16.02.03 00:43
Börsenpsychologie: Nichts für schwache Nerven
StrategieNichts für schwache NervenAn den Finanzmärktenregiert die Kriegsangst. Börsen-Psychologen sprechen sogar von Hysterie. Dabei bietet die Krise mutigen Anlegern ausgezeichnete Chancen auf schnelle Gewinne
von Sven Parplies / Euro am Sonntag
Saddam gibt auf. Der irakische Diktator geht freiwillig ins Exil. Kurz nach Börseneröffnung in den USA läuft die Eilmeldung über die Ticker der Nachrichtenagenturen. An den Finanzmärkten bricht Hektik aus. Der Dow Jones springt aus dem Stand um zehn Prozent in die Höhe, der DAX legt mehr als 15 Prozent zu. Statt Kriegsangst regiert plötzlich Kaufpanik.Zugegeben, dieses Szenario scheint gegenwärtig höchst unwahrscheinlich. Der Diktator in Bagdad klammert sich an die Macht, US-Präsident George W. Bush demonstriert Entschlossenheit und die Vermittlungsversuche der Vereinten Nationen laufen ins Leere.
Die Börsen bereiten sich schon seit Wochen auf das Schlimmste vor: Flächenbrand im Nahen Osten, Terroranschläge, ein Ölpreis von 100 Dollar je Barrel, weltweite Rezession - kein Horrorszenario wird ausgelassen. "Die negative Stimmung ist eindeutig überzogen", so Manfred Hübner, Research-Manager bei Deka-Investment und Experte für Börsen-Psychologie. Viele Kleinanleger haben bereits resigniert. Der von Hübner ermittelte Stimmungsindikator Sentix, der auf Umfragen unter Investoren basiert, belegt: Der Investitionsgrad der Kleinanleger ist so tief wie noch nie seit Auflegung des Sentix im Februar 2001. Experten erwarten, dass sich dieser Pessimismus weiter verstärken wird. "Kurz vor einem Krieg stehen nun einmal die Sorgen wegen möglicher Auswirkungen im Vordergrund", analysiert die WestLB die Stimmung an den Finanzmärkten.
Emotionen sind an der Börse jedoch meist schlechte Berater. Die WestLB zieht schon Parallelen zum Börsenboom im Frühjahr 2000. Auch damals ließen sich viele Anleger von ihren Gefühlen leiten - die Gier nach schnellen Gewinnen mussten viele teuer bezahlen. Was vor drei Jahren die Gier war, ist heute die Angst. Und wieder könnten die Privatanleger auf dem falschen Fuß erwischt werden. "Natürlich ist das Risiko gegenwärtig extrem hoch - aber es ist mit Sicherheit niedriger als auf dem Höhepunkt der Börseneuphorie im Frühjahr 2000", gibt der Manager eines bekannten Technologiefonds gegenüber EURO zu bedenken.
Wie schnell die Stimmung umschlagen kann, hat sich beim ersten Golfkrieg in den Jahren 1990 und 1991 gezeigt. Damals entwickelten sich die Börsen nach dem klassischen Drei-Phasen-Modell: Die Verunsicherung schlug nach Beginn der Gegenoffensive der Alliierten in eine heftige, emotional getriebene Erleichterungsrally um. Der DAX schoss innerhalb eines Monats um knapp 15 Prozent in die Höhe, ehe in der dritten Phase die Sorge um die weitere konjunkturelle Entwicklung die Aufwärtsbewegung bremste.
Für Anleger war die zweite Phase, die heftige Aufwärtsbewegung, die wichtigste. Wer damals mit seinen Investments zögerte, der verpasste das Beste. Viele Fonds und Vermögensverwalter beginnen deshalb schon jetzt, ihre Investitionsquote zu erhöhen, um im Fall einer schnellen Kurserholung nicht zu spät zu kommen. Sicherlich eine Strategie mit Risiko - aber auch mit verlockenden Erfolgsaussichten.
Goldman Sachs taxiert die Chancen auf eine vergleichsweise glimpfliche Lösung der Irak-Krise, friedlich oder durch einen kurzen Militärschlag, in einer aktuellen Studie immerhin auf 65 Prozent. Sollte sich diese Zuversicht bestätigen, erwartet die HypoVereinsbank auf Sicht von sechs Monaten einen DAX-Stand von 3700 Punkten. Gemessen am aktuellen Stand wäre das ein Plus von 40 Prozent. Und auch die WestLB sieht erhebliches Aufwärtspotenzial: Die Aktienmärkte seien im Falle eines kurzen, erfolgreichen Militärschlags der USA deutlich unterbewertet, die Risiko-Abschläge auf die Kurse so groß wie seit 20 Jahren nicht mehr.
Risikobereite Anleger schauen neben den traditionell sehr sensiblen Technologie-Titeln vor allem auf Chemie- und Tourismus-Aktien. Beide Sektoren haben besonders stark unter der Kriegsangst zu leiden. Der Reisekonzern TUI (minus 40 Prozent) und die Deutsche Lufthansa (minus 26 Prozent) gehörten in den vergangenen drei Monaten mit zu den größten Verlierern im DAX - entsprechend stark dürften die Titel von einer Lösung des Irak-Konflikts profitieren.
Chemie-Werte wie BASF sind gleich doppelt interessant: Für sie ist Öl einer der wichtigsten Rohstoffe. Die aktuell hohen Preise belasten daher die Gewinnperspektiven. Doch bei einem Sturz Saddams würde der Ölpreis wohl drastisch sinken. Die Landesbank Rheinland-Pfalz hält im Falle einer schnellen Lösung des Irak-Konflikts einen Ölpreis von 25 Dollar pro Barrel für realistisch. Zurzeit kostet ein solches 159-Liter-Fass rund 36 Dollar.Zudem gelten Chemie-Werte als Frühzykliker, die besonders schnell von einer Konjunkturerholung profitieren. Genau die wird nach einem schnellen Ende des Irak-Konflikts immer wahrscheinlicher. "Die Konjunktursignale sind schon jetzt besser als die Wahrnehmung an den Finanzmärkte", bekräftigt Deka-Börsen-Psychologe Hübner. "Ist die Kriegsangst erst überwunden, wird dies wieder stärker Beachtung finden."
Kaufgelegenheiten bieten sich nicht nur bei deutschen Aktien. Vor allem Lukoil wird in Börsenkreisen hier immer wieder genannt. Der russische Ölkonzern hatte 1997 einen spektakulären Vertrag mit der irakischen Staatsführung über die Nutzung der Ölfelder in West-Qurna geschlossen. Mit einem Volumen von 3,5 Milliarden Dollar war es das größte Ölabkommen, das ein ausländisches Unternehmen jemals mit dem Irak vereinbart hat. Das Problem: Solange die UNO-Sanktionen gegen das Saddam-Regime in Kraft sind, ist der Vertrag faktisch wertlos. Dass der Irak die Vereinbarung mit Lukoil Anfang des Monats gekündigt hat, dürfte schon bald kein Problem mehr sein - wird Saddam gestürzt, wäre Lukoil wieder im Geschäft.
Genau wie etliche amerikanische Konzerne, die im Windschatten der US-Armee auf lukrative Aufträge setzen - auch wenn sie sich bislang aus taktischen Gründen nicht zu ihren Plänen äußern. So schauen Börsianer unmittelbar nach einem Militärschlag, trotz dann sinkender Rohstoffpreise, wohl ganz gespannt auf die Ölbranche. Und hier besonders auf Ausrüster wie Halliburton, Schlumberger und Baker Hughes. Die Spezialisten für Pipelines und Bohrtürme dürfen vor allem dann auf Großaufträge hoffen, falls Saddam Hussein in einer letzten Verzweiflungstat die irakischen Ölfelder in Brand setzen lässt.
Anleger, die die Krise am Golf für antizyklische Investments nutzen, sollten sich trotz der historisch günstigen Bewertung vieler Aktien durch enge Stopp-Kurse absichern. Denn genauso dramatisch wie die Kriegsangst wirkt gegenwärtig das zermürbende Warten auf eine Entscheidung am Golf. Bislang hat die Unterstützungslinie des DAX, das Oktobertief von 2519 Punkten, gehalten. Sollte diese Marke allerdings nachhaltig unterschritten werden, droht eine neue Verkaufswelle. Charttechniker sehen die nächste starke Unterstützung dann erst wieder in der Zone zwischen 2200 und 2000 Punkten. Und selbst bei einer Erleichterungsrally gilt erhöhte Vorsicht, da das aktuelle Gefährdungsszenario weitaus explosiver ist als beim ersten Golfkrieg Anfang der 90er-Jahre. So könnten Terroranschläge die aufkommende Euphorie schnell wieder ersticken. Anleger sollten daher Kursgewinne möglichst rasch realisieren.
Wenn die Krise am Golf in die entscheidende Phase tritt, hält Kai Franke, Aktienstratege der BHF-Bank, Kursschwankungen von bis zu 20 Prozent innerhalb einer Woche für realistisch. Verlockende Aussichten für Investoren mit starken Nerven.
Börsenpsychologie: Nichts für schwache Nerven
StrategieNichts für schwache NervenAn den Finanzmärktenregiert die Kriegsangst. Börsen-Psychologen sprechen sogar von Hysterie. Dabei bietet die Krise mutigen Anlegern ausgezeichnete Chancen auf schnelle Gewinne
von Sven Parplies / Euro am Sonntag
Saddam gibt auf. Der irakische Diktator geht freiwillig ins Exil. Kurz nach Börseneröffnung in den USA läuft die Eilmeldung über die Ticker der Nachrichtenagenturen. An den Finanzmärkten bricht Hektik aus. Der Dow Jones springt aus dem Stand um zehn Prozent in die Höhe, der DAX legt mehr als 15 Prozent zu. Statt Kriegsangst regiert plötzlich Kaufpanik.Zugegeben, dieses Szenario scheint gegenwärtig höchst unwahrscheinlich. Der Diktator in Bagdad klammert sich an die Macht, US-Präsident George W. Bush demonstriert Entschlossenheit und die Vermittlungsversuche der Vereinten Nationen laufen ins Leere.
Die Börsen bereiten sich schon seit Wochen auf das Schlimmste vor: Flächenbrand im Nahen Osten, Terroranschläge, ein Ölpreis von 100 Dollar je Barrel, weltweite Rezession - kein Horrorszenario wird ausgelassen. "Die negative Stimmung ist eindeutig überzogen", so Manfred Hübner, Research-Manager bei Deka-Investment und Experte für Börsen-Psychologie. Viele Kleinanleger haben bereits resigniert. Der von Hübner ermittelte Stimmungsindikator Sentix, der auf Umfragen unter Investoren basiert, belegt: Der Investitionsgrad der Kleinanleger ist so tief wie noch nie seit Auflegung des Sentix im Februar 2001. Experten erwarten, dass sich dieser Pessimismus weiter verstärken wird. "Kurz vor einem Krieg stehen nun einmal die Sorgen wegen möglicher Auswirkungen im Vordergrund", analysiert die WestLB die Stimmung an den Finanzmärkten.
Emotionen sind an der Börse jedoch meist schlechte Berater. Die WestLB zieht schon Parallelen zum Börsenboom im Frühjahr 2000. Auch damals ließen sich viele Anleger von ihren Gefühlen leiten - die Gier nach schnellen Gewinnen mussten viele teuer bezahlen. Was vor drei Jahren die Gier war, ist heute die Angst. Und wieder könnten die Privatanleger auf dem falschen Fuß erwischt werden. "Natürlich ist das Risiko gegenwärtig extrem hoch - aber es ist mit Sicherheit niedriger als auf dem Höhepunkt der Börseneuphorie im Frühjahr 2000", gibt der Manager eines bekannten Technologiefonds gegenüber EURO zu bedenken.
Wie schnell die Stimmung umschlagen kann, hat sich beim ersten Golfkrieg in den Jahren 1990 und 1991 gezeigt. Damals entwickelten sich die Börsen nach dem klassischen Drei-Phasen-Modell: Die Verunsicherung schlug nach Beginn der Gegenoffensive der Alliierten in eine heftige, emotional getriebene Erleichterungsrally um. Der DAX schoss innerhalb eines Monats um knapp 15 Prozent in die Höhe, ehe in der dritten Phase die Sorge um die weitere konjunkturelle Entwicklung die Aufwärtsbewegung bremste.
Für Anleger war die zweite Phase, die heftige Aufwärtsbewegung, die wichtigste. Wer damals mit seinen Investments zögerte, der verpasste das Beste. Viele Fonds und Vermögensverwalter beginnen deshalb schon jetzt, ihre Investitionsquote zu erhöhen, um im Fall einer schnellen Kurserholung nicht zu spät zu kommen. Sicherlich eine Strategie mit Risiko - aber auch mit verlockenden Erfolgsaussichten.
Goldman Sachs taxiert die Chancen auf eine vergleichsweise glimpfliche Lösung der Irak-Krise, friedlich oder durch einen kurzen Militärschlag, in einer aktuellen Studie immerhin auf 65 Prozent. Sollte sich diese Zuversicht bestätigen, erwartet die HypoVereinsbank auf Sicht von sechs Monaten einen DAX-Stand von 3700 Punkten. Gemessen am aktuellen Stand wäre das ein Plus von 40 Prozent. Und auch die WestLB sieht erhebliches Aufwärtspotenzial: Die Aktienmärkte seien im Falle eines kurzen, erfolgreichen Militärschlags der USA deutlich unterbewertet, die Risiko-Abschläge auf die Kurse so groß wie seit 20 Jahren nicht mehr.
Risikobereite Anleger schauen neben den traditionell sehr sensiblen Technologie-Titeln vor allem auf Chemie- und Tourismus-Aktien. Beide Sektoren haben besonders stark unter der Kriegsangst zu leiden. Der Reisekonzern TUI (minus 40 Prozent) und die Deutsche Lufthansa (minus 26 Prozent) gehörten in den vergangenen drei Monaten mit zu den größten Verlierern im DAX - entsprechend stark dürften die Titel von einer Lösung des Irak-Konflikts profitieren.
Chemie-Werte wie BASF sind gleich doppelt interessant: Für sie ist Öl einer der wichtigsten Rohstoffe. Die aktuell hohen Preise belasten daher die Gewinnperspektiven. Doch bei einem Sturz Saddams würde der Ölpreis wohl drastisch sinken. Die Landesbank Rheinland-Pfalz hält im Falle einer schnellen Lösung des Irak-Konflikts einen Ölpreis von 25 Dollar pro Barrel für realistisch. Zurzeit kostet ein solches 159-Liter-Fass rund 36 Dollar.Zudem gelten Chemie-Werte als Frühzykliker, die besonders schnell von einer Konjunkturerholung profitieren. Genau die wird nach einem schnellen Ende des Irak-Konflikts immer wahrscheinlicher. "Die Konjunktursignale sind schon jetzt besser als die Wahrnehmung an den Finanzmärkte", bekräftigt Deka-Börsen-Psychologe Hübner. "Ist die Kriegsangst erst überwunden, wird dies wieder stärker Beachtung finden."
Kaufgelegenheiten bieten sich nicht nur bei deutschen Aktien. Vor allem Lukoil wird in Börsenkreisen hier immer wieder genannt. Der russische Ölkonzern hatte 1997 einen spektakulären Vertrag mit der irakischen Staatsführung über die Nutzung der Ölfelder in West-Qurna geschlossen. Mit einem Volumen von 3,5 Milliarden Dollar war es das größte Ölabkommen, das ein ausländisches Unternehmen jemals mit dem Irak vereinbart hat. Das Problem: Solange die UNO-Sanktionen gegen das Saddam-Regime in Kraft sind, ist der Vertrag faktisch wertlos. Dass der Irak die Vereinbarung mit Lukoil Anfang des Monats gekündigt hat, dürfte schon bald kein Problem mehr sein - wird Saddam gestürzt, wäre Lukoil wieder im Geschäft.
Genau wie etliche amerikanische Konzerne, die im Windschatten der US-Armee auf lukrative Aufträge setzen - auch wenn sie sich bislang aus taktischen Gründen nicht zu ihren Plänen äußern. So schauen Börsianer unmittelbar nach einem Militärschlag, trotz dann sinkender Rohstoffpreise, wohl ganz gespannt auf die Ölbranche. Und hier besonders auf Ausrüster wie Halliburton, Schlumberger und Baker Hughes. Die Spezialisten für Pipelines und Bohrtürme dürfen vor allem dann auf Großaufträge hoffen, falls Saddam Hussein in einer letzten Verzweiflungstat die irakischen Ölfelder in Brand setzen lässt.
Anleger, die die Krise am Golf für antizyklische Investments nutzen, sollten sich trotz der historisch günstigen Bewertung vieler Aktien durch enge Stopp-Kurse absichern. Denn genauso dramatisch wie die Kriegsangst wirkt gegenwärtig das zermürbende Warten auf eine Entscheidung am Golf. Bislang hat die Unterstützungslinie des DAX, das Oktobertief von 2519 Punkten, gehalten. Sollte diese Marke allerdings nachhaltig unterschritten werden, droht eine neue Verkaufswelle. Charttechniker sehen die nächste starke Unterstützung dann erst wieder in der Zone zwischen 2200 und 2000 Punkten. Und selbst bei einer Erleichterungsrally gilt erhöhte Vorsicht, da das aktuelle Gefährdungsszenario weitaus explosiver ist als beim ersten Golfkrieg Anfang der 90er-Jahre. So könnten Terroranschläge die aufkommende Euphorie schnell wieder ersticken. Anleger sollten daher Kursgewinne möglichst rasch realisieren.
Wenn die Krise am Golf in die entscheidende Phase tritt, hält Kai Franke, Aktienstratege der BHF-Bank, Kursschwankungen von bis zu 20 Prozent innerhalb einer Woche für realistisch. Verlockende Aussichten für Investoren mit starken Nerven.