"Es gibt nach oben nur die Grenze, die wir uns selber setzen", heißt es auf der Homepage der Brainpool AG im Internet. Die Grenze hat die Kölner TV-Schmiede offenbar großzügig gezogen - so scheint es zumindest angesichts ihres jüngsten Projekts. Das Unternehmen hat über seine Tochter Space TV AG die Exklusivrechte an sieben Flügen ins Weltall erworben. Kandidaten für die ab 2002 geplanten Aufenthalte in der Raumstation ISS sollen in Hunderten von Fernsehshows ausgewählt werden. Jeder Schritt von der Auslese der "Astronauten auf Zeit" bis zu deren Heimkehr auf die Erde werde weltweit vermarktet. Die Idee als solche sei "kein Geniestreich", heißt es dazu aus Branchenkreisen. Der eigentliche Kraftakt liege in der organisatorischen und finanziellen Umsetzung. Grundsätzlich habe ein Unternehmen, das es schafft, ein Weltraum-TV-Format "einigermaßen vernünftig zu finanzieren", auch Chancen, Abnehmer dafür zu finden, lautet die Einschätzung der Branche. Da Brainpool als reiner Lizenzgeber für selbst entwickelte Formate nicht auf Auftrag produziert, stellt sich die Frage nach der Refinanzierung eines derartigen Großprojekts.
Vorab seien nur 7,5 Mill. Dollar für das Recht auf die sieben Flüge geflossen, erläutert Brainpool-Vorstandschef Jörg Grabosch das Konzept im Gespräch mit der Börsen-Zeitung.
Ausstieg aus dem All einkalkuliert
Die Vorauszahlung werde auf den Flugpreis von 30 Mill. Dollar je Raketenstart angerechnet. Zahlungen werden Schritt für Schritt mit der Realisierung des Vorhabens fällig - also erst dann, wenn ihnen auch Einnahmen gegenüberstehen. Darüber hinaus habe Brainpool das Recht, in jeder Phase auszusteigen, falls das Projekt sich wider Erwarten als Fehlschlag herausstellen sollte. Dann könne man die Option auf die Flüge immer noch an interessierte Privatpersonen verkaufen, so Grabosch. Aber einen Misserfolg hält er für unwahrscheinlich. Sein Optimismus gründet sich auf den Erfolg von Brainpool-Produktionen wie der "Wochenshow" auf Sat1 oder der ProSieben-Show "TV Total" mit dem ehemaligen Viva-Moderator Stefan Raab.
Raab, der mit seiner Show bisher einmal wöchentlich zu sehen war, soll vom kommenden Jahr an viermal pro Woche mit "TV Total Daily"auf Sendung gehen. Die Lizenzeinnahmen aus der erfolgreichen Sendung werden noch steigen, prognostiziert Grabosch. Darüber hinaus verbessere sich die Gewinnmarge, weil sich eine größere Zahl an Sendungen kostengünstiger produzieren lasse. Außerdem will Brainpool in Zusammenarbeit mit dem Axel Springer Verlag eine Fernsehzeitschrift zu "TV Total Daily" herausgeben - mit einer Auflage von mindestens 250000 Exemplaren. Die Werbebuchungen dafür bezeichnet er als "überdurchschnittlich". Die Zeitschrift soll nach den Worten Graboschs vom übernächsten Jahr an 50 Mill. DM zusätzlichen Umsatz bringen. Für 2001 rechnete er schon mit einem Umsatzbeitrag von 38 Mill. DM.
Merchandising immer wichtiger
Mit den aus Fernsehsendungen abgeleiteten Produkten wie CDs, Internet-Seiten, Printmedien, Computerspielen und sonstigen "Events" macht Brainpool nach eigenen Angaben rund ein Drittel seines Umsatzes. Das Geschäft mit diesen Merchandising-Produkten hat eine steigende Tendenz, wenn man der Einschätzung von Analysten glauben darf. Die sehen in Deutschland auf diesem Gebiet einen Nachholbedarf. Während die Konsumenten in Großbritannien 103 Dollar pro Kopf für Merchandising ausgeben, seien es in Deutschland erst 64 Dollar; an der Spitze stünden die USA mit 236 Dollar pro Kopf.
Die Aussicht auf die Einnahmen aus den neuen Projekten mit der "Brainpool-Entdeckung" Stefan Raab haben die Kölner jüngst ihre Ergebnisprognosen nach oben revidieren lassen. Das Geschäftsjahr 2001 will Grabosch mit 161 Mill. DM Umsatz und einem Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 25 Mill. DM abschließen; im Jahr 2002 sollen es dann 200 Mill. DM Umsatz und 36 Mill. DM Ebit sein. In den Schätzungen sei allerdings das Weltraum-Vorhaben noch nicht enthalten, sagt Grabosch. Wenn die laufenden Verhandlungen mit TV-Sendern und Sponsoren abgeschlossen und die Verträge unter Dach und Fach seien, werde Brainpool die Zahlen nochmals anpassen, "und zwar nicht nach unten", so der Vorstandschef.
IPO-Versprechen übertroffen
Anders als manches Unternehmen am Neuen Markt hat Brainpool die eigenen Prognosen bislang übertroffen. 1999 konnte die TV-Gesellschaft mit über 55 Mill. DM Umsatz und einem deutlich positiven Ebit von 4,35 Mill. DM aufwarten; anlässlich des IPO hatte Brainpool nur ein ausgeglichenes Ergebnis und einen Umsatz von 49 Mill. DM vorhergesagt. Im Geschäftsjahr 2000 peilen Grabosch und sein Team 88 Mill. DM Umsatz und ein Ebit von 12,8 Mill. DM an. Nach den ersten neun Monaten liege man "gut im Plan": Per Ende September stellten sich die Umsatzerlöse auf 56,6 Mill. DM, und das Ebit erreichte 5,4 Mill. DM, wobei das vierte Quartal traditionell das umsatzstärkste sei. Den Gewinn je Aktie schätzt Jan Herbst, Analyst bei Sal. Oppenheim, für das laufende Jahr auf 0,35 Euro; für das kommende Jahr rechnet er mit 0,53 Euro, und für 2002 liegt seine Prognose bei 0,78 Euro.
Besser als der Neue Markt
Beim Börsengang vor gut einem Jahr, den das Bankhaus Sal. Oppenheim und die Stadtsparkasse Köln begleiteten, sind rund 30,6 Mill. Euro neue Mittel in die Kasse des größten unabhängigen TV-Produzenten Deutschlands geflossen. Bald nach dem IPO fing der Börsenneuling an, einzukaufen: darunter einen 51%-Anteil an der schweizerischen Gregoire Furrer Productions S.A. (GFP), die als "Brückenkopf" zur Expansion in Richtung Südwesteuropa dienen soll. Ein weiterer Zukauf sind 60% an dem Kölner Computerspiel-Hersteller Westka Kommunikations-GmbH. Mit Westka hat Brainpool das PC-Spiel "Pulleralarm" zur Fernsehsendung "TV Total" auf den Markt gebracht. "Pulleralarm" sei seit November in den Geschäften, und es habe sich 100000 Mal verkauft, so Grabosch. Der Business-Plan habe einen Absatz von 50000 Stück vorgesehen. Bei Westka arbeite man derzeit an einem neuen Spiel, dessen Arbeitstitel nicht überrascht: "Space Commander".
Als Brainpool im November 1999 an die Börse ging, wurden die Anteile zu 47 Euro (bereinigt um einen Aktiensplit: 11,75 Euro) und damit am oberen Rand der Bookbuilding-Spanne zugeteilt. Seitdem markierte der Wert einen Höchststand von 35 Euro und ein Tief von 14,80 Euro; gegenwärtig kostet die Aktie gut 21 Euro. Oppenheim-Analyst Herbst äußerte in diesen Tagen, er sehe den Titel bei 29 Euro. Der Kurs der Aktie entwickelt sich gegen den Trend am Neuen Markt: Während sich der Wert der Brainpool-Aktie innerhalb eines Jahres etwa verdoppelt hat, bröckelte der Branchenindex Nemax Media & Entertainment in der gleichen Zeit auf ein Fünftel ab und dümpelt nicht weit von seinem 52-Wochen-Tief entfernt. Auch den Nemax-50 hat die Brainpool-Aktie um Längen geschlagen: Der Index liegt zurzeit bei rund 3300 Zählern und damit bei einem Drittel seines Jahreshochs.
So bald müsse er den Kapitalmarkt nicht wieder in Anspruch nehmen, erklärt Grabosch. Trotz einiger Zukäufe im laufenden Jahr sei die Kasse bei Brainpool "noch gut gefüllt" vom Börsengang. Alle aktuellen Vorhaben könnten aus dem operativen Geschäft finanziert werden. Aber ausschließen möchte er in dieser Hinsicht nichts, schließlich sei die 100-prozentige Tochter Space TV nicht ohne guten Grund als Aktiengesellschaft gegründet worden.
Offen für nutzbringenden Investor
Der Brainpool-Mitbewerber Endemol wurde kürzlich von der spanischen Telekommunikationsgesellschaft Telef¢nica gekauft. Grundsätzlich kann sich Grabosch auch vorstellen, einen strategischen Investor bei Brainpool an Bord zu nehmen. Anfragen gebe es viele, und "man redet immer mal wieder mit verschiedenen Leuten". Aber der Einstieg müsse "einen Mehrwert" für Brainpool bedeuten, so Grabosch. Ein an Content interessiertes Telekommunikationsunternehmen sei beispielsweise ein potenzieller Partner, weil sich dadurch neue Möglichkeiten der Distribution eröffneten. Bei einer "vernünftigen Konstellation würde ich der Sache nicht zwingend im Wege stehen", sagt Grabosch.