Der ehemalige Investmentbanker Tony Golding über die zweifelhafte
Rolle von Analysten
SPIEGEL: Sie arbeiteten jahrelang als Analystenchef einer Londoner
Investmentbank. Können Anleger den Analysten trauen?
Golding: Analysten sind die Diener vieler Herren. In den vergangenen
fünf Jahren hat der Druck auf sie ständig zugenommen, ihre
Investmentbanken mit zusätzlichem Geschäft zu versorgen. Denn die
guten Analysten sprechen ständig mit den Vorständen, die darüber
entscheiden, ob eine Tochterfirma an die Börse kommt oder welche Bank
bei einer Kapitalerhöhung mitmachen darf.
SPIEGEL: Nur ein Prozent der Analystenberichte sind
Verkaufsempfehlungen. Warum?
Golding: Kein Unternehmen hat es gern, wenn eine Verkaufsempfehlung
weltweit auf den Handelsbildschirmen auftaucht. Die Bank hat Angst,
dass sie kein Geschäft mehr mit der Firma macht. Bei der
amerikanischen Investmentbank Lehman warnte der zuständige
Anleiheanalyst vor knapp einem Jahr öffentlich, dass der
Internet-Händler Amazon wegen anhaltender Verluste bald nichts mehr
in der Kasse hat. Die Aktienanalystin von Lehman blieb bei ihrer
Kaufempfehlung für den Buchhändler. Mittlerweile hat der
verkaufsschädigende Anleiheanalyst, der Recht behalten hat, die Bank
verlassen.
SPIEGEL: Was meinen Analysten, wenn sie raten, eine Aktie zu
"halten"?
Golding: Das heißt übersetzt: möglichst schnell verkaufen. Was sie
schreiben und was sie sagen, sind oft sehr unterschiedliche Dinge. In
den USA heißt "strong buy" kaufen und "buy" höchstens noch die Aktie
halten. Die Fondsmanager trauen den unklaren Botschaften nicht und
telefonieren direkt mit den Analysten. Dort hören sie dann oft genug,
dass der Analyst als Privatmann zum Verkauf rät, während er als
Angestellter einer Bank eine Kaufempfehlung abgibt.
SPIEGEL: Gute Analysten können in der Londoner City über drei
Millionen Mark verdienen. Woher kommt das Geld?
Golding: Wenn die Analysten davon abhängig wären, was die
Großinvestoren für ihre Studien zahlen, bekämen sie vielleicht 200
000 Mark. Die hohen Bonuszahlungen kassieren sie, weil sie den
Investmentbankern helfen, große Deals an Land zu ziehen. Als J. P.
Morgan vor 15 Jahren in das Investmentbanking einstieg, kauften sie
nur Analysten für Unternehmenssektoren, in denen sie im
Fusionsgeschäft aktiv werden wollten. Gerade wurde eine interne
Dienstanweisung von J. P. Morgan bekannt, die die Aktienanalysten
verpflichtet, die Investmentbanker vorher zu informieren, wenn sie
ihre Empfehlung verändern wollen.
SPIEGEL: Morgan Stanley und Goldman Sachs dominieren die
Analystenszene weltweit. Woran liegt das?
Golding: Bei einer vor kurzem durchgeführten Reuters-Umfrage
bedachten Fondsmanager die Analyseabteilungen von Goldman Sachs und
Morgan Stanley nur mit den Plätzen sechs bis neun, während die
Finanzvorstände sie auf die Spitzenplätze hoben. Die wollen
Beziehungen pflegen, weil sie Angst davor haben, dass sich die Banken
in der nächsten Übernahmeschlacht gegen sie wenden.
SPIEGEL: Sind die Analysten mit schuld an der Spekulationsblase, die
sich vor allem bei Technologiewerten gebildet hatte?
Golding: Natürlich. Es gab so wenig kritische Studien, weil alle von
Boommärkten profitieren. Die Investmentbanken kassieren, die Anwälte
und die Manager verdienen an den Deals, die Analysten kreieren zur
Not neue Bewertungskriterien, um ihre kühnen Prognosen zu
rechtfertigen. Die werden ausgeschickt, Börsenkandidaten
aufzutreiben. Bei diesem Geschäft kassieren die Banken bis zu sieben
Prozent des Emissionserlöses.
SPIEGEL: In den vergangenen Monaten gab es keine echte
Verkaufsempfehlung für Vodafone-Aktien von irgendeiner großen
Investmentbank, obwohl der Kurs um 50 Prozent einbrach. Was steckt
dahinter?
Golding: Keine Investmentbank will sich mit diesem Mobilfunkriesen
anlegen. Schließlich könnte demnächst ein Geschäft locken. Vodafone
ist bei Übernahmen und Börsengängen sehr aktiv. Zurzeit locken die
hochverzinslichen Anleihen, ein sehr profitables Geschäft.
SPIEGEL: Manche Beobachter sagen, dass Vodafone-Chef Chris Gent
Mannesmann übernehmen konnte, weil er viele Analysten in der Londoner
City mit Namen kennt.
Golding: Die Analysten sind nicht so wichtig. Deren Einfluss auf den
Kurs ist meist nur kurzfristig. Die Kontakte zu den Großanlegern
zählen, die auch bei Mannesmann zu zwei Dritteln aus den USA und
England stammten. Diese institutionellen Investoren, die viele
hundert Milliarden Dollar mobilisieren können, haben die wirkliche
Macht. Die wollen den direkten Zugang zu den Vorständen der Firmen
haben, in die sie investieren. Die trauen den Analysten nicht mehr
über den Weg.
SPIEGEL: In Deutschland haben viele Vorstände immer noch Probleme,
sich vor Analysten oder Fondsmanagern zu rechtfertigen.
Golding: Ich habe sehr viel Sympathie mit erfahrenen Vorständen, die
Probleme mit 28-jährigen ahnungslosen Analysten haben. Aber so läuft
die Welt. Der US-amerikanische Kapitalismus hat in den vergangenen
zehn Jahren dominiert. Der deutsche Weg enger Beziehungen zwischen
Banken und den Firmenkunden erodiert schnell.
SPIEGEL: Welche Konsequenzen hat das für die Wirtschaft?
Golding: Amerikanische Großinvestoren wie Fidelity, Capital
Investment oder Franklin Templeton kontrollieren 50 Prozent der
institutionellen Gelder weltweit. Wenn sie zwei oder vier Prozent der
Aktien eines Unternehmens kaufen, verlangen sie direkten Zugang zum
Management. Die Unternehmen werden alles tun, um die neuen
Großaktionäre zu befriedigen. Wenn die verlangen, dass sie die
Unternehmen in Einzelteile zerlegen, werden sie es tun.
SPIEGEL: In Großbritannien revoltieren die Großanleger gerade gegen
die Prämien, die Vorständen bei gelungenen Übernahmen gezahlt werden.
Ist das gerechtfertigt?
Golding: Auf jeden Fall. Vodafone-Chef Chris Gent und der Chef der
Royal Bank of Scotland wurden um einige Millionen Mark reicher, weil
sie ihre Unternehmen durch Übernahmen noch größer gemacht haben. Das
schafft falsche Anreize. Sie müssten Boni in drei Jahren bekommen,
wenn sie bewiesen haben, dass die Übernahmen tatsächlich Mehrwert
geschaffen haben. Bei Übernahmen ist nur eines sicher: Die
beteiligten Investmentbanken kassieren richtig ab.
INTERVIEW: CHRISTOPH PAULY
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