Blendende Liquiditäts-Aussichten am Neuen Markt
Frankfurt (vwd) - Seit Ende September geht es am Neuen Markt steil
bergauf. Der Nemax-50 hat sich von 645 Punkten auf aktuell über 1.300 Zähler
mehr als verdoppelt und dabei den kaum weniger erfolgreichen Nemax-All-Share
wieder überholt. Schon mehren sich Stimmen, der Anstieg sei fundamental
nicht untermauert. Dieter Schwarz, Aktienstratege bei ConSors Capital, sieht
eine klare Differenz zwischen der Meinung des Marktes und der der
Aktien-Analysten. In den vergangenen Tagen konnten bereits Herabstufungen
von Titeln beobachtet werden, die einzig durch die teilweise explosiven
Kursgewinne begründet wurden.
Carsten Klude und Christian Jasperneite, Volkswirte bei M.M. Warburg,
machen wieder eine deutliche Überbewertung bei europäischen
Technologiewerten aus. Selbst wenn man den Konsensusschätzungen für 2002
Glauben schenke, sei der Sektor um 50 Prozent zu hoch bewertet. "Die Börse
greift der erhofften Konjunkturerholung für das nächste Jahr extrem voraus",
so ein Sales-Manager, der namentlich nicht genannt werden möchte. Zwar seien
viele Investoren angesichts des Vertrauensverlusts noch immer sehr
skeptisch. Sie wagten sich dennoch zurück, da der Ausblick auf hohe Gewinne
locke. "Viele Anleger haben wieder Dollar-Zeichen in den Augen", fügt der
Sales-Manager hinzu. Wie zu den besten Zeiten des Neuen Marktes seien
Privatanleger und Institutionelle mit von der Partie. Selbst ausländische
Investoren mischten wieder verstärkt mit.
Zwar hätten die Umsätze noch lange nicht die Niveaus wie vor zwei Jahren
erreicht, stiegen aber stetig an. Zudem sei demnächst wieder mit
Neuemissionen zu rechnen. So lange Liquidität in den Markt ströme, sei das
Rückschlagpotenzial begrenzt, vielmehr dürfte es weiter nach oben gehen.
Schwarz weist zudem darauf hin, dass das Kurs/Gewinnverhältnis nur eine von
vielen relevanten Bewertungsgrößen ist. So sei das Gewinnmomentum, das heißt
tendeziell steigende Gewinne, wesentlich wichtiger als eine rein statische
Bestandsaufnahme. Darüber hinaus geht Schwarz davon aus, dass die sehr
geringen konjunkturellen Prognosen an das Wirtschaftswachstum 2002
übertroffen werden können.
Mit Blick auf eine fallende Inflation und dauerhaft niedrigere
Energiepreise erwartet Schwarz, dass sich die für 2001 erhofften positiven
Effekte der Steuersenkungen im kommenden Jahr in Deutschland einstellen
werden. Angesichts eines sich anbahnenden Preiskrieges zwischen dem
OPEC-Kartell und den Nicht-OPEC-Staaten, insbesondere Russland, sei in der
nächsten Zukunft ein moderater Ölpreis zu erwarten. Schließlich gebe es
Anzeichen dafür, dass das Verbrauchervertrauen unter den Anschlägen in den
USA weit weniger gelitten habe als zunächst befürchtet. Dazu hätten nicht
zuletzt das entschiedene Vorgehen der USA in Afghanistan und die
offensichtlichen militärischen Erfolge der Nordallianz beigetragen.
Ein anderes Argument für steigende Kurse an den Aktienmärkten sind die
niedrigen Zinsen. Das aktuelle Niveau mache andere Anlageformen wenig
attraktiv, fügt der Sales-Manager hinzu. Insbesondere sei mit Umschichtungen
aus dem Renten- in den Aktienmarkt zu rechnen. Die größten Gefahr für den
Markt sieht der Manager momentan in externen Schocks - etwa neuen
Terrorattacken und einem damit verbundenen Einbruch des
Verbrauchervertrauens. Wenig Gefahr gehe hingegen in den nächsten Wochen von
Enttäuschungen von Unternehmsseite aus.
Die große Mehrzahl der Unternehmen aus dem Nemax-50 hätten bereits ihre
Zahlen für das dritte Quartal vorgelegt. Die meisten seien auf reduzierten
Niveaus in etwa in line ausgefallen. Bis Ende des Jahres könnte der Top 50
bis an die Marke von 1.400, möglicherweise gar 1.500 Zählern klettern.
Profitieren dürften davon besonders die marktbreiten Standardtitel. Mit
Blick auf die in den Markt fließende Liquidität sei das Rückschlagpotenzial
äußerst begrenzt. Der Sales-Manager hält es für unwahrscheinlich, dass sich
der Nemax-50 unter 1.100 Punkten aus dem alten Jahr verabschiedet. Auch
Schwarz ist bullig, warnt jedoch zugleich vor einem zu rasanten Anstieg.
Wenn die Kurse so weiter steigen, rechnet er ab spätestens Mitte Januar mit
steigender Volatilität und einer damit einhergehenden Konsolidierung am
Markt. +++ Manuel Priego Thimmel
vwd/22.11.2001/mpt/gre
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