Biotechnologie: Piraterie im Genpool


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Hartkore_Diab.:

Biotechnologie: Piraterie im Genpool

 
16.07.01 10:27
Aus der FTD vom 16.7.2001 www.ftd.de/china-biotech
Biotechnologie: Piraterie im Genpool
Von Mark Böschen und Ole Döring, Hamburg

Biotechnologie auf Chinesisch lockt viele westliche Genetik-Unternehmen. Sie nutzen das Reich der Mitte als billiges Testlabor - ohne sich dort um die zu Hause geltenden Schutzbestimmungen scheren zu müssen.

Der kleine Longwei ist noch kein Jahr alt, und schon ein Star. Der chinesische Säugling besitzt den weltweit ersten genetischen Personalausweis. Auf dem DIN-A4-Blatt sind neben den üblichen Angaben zehn Zahlen vermerkt, die über das Erbgut des Trägers Aufschluss geben.

Zhang Lin von der Universität Chengdu in Westchina ist stolz auf seine Erfindung. Bei der Technik der Gen-Sequenzierung, der Analyse und Erfassung von Genen, kann China durchaus mit der Weltspitze mithalten. Das Land verfügt über riesige Forschungskapazitäten, rund 2,4 Mrd. $ Umsatz machte Chinas Biotech-Branche im vergangenen Jahr. Zum Vergleich: In Deutschland setzt die Zukunftsindustrie gerade mal ein Drittel dessen um.


Und man hat Großes vor: Ein genetischer Ausweis wie der von Longwei lässt sich in China schon für 30 Euro erstellen. Gerichtsmediziner Zhang plant bereits eine Datenbank, die alle Neugeborenen umfasst. Bis ein solches Gen-Archiv des chinesischen Volkes Wirklichkeit werden könnte, muss Zhang noch einige Hürden überwinden, technische wohlgemerkt - nicht etwa bei den chinesischen Behörden.



Lasche Regeln


Während in Deutschland schon die Erfassung der Gen-Daten von Sexualstraftätern strittig ist, ist die Regulierung in China extrem lax. Die "Staatlichen Vorschriften für die humangenetische Forschung" von 1998 schützen in erster Linie die Interessen der Pharma-Industrie. Und die wenigen Regeln, die der Forschung auferlegt wurden, werden kaum beachtet.


Ein solch toleranter Umgang mit genetischen Daten freut nicht nur heimische Forscher wie Zhang. Die Volksrepublik wandelt sich zum Wilden Osten der Humangenetik. Immer mehr ausländische Unternehmen entdecken China als billiges Testlabor für die Entwicklung neuer Wirkstoffe. Während daheim eine hitzige Diskussion um die Grenzen der Forschung tobt, bauen Firmen wie Millennium, Celera und Glaxo SmithKline ihre Forschung im Reich der Mitte aus.


Den rechtlichen Rahmen dafür hat die Kommunistische Partei bereits Mitte der 90er Jahre gesetzt. Neben der Verringerung der Geburtenzahl nahm sie sich auch die "Verbesserung der Bevölkerungsqualität" zum Ziel.



Gesunde Kinder per Dekret


Wie das konkret aussehen soll, steht in dem 1995 verabschiedeten Gesetz über die Gesundheitsfürsorge für Mütter und Kinder, im Ausland bekannt als "Eugenik-Gesetz". Voreheliche Gesundheitstests sind Pflicht. Werden schwerwiegende Erbkrankheiten diagnostiziert, soll der Arzt "von einer Eheschließung abraten", falls die Ehepartner nicht zur Sterilisation oder zu langfristig wirksamen Verhütungsmaßnahmen bereit sind. Ebenso vorgeschrieben ist die pränatale Untersuchung. Die Mediziner sind gehalten, bei schwerwiegenden Krankheiten oder genetischen Defekten des Fötus auf Abtreibung zu drängen. Das Gesetz verquickt biomedizinische Forschung mit Wirtschaftsinteressen und politischen Vorgaben. Hinzu kommt, dass es von Provinz zu Provinz unterschiedlich angewendet wird.


Für ihre eindeutig eugenische Politik berüchtigt ist die Provinz Gansu. "Die Provinzregierung brüstet sich damit, schon über 5000 geistig behinderte Menschen zwangssterilisiert zu haben", berichtet ein entsetzter Pekinger Genforscher. Wie einst Staatschef Deng Xiaoping sind auch die Parteikader in Chinas Westen überzeugt: "Dumm gebiert Dumm, und Arm gebiert Arm."


Das Bruttoinlandsprodukt von Gansu beträgt pro Kopf nur ein Zwölftel von dem Shanghais. So ist die Verlockung für die Provinzfürsten groß, die Missachtung Pekinger Vorschriften zu einem Standortvorteil zu machen. Die Aufsicht von Unternehmen erfolgt zumeist durch regionale Behörden, die gern ein Auge zudrücken.


Von solcher staatlichen Gesundheitsvorsorge erhoffen sich viele Biotech-Unternehmen satte Profite. Shaanxi Chaoqun Technology beispielsweise bekam im März vom Gesundheitsministerium die Zulassung für einen DNA-Chip, der Hepatitis B und C sowie das Aids-Virus zuverlässig und schnell erkennen kann. Später sollen weitere Chips für die Diagnose von Erbkrankheiten entwickelt werden. "Der DNA-Chip soll werdenden Eltern durch einen einfachen Bluttest zeigen, wie hoch das Risiko der Geburt eines geistig behinderten oder taubstummen Kindes ist", sagt die Forscherin Ru Xiaorong.


Gemeinsam mit der staatlichen Kommission für Familienplanung will das Unternehmen binnen drei Jahren landesweit zehn DNA-Untersuchungszentren aufbauen. In der Projektbeschreibung heißt es: "Auf dem einheimischen Markt warten zehn Millionen Paare auf die voreheliche Untersuchung, 9,8 Millionen Föten erwarten die pränatale Untersuchung."


Insgesamt sollen 10,5 Mio. Euro investiert werden. In drei Jahren will die Firma schwarze Zahlen schreiben. Ausländische Investoren sind erwünscht. Die Regierung in Peking möchte internationales Kapital und Know-How anlocken, großzügige Steuervergünstigungen sind geplant. Der Staat fördert die Biotech-Branche durch massive Investitionen. Im zehnten Fünfjahresplan für die Jahre 2001 bis 2005 ist eine Summe von über 600 Mio. $ vorgesehen.



Celera ist längst präsent


Seit langem in China präsent ist Genpapst Craig Venter. Dessen Konzern Celera, der die Entschlüsselung des menschlichen Genoms entscheidend vorantrieb, kaufte sich vergangenes Jahr beim Unternehmen Shanghai Genecore BioTechnologies ein. Mehr als 1000 akademische Einrichtungen, Krankenhäuser und biopharmazeutische Firmen zahlen für Celeras Technik, die zur Sequenzierung und Analyse gebraucht wird.


Im weltweiten Wettrennen um die Entdeckung von krankheitsrelevanten Genen spielt China eine wichtige Rolle. Auf dem Land gibt es noch jene abgelegenen Dörfer, wo alle denselben Familiennamen haben. Eine über Generationen weitgehend gleichbleibende Bevölkerung und klar nachvollziehbare Stammbäume sind der Traum jedes Genforschers.


"Wir haben durch Genecore Zugang zu einem bedeutenden Teil der pflanzlichen, tierischen und menschlichen Gene in China", schwärmt Venter. Dieser Genpool könnte den Schlüssel für eine Vielzahl neuer Medikamente enthalten - und den Entwicklern Milliardengewinne verschaffen.


Während Venter ein "zuversichtliches" Klima für seine Aktivitäten feststellt, sorgen sich chinesische Humangenetiker um die mangelnde ethische Aufsicht bei Unternehmen wie Celera. Die Amerikaner treten als rein profitorientierte Konkurrenz zur überwiegend öffentlich finanzierten chinesischen Forschung auf. "Die westliche Pharma-Industrie gibt nicht einmal fünf Prozent ihrer Mittel für Forschungszwecke aus, die den armen Ländern nützt", kritisiert der Pekinger Genforscher Yang Huanming.


In der Tat konzentrieren sich die Westkonzerne auf Zivilisationskrankheiten, an denen kaum ein Chinese leidet. Professor Yang und seine Kollegen werfen den Ausländern "Gen-Piraterie" vor, die Ausplünderung des Genpools ganzer Bevölkerungen, ohne dass die Spender einen Nutzen von der Forschung haben.


Ein drastisches Beispiel dafür gibt ein Projekt der Harvard-Universität. Die US-Elitehochschule hatte in der armen chinesischen Provinz Anhui ausgerechnet Asthma und Fettsucht erforschen lassen. Das Projekt leitete der in Anhui geborene Xu Xiping, die US-Gesundheitsbehörde NIH und der Pharmakonzern Millennium unterstützten die Forschung.


Im Projektantrag versprach Xu, durch seine guten Kontakte zu den Behörden auf den Genpool von 200 Millionen Menschen zurückgreifen zu können. Als besonderen Vorteil nannte der Harvard-Forscher die Rückständigkeit der Region: Da die Bewohner kaum über eine medizinische Grundversorgung verfügten, könne die Genetik eines "naturbelassenen" Krankheitsbildes untersucht werden.


Bei den Untersuchungen ging es nie um das Wohl der Betroffenen. Weder die NIH noch Harvard leisteten eine Projektaufsicht vor Ort. Die Teilnehmer der Studie erhielten ein paar Dollar sowie einige Packungen Fertignudeln als Entschädigung. Außerdem wurde ihnen medizinische Gratis-Versorgung in Aussicht gestellt, falls die Blutuntersuchungen positive Diagnosen ergeben würden.


Dieses Versprechen verschwand mit Tausenden von Blutproben in die USA. Projektleiter Xu selbst weist jede Verantwortung von sich. Er stellt sich als Patrioten dar und spricht von einem "für alle Seiten glänzenden Geschäft". Für Co-Sponsor Millennium war es das tatsächlich: Schon 1998 konnte das Unternehmen ein so genanntes Gen-Target für Fettsucht identifizieren - und in eine lukrative Zusammenarbeit mit dem Pharmakonzern Roche einbringen. Ein Asthmawirkstoff ging kürzlich in die zweite klinische Testphase. Auch hier kann Millennium möglicherweise von den Ergebnissen der umstrittenen China-Studie profitieren.



Befremdlich unbürokratisch


Bedenken wie die von Professor Yang, der das Pekinger Zentrum für Humangenetik leitet, bleiben an anderen Standorten ungehört. So laufen in der Wirtschaftsmetropole Shanghai die Kooperationen mit den Westen auf Hochtouren. Die Shanghaier Labors kooperieren mit dem Pharma-Konzern Glaxo SmithKline nach der Tauschformel: westliche Technik gegen Anteile an chinesischen Patenten.


Die rechtlichen Grenzen der Forschung sind unklar. "Wir müssen uns zum Glück nicht gegen verkalkte Strukturen behaupten", lobt Jiang Chao, Präsident der Medizinischen Universität zu Dalian, die Regierung: "Der Staat lässt uns sehr große Freiräume. Die Ergebnisse der grenzenlosen Forschung gehen hinaus in die Welt. Die Exporte der chinesischen Pharma-Industrie betrugen im vergangenen Jahr über 3,5 Mrd. $ und stiegen im ersten Quartal dieses Jahres um 17 Prozent. Für den Gen-Ausweis von Dr. Zhang besteht im Ausland vorerst kein Bedarf. Medikamente gegen westliche Wohlstandskrankheiten verkaufen sich dagegen gut - egal, woher sie stammen.


Ole Döring forscht mit Mitteln der Helmut-Storz-Stiftung über ethische Fragen der Humangenetik in China.



© 2001 Financial Times Deutschland
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