Montag, 03. September 2001 Berlin, 21:55 Uhr
Neue Bilanzregeln belasten die Banken
Rechnerisch sinkt die Eigenkapitalrendite - Die Gewinnausschläge steigen
Von Jörg Eigendorf
Frankfurt/Main - Es klingt widersinnig, aber es ist längst Realität in nahezu allen großen Banken Europas: Die Institute lösen Abteilungen auf und beschäftigen Heerscharen von Beratern - nur um eine Bilanzierungsvorschrift zu befolgen.
Es geht um einen neuen Standard der Internationalen Rechnungslegungsvorschriften (International Accounting Standards). "IAS 39" heißt das Reizwort, das die Fachleute verärgert. "IAS 39 ist eine unsinnige Regelung", sagte Edgar Löw von Arthur Andersen auf einem Seminar des Euroforums in Kronberg. Auch Patrick Kehm von der Commerzbank kritisierte den neuen Standard: "Wir müssen uns verrenken und büßen Geschäftsmöglichkeiten ein."
Was wie ein Aufschrei von Spezialisten erscheint, wird schon bald die Öffentlichkeit bewegen. Die Folgen von IAS 39 könnten nämlich die Börsenkurse erheblich schwanken lassen - ohne dass es dafür einen betriebswirtschaftlichen Grund gäbe. Denn der bilanzielle Gewinn der Banken wird sich künftig von Quartal zu Quartal stärker als bisher verändern und die Eigenkapitalrenditen werden sinken: "Es wird uns schwer fallen, die Effekte von IAS 39 den Analysten und Journalisten verständlich zu machen", sagte Paul Hagen von HSBC Trinkaus & Burkhardt.
Der Grund ist die Bewertung, zu der die einzelnen Posten in die Bilanz geschrieben werden. Bisher haben Finanzdienstleister wie auch Industrieunternehmen ihre Aktiva in der Regel zum Anschaffungswert angesetzt. Lediglich die Wertpapiere und Derivate, die im Handelsbuch standen, gingen zum Marktwert in die Bilanz ein. Das soll sich ändern: Ziel der internationalen Standardsetzer ist, das schon bald alle Bilanzposten zum Marktwert angesetzt werden müssen.
IAS 39 ist da nur ein Zwischenschritt. So werden die deutschen Finanzdienstleister ihre stillen Reserven (Marktwert abzüglich Anschaffungswert) künftig als Eigenkapital ausweisen müssen. Damit steigt dieser Posten kräftig an, ohne dass sich am Gewinn etwas ändern würde. Das Resultat: Die Eigenkapitalrendite - wichtigster Indikator für Investoren - fällt drastisch. "Das können schnell mehrere Prozentpunkte sein", sagte Löw von Arthur Andersen.
Noch mehr Kopfzerbrechen bereiten den deutschen Banken ihre Derivate. So schützen sich die Häuser beispielsweise mit so genannten Swaps vor Zinsänderungsrisiken. Fällt der Marktwert von Krediten, steigen die Swaps entsprechend im Wert. Da aber laut IAS 39 die Kredite weiterhin zum Nominalwert in die Bilanz eingehen, wirken sich lediglich die Wertschwankungen der Derivate sich auf die Gewinn- und Verlustrechnung aus. Die Deutsche Bank kam alleine in den ersten drei Monaten dieses Jahres auf einen Buchgewinn von 400 Mio. Euro durch IAS 39, ohne dass der Branchenprimus auch nur eine müde Mark verdient hätte.
Derartige Verzerrungen ließen sich vermeiden, wenn die komplette Bilanz zum Marktwert angesetzt würde. "Es führt mittelfristig kein Weg daran vorbei", sagte Löw. Das sehen die meisten Banker freilich anders. Denn die Häuser müssen nun Modelle entwickeln, mit denen sie für jeden Aktivposten bis hin zum kleinen Hauskredit einen verlässlichen Marktwert finden. "Damit sind vor allem kleine Banken überfordert", meinte Hagen von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Die Personal- und Systemkosten würden die Budgets sprengen.
Eine Alternative dazu scheint es jedoch nicht zu geben. Der Einfluss der deutschen Banken auf die gemeinsame Arbeitsgruppe der internationalen Standardsetzer ist relativ gering. Und spätestens 2005 sollen laut EU-Verordnung alle börsennotierten Unternehmen in Europa einen Abschluss nach IAS vorlegen müssen. Einziger Trost für die Banken: Zeitgleich treten auch noch die neuen Eigenkapitalvorschriften nach Basel II in Kraft. Die dadurch erforderlichen Risikomodelle, so die Fachleute, würden es den Banken wenigstens erleichtern, den Marktwert ihrer Bücher zu bestimmen.
www.welt.de/daten/2001/09/04/0904wi279748.htx
Neue Bilanzregeln belasten die Banken
Rechnerisch sinkt die Eigenkapitalrendite - Die Gewinnausschläge steigen
Von Jörg Eigendorf
Frankfurt/Main - Es klingt widersinnig, aber es ist längst Realität in nahezu allen großen Banken Europas: Die Institute lösen Abteilungen auf und beschäftigen Heerscharen von Beratern - nur um eine Bilanzierungsvorschrift zu befolgen.
Es geht um einen neuen Standard der Internationalen Rechnungslegungsvorschriften (International Accounting Standards). "IAS 39" heißt das Reizwort, das die Fachleute verärgert. "IAS 39 ist eine unsinnige Regelung", sagte Edgar Löw von Arthur Andersen auf einem Seminar des Euroforums in Kronberg. Auch Patrick Kehm von der Commerzbank kritisierte den neuen Standard: "Wir müssen uns verrenken und büßen Geschäftsmöglichkeiten ein."
Was wie ein Aufschrei von Spezialisten erscheint, wird schon bald die Öffentlichkeit bewegen. Die Folgen von IAS 39 könnten nämlich die Börsenkurse erheblich schwanken lassen - ohne dass es dafür einen betriebswirtschaftlichen Grund gäbe. Denn der bilanzielle Gewinn der Banken wird sich künftig von Quartal zu Quartal stärker als bisher verändern und die Eigenkapitalrenditen werden sinken: "Es wird uns schwer fallen, die Effekte von IAS 39 den Analysten und Journalisten verständlich zu machen", sagte Paul Hagen von HSBC Trinkaus & Burkhardt.
Der Grund ist die Bewertung, zu der die einzelnen Posten in die Bilanz geschrieben werden. Bisher haben Finanzdienstleister wie auch Industrieunternehmen ihre Aktiva in der Regel zum Anschaffungswert angesetzt. Lediglich die Wertpapiere und Derivate, die im Handelsbuch standen, gingen zum Marktwert in die Bilanz ein. Das soll sich ändern: Ziel der internationalen Standardsetzer ist, das schon bald alle Bilanzposten zum Marktwert angesetzt werden müssen.
IAS 39 ist da nur ein Zwischenschritt. So werden die deutschen Finanzdienstleister ihre stillen Reserven (Marktwert abzüglich Anschaffungswert) künftig als Eigenkapital ausweisen müssen. Damit steigt dieser Posten kräftig an, ohne dass sich am Gewinn etwas ändern würde. Das Resultat: Die Eigenkapitalrendite - wichtigster Indikator für Investoren - fällt drastisch. "Das können schnell mehrere Prozentpunkte sein", sagte Löw von Arthur Andersen.
Noch mehr Kopfzerbrechen bereiten den deutschen Banken ihre Derivate. So schützen sich die Häuser beispielsweise mit so genannten Swaps vor Zinsänderungsrisiken. Fällt der Marktwert von Krediten, steigen die Swaps entsprechend im Wert. Da aber laut IAS 39 die Kredite weiterhin zum Nominalwert in die Bilanz eingehen, wirken sich lediglich die Wertschwankungen der Derivate sich auf die Gewinn- und Verlustrechnung aus. Die Deutsche Bank kam alleine in den ersten drei Monaten dieses Jahres auf einen Buchgewinn von 400 Mio. Euro durch IAS 39, ohne dass der Branchenprimus auch nur eine müde Mark verdient hätte.
Derartige Verzerrungen ließen sich vermeiden, wenn die komplette Bilanz zum Marktwert angesetzt würde. "Es führt mittelfristig kein Weg daran vorbei", sagte Löw. Das sehen die meisten Banker freilich anders. Denn die Häuser müssen nun Modelle entwickeln, mit denen sie für jeden Aktivposten bis hin zum kleinen Hauskredit einen verlässlichen Marktwert finden. "Damit sind vor allem kleine Banken überfordert", meinte Hagen von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Die Personal- und Systemkosten würden die Budgets sprengen.
Eine Alternative dazu scheint es jedoch nicht zu geben. Der Einfluss der deutschen Banken auf die gemeinsame Arbeitsgruppe der internationalen Standardsetzer ist relativ gering. Und spätestens 2005 sollen laut EU-Verordnung alle börsennotierten Unternehmen in Europa einen Abschluss nach IAS vorlegen müssen. Einziger Trost für die Banken: Zeitgleich treten auch noch die neuen Eigenkapitalvorschriften nach Basel II in Kraft. Die dadurch erforderlichen Risikomodelle, so die Fachleute, würden es den Banken wenigstens erleichtern, den Marktwert ihrer Bücher zu bestimmen.
www.welt.de/daten/2001/09/04/0904wi279748.htx