme, er zeigte im örtlichen Programmkino Ingmar-Bergman-Reihen, er schimpfte auf Sexfilmchen, billige Action-Ware und die lieblos geführten Schachtelkinos der Konkurrenz. "Damals ging es noch um Inhalte", sagt Flebbe.

Heute geht es um Zahlen. Im ersten Halbjahr stürzte das Betriebsergebnis von Flebbes Cinemaxx AG von minus 2,1 Millionen im Vorjahr auf minus 8 Millionen Euro ab.

Das Jahr 2005 droht für die gesamte Kinobranche zum Alptraum zu werden. Von Januar bis Juni wurden in Deutschland nur 60,3 Millionen Kinokarten verkauft, 16,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Einnahmen der Häuser sanken ebenfalls um 16 Prozent auf 352,5 Millionen Euro. Im dritten Quartal brachen die Besucherzahlen sogar um 27 Prozent ein.

Die großen deutschen Kinoketten kämpfen ums Überleben. Flebbes Cinemaxx AG konnte die Krise bislang nur überstehen, weil im vergangenen Jahr der Münchner Filmhändler Herbert Kloiber mit knapp 50 Prozent einstieg.

Die Lübecker Marktführer Heiner und Marlis Kieft begaben sich mit ihrem Cinestar-Familienunternehmen in die Hände eines australischen Geldgebers, und UCI, früher Tochter der Hollywood-Studios, wurde im letzten Herbst von der britischen Beteiligungsfirma Terra Firma Capital Partners geschluckt.

Von einer Kinokrise wollte in der Branche bislang dennoch niemand sprechen. "Wir haben es mit einer Filmkrise zu tun", sagt Heiner Kieft, Geschäftsführer der Cinestar-Kette. Er schimpft auf die amerikanischen Filmstudios in Hollywood, die derzeit angeblich am deutschen Publikumsgeschmack vorbeiproduzieren: "Der Einbruch in diesem Jahr ist auf das schlechte Filmangebot aus Hollywood zurückzuführen."

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Auch sonst suchen die Kinobetreiber die Schuld für ihre Misere bei den Produzenten und Verleihern, die mit dem DVD-Geschäft inzwischen fast doppelt so viel umsetzen, wie an den Kinokassen eingenommen wird, und deswegen die Filme nach dem Kinostart immer eiliger auch als DVD auf den Markt werfen - mit der Konsequenz, dass immer mehr Filmfans die wenigen Wochen länger warten und sich den neuesten Blockbuster aus Hollywood lieber gleich im heimischen Wohnzimmer anschauen. Längst wird hinter den Kulissen heftig um Veröffentlichungsfenster und Verleihkonditionen gestritten.

Aber die Multiplex-Betreiber klagen nicht nur über die Produzenten, sondern auch über die Konsumzurückhaltung der Kinobesucher, über die Sparsamkeit der Werbekunden und über das Wetter - bei so viel Sonnenschein sei eben kaum jemand zum Gang in dunkle Kinosäle zu bewegen.

Nur von Selbstkritik war in der Branche bislang nicht viel zu hören.

Doch nun setzt das Nachdenken ein. "Wir haben 500 bis 600 Kinosäle zu viel in Deutschland, das ist eine riesige Summe", sagt Cinestar-Chef Heiner Kieft. 15 Jahre nach dem Bau der ersten deutschen Multiplex-Kinos wird den Baulöwen von einst die gigantische Ödnis ihres futuristischen Lichtspiel-Imperiums bewusst. Der Blick der Betreiber fällt auf ihre eigenen Kinos, auf wuchtige Klötze aus Glas und Beton, funktional banale Zweckbauten mit Abfertigungsfoyers, die herabbaumelnde meterlange Plakate und Cola-Popcorn-Theken in Reklamefriedhöfe verwandelt haben.

"Am Anfang waren Hobby und Begeisterung, irgendwann wurde es dann kommerziell", sagt Flebbe. Aus dem Filmenthusiasten wurde der Porsche-Fahrer, aus dem Programmkinomacher der Geschäftsmann, der Ende der achtziger Jahre in den USA eine neue jugendliche Freizeitgeneration heranwachsen sah, deren Spaßbedürfnisse er mit Tonsystemen im THX-Standard, überdimensionierten Leinwänden und computergesteuerten Projektionsmaschinen befriedigen wollte
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