14. Dezember 2003, 02:28, NZZ am Sonntag
Kasten: Banken wurden von unwahren Bilanzen getäuscht
Der Mann, der für Erb die Fäden zog
Rainer C. Kahrmann war die Schlüsselfigur bei den desaströsen Investitionen
Der deutsche Financier wird mitverantwortlich gemacht für das Erb-Debakel. Jetzt behauptet er, dass die zum Erb-Imperium gehörende EBC Investment-Bank in London mehrheitlich in seinem Besitz sei.
Daniel Hug
Nach dem Paukenschlag vergangener Woche hüllt sich die zahlungsunfähige Erb-Gruppe wieder in Schweigen. Sanierer Hans Ziegler und seine Crew arbeiten im Moment fieberhaft daran, ein Stillhalteabkommen mit den 82 involvierten Banken zu schliessen.
Zudem sucht Ziegler weiterhin Investoren. Für die lukrativen Teile wie die Herfina Holding (Autoimport und -handel, über 100 Mio. Fr. Cashflow im letzten Jahr) interessiert sich nicht nur die Emil-Frey-Gruppe. Auch Erbs Lieferant Mitsubishi überlegt sich einen Einstieg: «Die Übernahme des Schweizer Importgeschäfts ist für uns eine Option», sagt Daniel Nacass von Mitsubishi Europa in Schiphol (NL). «Wir sprechen mit unseren Partnern in Winterthur, um eine Lösung zu finden.»
Unklar ist immer noch, warum der im Geschäftsleben äusserst sparsam agierende Hugo Erb über mehrere Jahre hinweg insgesamt 2,5 Mrd. Fr. in marode Auslandfirmen steckte. Der Patriarch, der sonst nur seine Söhne in den innersten Zirkel seiner Firmen liess, hat einem Mann offenbar fast blind vertraut: Rainer C. Kahrmann. Der 60-jährige Deutsche mit Wohnsitz in London zog die Fäden in den Auslandgeschäften der Erbs:
Kahrmann sitzt seit Jahren im Aufsichtsrat der deutschen Immobilienfirma CBB Holding, bei der Erb alleine 1,2 Mrd. Fr. verlor. Heute agiert er in der CBB sogar als alleiniger Vorstand.
Kahrmann ist Präsident der Londoner EBC (European Bank Company), die ebenfalls zum Einflussbereich der Erbs gehört. Über die EBC wurden die verhängnisvollen Auslandgeschäfte der Erb-Gruppe getätigt.
Kahrmann ist Präsident der Habsburg Holdings mit Sitz auf den Virgin Islands. Die Firma ist noch bis Ende Jahr an der Schweizer Börse kotiert, wird aber von der EBC kontrolliert. Wichtigstes Aktivum von Habsburg ist Antiquorum, das weltweit führende Haus für Uhrenauktionen.
Kahrmann ist im VR der Billecart Expansion Holdings in Luxemburg. Über diese Beteiligungsgesellschaft besitzen die Erbs das Champagnerhaus Billecart-Salmon in Mareuil-sur-A, laut Kahrmann zu 45%. Auch die Beteiligung an der Hamburger Handelsfirma Terrex wird über die EBC gehalten.
«Kahrmann ist seit Jahren ein wichtiger Berater und enger Vertrauter der Erbs. Er trägt eine grosse Verantwortung für den Niedergang der Gruppe», sagt ein Vertrauter der Erb-Gruppe. «Mister K. war auch zuständig für die Kurspflege»: Kahrmann kaufte im Auftrag der Erb-Gruppe dem Vernehmen nach Aktien der in Deutschland kotierten CBB und des Handelshauses Terrex, um den Kurs zu stützen. Denn teilweise hatte Erb die Aktienpakete der CBB als Sicherheit hinterlegt.
Was sind die Gesellschaften heute noch wert? Bei der CBB ist nichts mehr zu holen, aber eine Perle ist die Habsburg, die letztes Jahr einen Reingewinn von 5,5 Mio. Fr. (Umsatz 22,8 Mio. Fr.) erzielte. Ein unabhängiger Experte schätzt ihren Wert auf 50 bis 80 Mio. Fr. Und die Billecart Holdings in Luxemburg? «Diese Gesellschaft geht ab wie eine Bombe», brüstet sich Kahrmann. Billecart selbst erreichte letztes Jahr einen Umsatz von 35 Mio. Fr.
Fest steht, dass Kahrmann die Vermögenswerte schlampig verwaltete. So hat er den englischen Behörden seit 1999 keinen Geschäftsbericht mehr eingereicht, den Bericht 2000 will er diese Woche eingereicht haben. 1999 rügten die Revisoren, der Bericht zeige nicht den wahren und fairen Überblick über den Zustand des Unternehmens. Man habe zudem nicht alle Informationen bekommen, die man für nötig erachtet habe, schrieb die «Handelszeitung». Nachlässig war Kahrmann auch bei der Habsburg Holding: Weil er nach dreimaliger Verwarnung keinen Geschäftsbericht ablieferte, beschloss die Schweizer Börse, die Aktie auf Ende Jahr zu dekotieren.
Unklar bleibt auch, wem die EBC Holding gehört - und damit auch die Vermögenswerte, die ihr angehängt sind. Kahrmann behauptet, die Gesellschaft gehöre ihm mehrheitlich, mindestens zu 51%. Laut Geschäftsbericht 1999 sind es aber nur 15%, während 49% der Erb-Tochter Unifina und 36% der Erb-Familienstiftung Viva Trust gehören, wie «Cash» berichtete. Kahrmann sagt, dass sich inzwischen die Eigentumsverhältnisse geändert hätten ohne dies aber zu belegen. Wie kam es dazu, dass Erb dem Financier so viel Vertrauen schenkte? «Kahrmann studierte in Freiburg und kannte danach die Schweizer Verhältnisse recht gut», sagt ein Insider. Noch besser fand er sich zurecht, als er in eine Freiburger Patrizierfamilie einheiratete: 1972 ehelichte er Christiane de Muller. Ihre vor drei Jahren verstorbene Mutter, Besitzerin des Schlosses Giez am Neuenburgersee, war seit 1972 die Lebenspartnerin des Industriellen Dieter Bührle. Vater Bernard de Muller wirkte als Direktor bei Sulzer Winterthur und besass das Schloss Belfaux.
«Ich habe mir das Vertrauen der Erbs über Jahre hinweg verdient», sagt Kahrmann. Sie bezahlen teuer dafür. «Der Fehler der Erbs lag in der Unfähigkeit, sich von Kahrmann zu lösen», urteilt ein Erb-Vertrauter.
Banken wurden von unwahren Bilanzen getäuscht
Beim Erb-Debakel stehen die Schweizer Banken zum Teil hart in der Kritik: Hat - zumindest bei den Grossen - ihre hoch gelobte Kreditanalyse versagt? Warum zeigten die Frühwarnsysteme nicht längst auf Rot oder zumindest auf Gelb? Liessen sich gewisse Bankiers gar von den handverlesenen Einladungen auf Schloss Eugensberg im thurgauischen Salenstein blenden? Und hat nicht die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) Handlungsbedarf? EBK-Sprecherin Tanja Kocher betont: «Wir sind orientiert, kennen die Engagements unserer Banken, haben jedoch keinen weiteren Handlungsbedarf.»
Die Engagements der Schweizer Banken liegen knapp unter, diejenigen der ausländischen Institute etwas über einer Milliarde Franken. Die Schweizer hatten in den letzten Jahren ihre Kredit ab- die Ausländer aufgebaut. Grösste Volumen haben UBS und CS Group mit nicht dementierten rund 400 Mio. Fr. beziehungsweise rund 250 Mio. Fr. ausstehend. Was die Kreditsicherheiten wirklich wert sind, wird sich weisen müssen.
Die Grossbanken machten zwar erst seit gut einem Jahr bei den Erbs richtig Druck. Die Gruppen-Bilanz, die sie in diesem Sommer erhielten, war von der «Erbschen» Revisionsgesellschaft Albert J. Manser testiert, wie die «NZZ am Sonntag» einsehen konnte. Aufgrund der präsentierten Zahlen sahen die Banken zwar einen gewissen, aber keineswegs dramatischen Handlungsbedarf, um die Relationen zwischen Gewinn vor Steuern und Zinsen und Schulden wieder ins Lot zu bringen. Die nun zum Vorschein gekommene massive Überschuldung war nicht zu erkennen. In der Bilanz sind nur Bürgschaften, Garantieverpflichtungen sowie Pfandbestellungen gegenüber Dritten von etwas über 300 Mio. Fr. aufgeführt, anstelle der von Sanierer Hans Ziegler aufgeführten Eventualverpflichtungen von 862 Mio. Fr. Das ist nicht alles: In der löchrigen Erb-Bilanz, welche die Banken erhielten, fehlten insgesamt auf der Aktiv- wie Passivseite über eine Milliarde. Von Bilanzwahrheit kann keine Rede sein.
Hingegen sind Antworten der Banken noch offen, warum sie die erstmals 1996 im Geschäftsbericht der kotierten deutschen CBB-Holding aufgeführte Patronatserklärung der Erbs nicht beachtet haben. Offensichtlich haben bei einzelnen Institute die Frühwarnsysteme besser funktioniert als bei anderen. Daraus gilt es bankintern Lehren zu ziehen. (FPf.)