TELEKOMMUNIKATION
Gold vergraben
US-Discounter investieren in Deutschland Milliarden in Datenautobahnen / Telefonieren wird noch billiger
Von JÜRGEN BERKE
6. Mai 1999
Der Weg in den deutschen Telefonmarkt führt über die Mainzer Landstraße. Nirgendwo in Deutschland ist in den vergangenen drei Jahren mehr Glasfaser vergraben worden als in der Frankfurter Bankenmeile. Zwei private Telefongesellschaften – MCI Worldcom und Colt Telecom – legten ihre Glasfaserkabel bereits neben die Leitungen der Deutschen Telekom. Jetzt rückt die dritte an. Auf einer Länge von 600 Metern hat die US-Gesellschaft Level 3 mit dem Bau des ersten Teilstücks ihrer weltweiten Datenautobahn begonnen.
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Außerdem:
Glasfaser:
Die Pläne der Herausforderer.
E-Commerce:
Der Kampf ums Internet.
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Frankfurt ist bald überall. Ob MCI Worldcom, Colt Telecom, Global Crossing oder Level 3 – immer mehr, und zum Teil weithin unbekannte Telefongesellschaften drängen mit eigenen Glasfasernetzen nach Europa. Der Großteil kommt nach Deutschland. Bis Ende 2000 sollen zwischen Hamburg und München mehr als 15.000 Kilometer superschnelle Glasfaserkabel verlegt werden – so viel wie seit dem Aufbau Ost der Telekom nicht mehr. Statt drei Milliarden Mark, wie noch im März vom Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM) prophezeit, wollen die Neulinge deutlich über vier Milliarden Mark in Festnetze und Vermittlungstechnik investieren – dreimal so viel wie 1998. "Die Privaten stocken ihre Investitionen kräftig auf," beobachtet VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner – und ziehen erstmals an der Telekom vorbei, die ihre Netzinvestitionen auf drei Milliarden Mark zurückfährt .
Bislang kamen private Telefongesellschaften gut ohne eigene Netzinfrastruktur aus. Erfolgreiche Discounter wie Teldafax (Netzvorwahl: 01030) und Mobilcom (01019) kauften Ferngespräche zum Durchschnittspreis von 2,7 Pfennig bei der Telekom ein und verschafften sich so preiswerten Zugang zum Telekom-Netz. "Wer gräbt, verliert" lautete die Devise der Stars des ersten Wettbewerbsjahrs.
Jetzt schwärmen fast alle von eigenen Infrastrukturen. "Wer kein Festnetz hat, geht unter", heißt die neue Losung. Selbst Protagonisten der Netzunabhängigkeit wie die Büdelsdorfer Mobilcom AG suchen nach Übernahmekandidaten, um sich den schnellen Zugang zu einem eigenen Glasfasernetz zu verschaffen.
Je länger ein Ferngespräch über eigene Infrastrukturen transportiert wird, so ihr Kalkül, um so geringer ist der Einkaufspreis bei der Telekom, umso mehr Spielraum gewinnt man für weitere Runden im Preiskampf. "Der möglichst lange Transport auf eigenen Leitungen ist der effektivste Weg, Geld zu verdienen," fühlt sich Colt-Telecom-Chef Horst Enzelmüller, ein erklärter Infrastrukturanhänger, jetzt bestätigt.
Die privaten Telefongesellschaften wollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Vor allem US-Unternehmen trauen der deutschen Regulierungspraxis nicht mehr und wollen ihre Geschäftsstrategie nicht abhängig machen von Kurskorrekturen der Bonner Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RTP). Auch die Durchleitungspreise von 2,7 Pfennig pro Minute gelten nur noch bis Ende dieses Jahres. Danach, so der Eindruck der jüngsten RTP-Anhörungen, können nur Anbieter mit weitgehend flächendeckender Infrastruktur mit niedrigeren Gebühren rechnen.
Glasfaserkönig Deutsche Telekom (Netzlänge: 157.000 Kilometer) könnte die Privaten im großen Stil beliefern. Doch allzu lange Lieferfristen verprellen die Kundenschaft. In den vergangenen Wochen reichten die Konkurrenten Bestellungen für 60.000 weitere Zusammenschaltungsverbindungen bei der Telekom ein. Bei durchschnittlichen Wartezeiten von neun Monaten ordern die meisten über den eigentlichen Bedarf hinaus (Motto: "Lieber das Doppelte, als zu wenig"), um künftigen Kundenanstürmen gewachsen zu sein. Zusammen mit der Regulierungsbehörde sucht die Telekom jetzt nach einem Verfahren, das die privaten Telefongesellschaften zu realistischeren Planungen ermutigt.
Kein Wunder, daß die Privaten von Investitionslenkung sprechen und nach Alternativen suchen. Nur: Die Auswahl ist begrenzt. Die Glasfasernetze der Deutschen Bahn sind exklusiv für Mannesmann Arcor reserviert. Mit dem Kauf von Otelo sicherte sich Arcor-Chef Harald Stöber auch Zugriffsrechte auf die Netze von Veba und RWE [Ed: nicht aber auf das TV-Kabelnetz von TeleColumbus, der ehemaligen Otelo- Tochter]. Andere regionale Energieversorger wie Energie Baden-Württemberg und die VEW, die ebenfalls mehrere tausend Kilometer besitzen, liefern mehr Stückwerk als Flächendeckung.
Mehr erwarten die privaten Telefongesellschaften von Neubauprojekten: Vor allem das Internet nährt die Zuversicht der Netzinvestoren. Kapazitätsengpässe zeichnen sich bereits ab. Während die klassische Telefonie jährlich um höchstens fünf Prozent wächst, verdoppelt sich die Datenflut aus dem Internet alle drei Jahre. "2003 kommen schon 80 Prozent des gesamten Übertragungsvolumens aus dem Internet," prophezeit Robert Mirbaha, Managing Direktor beim Frankfurter Newcomer Level 3.
Die Neulinge haben den Bau von Datenautobahnen [Ed: Backbones] als neues Geschäftsfeld entdeckt und drücken aufs Tempo. Besonders US-Gesellschaften beschleunigen den Aufbau europaweiter Netze, die direkte Verbindungen zwischen Wirtschaftsmetropolen wie London, Frankfurt, Paris, Zürich und Mailand knüpfen und Übertragungskapazitäten im Gigabit- Bereich schaffen. Möglichst schnell wollen sie einen schwunghaften Handel mit Glasfaserkapazitäten für den europäischen Telekommunikationsmarkt eröffnen, der auch netzunabhängigen Telefongesellschaften gute Einkaufsmöglichkeiten bietet.
Ein rasanter Preissturz bei Auslandsgesprächen kündigt sich an. "Ein Telefonat zwischen Köln und Amsterdam wird nicht mehr kosten als zwischen Köln und Frankfurt", prophezeit Stefan Hischer, Deutschland-Geschäftsführer von MCI Worldcom in Frankfurt – nach heutigen Stand zehn Pfennig pro Minute.
Die deutschen Teilstücke der neuen Datenautobahnen genießen höchste Priorität. Als erster begann MCI Worldcom im vergangenen Jahr mit dem Ausbau eines eigenen Glasfasernetzes, das zu 90 Prozent entlang der Autobahnen verläuft und zuerst die Citynetze in Frankfurt, Hamburg und Düsseldorf miteinander verbindet.
An vier Baustellen gleichzeitig buddeln sich die Amerikaner durch Deutschland. Von der Kriechspur der Autobahn aus zieht ein Kabelpflug den schmalen, etwa einen Meter tiefen Schlitz neben der Leitplanke, der Platz für drei Leerrohre schafft. Höchstgeschwindigkeit: Drei Kilometer pro Tag. "In den ersten acht Wochen schafften die Bautrupps eine Strecke von 200 Kilometern," freut sich MCI-Worldcom-Chef Hischer.
Die Frankfurter Colt Telecom – mit der US-Anlagegesellschaft Fidelity Investments als finanzstarker Mutter – verlegt ihre Glasfaser nur im Osten entlang neugebauter Autobahnen. In der alten Bundesrepublik stehen so viele Fahrspurerweiterungen an, daß den Colt-Managern das Risiko von Fehlinvestitionen zu hoch ist. Ohnehin nimmt der Netzausbau "gigantische Dimensionen" (Enzelmüller) an: 1.100 Fluß- und Bachläufe, 115 Autobahnen, 190 Bahnstrecken und 2.875 Straßen müssen unterquert werden, bis der 2.600 Kilometer lange deutsche Glasfaserring Mitte nächsten Jahres geschlossen ist.
Kein Wunder, daß hinter den Kulissen noch um Baugemeinschaften gerungen wird. Einerseits will jede Telefongesellschaft den Wettlauf mit der Zeit gewinnen und vor der Konkurrenz ein eigenes Glasfasernetz in Betrieb nehmen. Andererseits sinken die Baukosten, wenn sich zwei Anbieter auf eine gemeinsame Trassenführung verständigen. Nach Viatel und Carrier 1, die ihre Leerrohre gemeinsam verlegen, suchen auch Colt Telecom und Level 3 noch Partner.
Um wertvolle Planungszeit zu sparen, arbeiten immer mehr Telefongesellschaften eng mit der Essener Gasline GmbH zusammen. Das Gemeinschaftsunternehmen von 15 deutschen Gasversorgern mit der Ruhrgas AG an der Spitze (Anteil: 25 Prozent) besitzt die Wegerechte für das 30.000 Kilometer lange Gasleitungsnetz. Gasline-Chef Friedrich Wolf startet ein ehrgeiziges Ausbauprogramm. Auf 3.500 Kilometern liegen bereits Glasfasern, 2.500 Kilometer sind noch in Bau. "Das Netz wird bald ausverkauft sein," erwartet Wolf, dem immer mehr Bestellungen ins Büro flattern.
Einer von zwölf Gasline-Kunden ist auch Global Crossing. Die US-Gesellschaft, die mit dem Bau von Unterseekabeln begann und gerade die Kabelflotte von Cable & Wireless für 840 Milliarden Euro (1,6 Milliarden Mark) gekauft hat, will die Glasfasernetze auf dem europäischen Festland nicht der Konkurrenz überlassen.
Die Hälfte des deutschen Netzes, die Strecke Hamburg – Karlsruhe, steht schon. In den nächsten Monaten folgt der östliche Teil des Mammutprojekts, der über Berlin, Leipzig und München nach Karlsruhe. Wie Riesenspinnen steigen mehrere Föckersperger Kabelpflüge dabei mit ihren hydraulisch-beweglichen Achsen über alle Wald- und Wiesenhindernisse hinweg und vergraben das Gold der Zukunft mit einer Höchstgeschwindigkeit von sechs Kilometern pro Tag.
Gasline-Geschäftsführer Wolf würde die neue Technik gerne in den Nachbarländern einsetzen. Ein Gemeinschaftsunternehmen aller europäischen Gasversorger, so seine Idee, könnte den Datenautobahnbau noch mehr beschleunigen.
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PRIVATE DATENAUTOBAHNEN
Die Ausbaupläne der Herausforderer
Telekommunikation: US-Gesellschaften investieren in Deutschland Milliarden in eigene Datenautobahnen / Telefonieren wird noch billiger
Von JÜRGEN BERKE
6. Mai 1999
Die privaten Telefongesellschaften schwenken um. 16 Monate nach dem Fall des Telefonmonopols investieren die Telekom-Herausforderer soviel wie noch nie in den Ausbau eigener Glasfaserinfrastrukturen. Vor allem US-Telefongesellschaften treiben den Bau europaweiter Glasfasernetze voran.
Sie verbinden alle wichtigen Wirtschaftsmetropolen zwischen London und Madrid miteinander. Ein Großteil der Netzinfrastruktur wird dabei in Deutschland verbuddelt. Die Wirtschaftswochegibt exklusiv einen Überblick über die Pläne der Neulinge:
MCI Worldcom: Die US-Gesellschaft pflügt eigene Glasfaserkabel entlang der deutschen Autobahnen unter. 2.100 Kilometer, die Verbindungen zwischen Düsseldorf und Hamburg sowie Düsseldorf über Frankfurt nach Karlsruhe, sind bereits verlegt. Bis Ende des Jahres kommen weitere 1.000 Kilometer hinzu – die Strecken nach Berlin und München werden bis Ende 1999 noch abgeschlossen. Netzinvestition in Europa: 950 Millionen Euro (1,9 Milliarden Mark), das meiste in Deutschland.
Colt Telecom: Die Londoner Telefontochter der US-Fondsgesellschaft Fidelity Investments investiert 770 Millionen Euro (1,5 Milliarden Mark) in den Bau eines europäischen Glasfaserrings, der auch die in den vergangenen Jahren aufgebauten Citynetze in Frankfurt, Hamburg, Berlin, München, Düsseldorf, Stuttgart und Köln miteinander verbindet. Allein in Deutschland werden bis zum Jahr 2000 Glasfaserkabel auf einer Gesamtlänge von 2.600 Kilometern vergraben. Erster Spatenstich war vergangenen Freitag an der Pumpstation einer Ölpipeline in Hünxe bei Dinslaken.
Level 3: Die US-Gesellschaft hat mit dem Bau ihres europäischen Glasfasernetzes Mitte April von Amsterdam nach Rotterdam und in der Frankfurter City begonnen. In der ersten Ausbaustufe sollen London, Paris, Amsterdam, Brüssel und Frankfurt über 3.200 Kilometer miteinander verknüpft werden. Weitere vier Städte (Hamburg, Berlin, Düsseldorf, München) sollen in der Ausbauphase im nächsten Jahr folgen. Geplantes Investitionsvolumen in Deutschland: 470 Millionen Euro (920 Millionen Mark).
Viatel und Carrier1: Die beiden Telefongesellschaften bauen mit dem Partner Metromedia ihr 8.700 Kilometer langes europaweites Netz, deren zweiter Ring im Juli 1999 mit der Strecke Essen – Karlsruhe in Betrieb geht. Bis Anfang 2000 soll auch der dritte Ring betriebsbereit sein, der 13 weitere deutsche Großstädte verbindet. Gesamtinvestition: 1,1 Milliarden Euro (2,2 Milliarden Mark). [t-off berichtete über Circe]
Global Crossing: Die in Hamilton auf den Bermudas beheimatete Telefongesellschaft verlängert ihr globales Unterseekabelnetz bis auf das europäische Festland. In Kooperation mit der Essener Gasline GmbH, einem Verbund aus 15 Gasversorgern, entsteht allein in Deutschland ein 2.400 Kilometer langes Glasfasernetz, das die Städte Hamburg, Hannover, Düsseldorf, Köln, Berlin, Dresden, Leipzig, Karlsruhe, München, Stuttgart und Frankfurt mit anderen europäischen Metropolen verbindet. Das Netz geht noch in diesem Jahr in Betrieb.