Warum der Mehrwertsteuer-Effekt auf die Inflationsrate überschätzt wird
Mehr als nur ein Sondereffekt
Die Hoffnung, dass sich durch den Wegfall des Mehrwertsteuer-Effekts die Inflationsrate im kommenden Jahr wieder normalisiert, wurde mittlerweile auch von der deutschen EZB-Direktorin Isabel Schnabel aufgegeben. Ihr plötzlicher Sinneswandel hat mehrere Ursachen: Getrieben von der US-Notenbank Fed muss die EZB in Sachen Drosselung der Geldschöpfung mitziehen und ebenfalls Zinserhöhungen ins Schaufenster stellen. Andernfalls droht dem Euro eine Abwertungsspirale gegenüber dem US-Dollar. Das wiederum brächte eine nicht zu unterschätzende Importpreisinflation mit sich. Diesen Effekt kann man momentan in extremer Ausprägung in der Türkei beobachten. Daher muss Frau Schnabel nun plötzlich die Inflationsrisiken betonen. Sonst wäre eine geldpolitische Wende der EZB, zumindest verbal, nicht plausibel.
Ab Januar 2022 kommt es außerdem in Deutschland durch die nächste Stufe der CO2-Steueranhebung zu einem weiteren Inflations-Sondereffekt: eine massive administrative Teuerung bei fossilen Energieträgern. Der Liter Super-Benzin (95 Oktan) wird z. B. in der Neujahrsnacht um ca. 10 Cent teurer. Generell wird der Jahreswechsel genutzt werden, um Preise in vielen Bereichen anzuheben. Besonders Mieten, Mietnebenkosten sowie Löhne und Gehälter könnten dann ab der 2. Jahreshälfte 2022 sogar für Inflationsraten wie zum Ende dieses Jahres sorgen.
Glaubt man den Politikern und Experten, werden die pandemiebedingten Einschränkungen auch im Jahr 2022 teilweise bestehen bleiben. Damit wird sich der Stress bei den Lieferketten fortsetzen. Vor allem ausgehend von China, wo eine Null-Toleranz-Politik in Sachen SARS-CoV-2 immer wieder zu Fabrik- und Hafenschließungen führt. Materialknappheit, Lieferverzögerungen und Logistikengpässe sind schon jetzt ein wesentlicher Preistreiber. Auch dieser Sondereffekt verschwindet nicht mit dem Jahreswechsel. Die Energiewende in Deutschland ist ein weiterer Effekt, der die Preisinflation nachhaltig beeinflusst. Neben den teurer werdenden CO2-Zertifikaten stiegen die Strom- und Gaspreise zuletzt auf neue Rekordstände an.
Durch eine Kettenreaktion entwickelt eine sich beschleunigende Inflation quasi kinetische Energie, wie eine Seifenkiste, die bergab an Geschwindigkeit gewinnt. Einmal in Fahrt, ist sie schwer wieder aufzuhalten. Gestiegene Kosten werden entlang der Wertschöpfungskette von den betroffenen Unternehmen weitergegeben. Durch höhere Lohnforderungen zum Ausgleich für die gestiegenen Lebenshaltungskosten droht ein Teufelskreis. Zwar ist die von den Notenbanken gefürchtete Preis-Lohn-Preis-Spirale in Deutschland noch nicht wirklich in Gang gekommen, doch der Ampel-Koalitionsvertrag sieht für 2022 eine Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro vor. Das sind im Vergleich zu dem ab Januar 2022 geltenden Mindestlohn in Höhe von 9,82 EUR noch mal 22,2 Prozent mehr. In vielen Betrieben werden all diejenigen, die bereits jetzt um die 12 Euro brutto pro Stunde verdienen, aber höher qualifiziert sind, auf eine Beibehaltung des Lohnabstands pochen und ebenfalls mehr Geld verlangen. Dann beschränkt sich der Mindestlohneffekt nicht mehr nur auf die knapp 2 Mio. Beschäftigte, die ihn erhalten. Ganz abgesehen davon, dass die stark gestiegene Inflation schon jetzt Druck auf die Tarifverhandlungen ausübt.
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Schlauer durch Aua