23. Mai
Quelle: netzeitung.de
In Großbritannien fürchtet die Regierung, dass der Kaschmir-Konflikt zum Atomkrieg wird. Auch die USA sind besorgt. Indiens Ministerpräsident hat seine kriegerischen Äußerungen nun etwas entschärft.
Der britische Außenminister Jack Straw hat am Donnerstag gewarnt, der Kaschmir-Konflikt könne sich zu einem Atomkrieg ausweiten. Im Kalten Krieg habe es Doktrinen gegeben, die eine Eskalation verhindern konnten, so Straw, im Kaschmir gebe es diese nicht. Zwischen Indien und Pakistan existierten keine Kommunikationskanäle und keine Notfallpläne, die dies verhindern könnten, sagte Straw der BBC. Es müsse daher alles getan werden, um eine Situation zu entschärfen.
Seit Tagen gibt es in der Region von Kaschmir Gefechte zwischen den Soldaten der beiden Atommächte. Der indische Ministerpräsident Atal Bihari Vajpayee ist zurzeit dort, um die militärische Strategie zu beraten. Am Mittwoch hatte er seine Soldaten zum Kampf aufgerufen und Opferbereitschaft und Mut von ihnen gefordert.
Inzwischen hat er seine kriegerischen Äußerungen etwas zurückgenommen. Er erklärte, Indien hoffe, dass es nicht zum Krieg mit Pakistan komme. Zurzeit seien keine «Kriegswolken» am Himmel, sagte er. Die Situation in Kaschmir sei aber ernst.
Wahlen in Kaschmir angekündigt
In einer vom indischen Fernsehen übertragenen Erklärung sagte Vajpayee, dass Indien die Region Kaschmir in den kommenden Jahren entwickeln wolle. Straßen und Zugverbindungen sollen gebaut, freie Wahlen abgehalten und Arbeitsplätze geschaffen werden.
Seit vielen Jahren streiten sich Indien und Pakistan um das Gebiet. Es gilt als offizielle pakistanische Staatsdoktrin, Indien aus Kaschmir zu vertreiben. Die Ankündigung von Vajpayee muss daher in Pakistan als Affront aufgefasst werden.
Ein pakistanischer Regierungssprecher warnte Indien vor einem Angriff auf Pakistan. Die Folgen wären «nicht gut für Indien», sagte General Rashid Quereshi. Man wolle Frieden, aber im Falle eines Angriffes werde man sich wehren, so die immer wiederholte Formel der Regierung.
USA sind besorgt
Die USA sind besorgt über die Lage: Außenminister Colin Powell stehe mit der Führung beider Seiten in ständigem telefonischen Kontakt, um eine Eskalation zu vermeiden, sagte eine Sprecherin der US-Botschaft in Islamabad. Powell werde Anfang Juni seinen Stellvertreter Richard Armitage in die Region entsenden, um die Spannungen zu mindern.
Bei Gefechten in der Nacht zum Donnerstag wurde mindestens ein indischer Soldat erschossen und sieben Zivilisten verletzt.
Pakistan zieht Truppen zusammen
Wegen der Kaschmir-Krise will Pakistan die Grenze zu Afghanistan nicht länger überwachen. Die Truppen sollen unter anderem die mögliche Einschleusung von Al-Qaeda- und Taliban-Kämpfern verhindern. «Wir können unsere Grenze zu Indien nicht unbewacht lassen», sagte Informationsminister Nisar Memon am Donnerstag in Islamabad. Nähere Angaben zum Umfang der Truppenverlegung machte er nicht.
Zuvor hatte die Armee mitgeteilt, dass auch Truppen aus Sierra Leone zurück in die Heimat beordert würden, die dort im Rahmen der UN-Mission als Blauhelme eingesetzt sind.
Pakistan bittet um Vermittlung
Die Regierung in Islamabad bat zudem die Uno um Vermittlung. Die Vereinten Nationen müssten Neu Delhi an den Verhandlungstisch bringen, um die «explosive Situationen» zu entschärfen, schrieb der pakistanische Außenminister Abdul Sattar in Briefen an UN-Generalsekretär Kofi Annan und den Weltsicherheitsrat.
Indien sei «eine arrogante Macht», die den Kampf gegen den Terrorismus als Vorwand für eine aggressive Politik nutze, hieß es darin. Pakistan sei aber zu jeglicher Zusammenarbeit bereit, welche die Spannungen abbauen könne und den Dialog fördere. (nz)